Sie sind hier :
  1. 2013

Der sauerstoffarme Weg zur Schule

von Busexperte Julius Kamper

Um 7.18 Uhr, wenn viele Stader Schüler gerade erst aufstehen, beginnt für mich der allmorgendliche Kampf um den besten Sitzplatz.

Schon bevor der Bus „Stade - am Exerzierplatz“ an unserer Haltestelle hält und der bemitleidenswerte Busfahrer, der uns Schüler jeden Morgen zum Athenaeum fahren muss, uns die Tür aufmacht, geht das Gedränge los. Wer weiter vorne in der Reihe an der Haltestelle steht, hat größere Chancen auf einen Sitzplatz in guter Lage; womöglich ist sogar noch ein Platz für den Freund oder die Freundin drin, der oder die später einsteigt. Leider stehe ich nicht ganz vorne in der Reihe und muss mich mit einem der Restplätze begnügen.
Immerhin besser als stehen.
Zum Glück habe ich inzwischen Erfahrung im „Zur-Schule-Fahren“. Neueinsteiger (im wahrsten Sinne des Wortes), also Fünftklässler, oder welche, bei denen die letzte Schulbusfahrt schon etwas zurückliegt, also Erwachsene, haben wenig Chancen. Der Bus setzt sich nun, nachdem auch der Letzte eingestiegen ist, in Richtung Stade in Bewegung. Leider wird die Sitzplatzsituation mit der zunehmender Fahrdauer auch nicht besser. Wer keinen hat, der vorher einsteigt und einem einen der begehrten Sitzplätze freihält, muss spätestens jetzt stehen. Am Anfang ist selbst das noch bequem, aber mit zunehmender Schülerzahl wird der Platz, der jedem Stehenden zu Verfügung steht, dementsprechend kleiner.
Die Folge ist Gedränge.
Wer Glück hat, kann das Ganze bequem von seinem Sitzplatz aus beobachten, wer Pech hat, der wird von anderen, die bequem auf ihren Sitzplätzen sitzen, beobachtet. Währenddessen scheint sich die Schülerzahl an jeder Haltestelle zu verdoppeln, und der genervte Busfahrer muss die Schüler zum fünften Mal auffordern, nach hinten durchzugehen, damit alle im Bus Platz haben. Da man dafür allerdings das Gespräch mit dem sitzenden Freund/der sitzenden Freundin, aufgeben müsste, wird das Bitten des Busfahrers schnell mal überhört und ignoriert.

Der überlebenswichtige Sauerstoff ist bald nahezu aufgebraucht, und die Heizung läuft auf voller Kraft, was im Winter zwar ganz angenehm ist, im Sommer aber für Temperaturen wie in einem ICE der deutschen Bahn im Hochsommer sorgt. Die beschlagenen Scheiben verhindern einen Blick nach draußen, bieten aber denjenigen, die ganz besonders an Langeweile leiden, eine Beschäftigung: Man kann gut Tic-Tac-Toe drauf spielen.
So sitze ich nun also im Bus: Ohne Sauerstoff zum Atmen höre ich mir die laute Musik an, die von den Kopfhören eines zukünftigen Hörgeräteträgers zwei Reihen vor mir herüberdröhnt, und versuche etwas durch die Scheiben zu erkennen, die offensichtlich nicht nur beschlagen, sondern auch dreckig sind. Und zwar von außen. Nach etwa einer halben Stunde, manchmal früher, im Winter auch gerne später, kommt der Bus endlich an seinem Ziel an. Die Schülermassen, die sich über viele Haltestellen im Bus angesammelt haben, strömen nun an einer einzigen wieder heraus. Nur die wenigen Schüler, die weiter zum Exerzierplatz müssen, bleiben noch sitzen. Ich steige am Athe aus.

Diese Fahrt habe ich hinter mir. Ich kann wieder atmen.

Vorschau