Um 7.18 Uhr, wenn viele Stader Schüler gerade erst aufstehen,
beginnt für mich der allmorgendliche Kampf um den besten Sitzplatz.
Schon bevor der Bus „Stade - am Exerzierplatz“ an unserer
Haltestelle hält und der bemitleidenswerte Busfahrer, der uns
Schüler jeden Morgen zum Athenaeum fahren muss, uns die Tür
aufmacht, geht das Gedränge los. Wer weiter vorne in der Reihe an
der Haltestelle steht, hat größere Chancen auf einen Sitzplatz in
guter Lage; womöglich ist sogar noch ein Platz für den Freund oder
die Freundin drin, der oder die später einsteigt. Leider stehe ich
nicht ganz vorne in der Reihe und muss mich mit einem der
Restplätze begnügen.
Immerhin besser als stehen.
Zum Glück habe ich inzwischen Erfahrung im „Zur-Schule-Fahren“.
Neueinsteiger (im wahrsten Sinne des Wortes), also Fünftklässler,
oder welche, bei denen die letzte Schulbusfahrt schon etwas
zurückliegt, also Erwachsene, haben wenig Chancen. Der Bus setzt
sich nun, nachdem auch der Letzte eingestiegen ist, in Richtung
Stade in Bewegung. Leider wird die Sitzplatzsituation mit der
zunehmender Fahrdauer auch nicht besser. Wer keinen hat, der vorher
einsteigt und einem einen der begehrten Sitzplätze freihält, muss
spätestens jetzt stehen. Am Anfang ist selbst das noch bequem, aber
mit zunehmender Schülerzahl wird der Platz, der jedem Stehenden zu
Verfügung steht, dementsprechend kleiner.
Die Folge ist Gedränge.
Wer Glück hat, kann das Ganze bequem von seinem Sitzplatz aus
beobachten, wer Pech hat, der wird von anderen, die bequem auf
ihren Sitzplätzen sitzen, beobachtet. Währenddessen scheint sich
die Schülerzahl an jeder Haltestelle zu verdoppeln, und der
genervte Busfahrer muss die Schüler zum fünften Mal auffordern,
nach hinten durchzugehen, damit alle im Bus Platz haben. Da man
dafür allerdings das Gespräch mit dem sitzenden Freund/der
sitzenden Freundin, aufgeben müsste, wird das Bitten des Busfahrers
schnell mal überhört und ignoriert.
Der überlebenswichtige Sauerstoff ist bald nahezu aufgebraucht, und
die Heizung läuft auf voller Kraft, was im Winter zwar ganz
angenehm ist, im Sommer aber für Temperaturen wie in einem ICE der
deutschen Bahn im Hochsommer sorgt. Die beschlagenen Scheiben
verhindern einen Blick nach draußen, bieten aber denjenigen, die
ganz besonders an Langeweile leiden, eine Beschäftigung: Man kann
gut Tic-Tac-Toe drauf spielen.
So sitze ich nun also im Bus: Ohne Sauerstoff zum Atmen höre ich
mir die laute Musik an, die von den Kopfhören eines zukünftigen
Hörgeräteträgers zwei Reihen vor mir herüberdröhnt, und versuche
etwas durch die Scheiben zu erkennen, die offensichtlich nicht nur
beschlagen, sondern auch dreckig sind. Und zwar von außen. Nach
etwa einer halben Stunde, manchmal früher, im Winter auch gerne
später, kommt der Bus endlich an seinem Ziel an. Die Schülermassen,
die sich über viele Haltestellen im Bus angesammelt haben, strömen
nun an einer einzigen wieder heraus. Nur die wenigen Schüler, die
weiter zum Exerzierplatz müssen, bleiben noch sitzen. Ich steige am
Athe aus.
Diese Fahrt habe ich hinter mir. Ich kann wieder atmen.
Der sauerstoffarme Weg zur Schule
von Busexperte Julius Kamper



