Liebe Schülerinnen und Schüler,
seit knapp einem halben Jahr werden an fast allen niedersächsischen
Gymnasien keine Klassenfahrten mehr durchgeführt. Vor kurzer Zeit
war das für viele von uns noch unvorstellbar. Erinnert euch mal an
eure letzten Klassenfahrten zurück: man lernt die Klassenkameraden
näher kennen, besucht Städte und Sehenswürdigkeiten, zu denen man
sonst nie kommen würde. Man lernt die Lehrer mal von einer ganz
anderen Seite kennen – nicht als die strengen Pauker, die euch was
von Goethe, Karl dem Großen und binomischen Formeln eintrichtern
wollen, nein – man lernt sie als Menschen kennen. Man lernt Inhalte
des Unterrichts mal in einer ganz anderen Form kennen. Klassen- und
Kursfahrten sind vielleicht das Wertvollste, was eine Schule ihren
Schülern bieten kann.
Und das hört jetzt auf? Weil sich die Lehrer und die
Landesregierung nicht vernünftig an einen Tisch setzen und über
Konflikte reden können? Weil weder die Lehrer noch die
Landesregierung zu einem Kompromiss bereit sind? Die beiden Seiten,
die doch verantwortlich sind für gute und pädagogisch sinnvolle
Bildung, deren Ziel es ist, für unsere Zukunft Sorge zu tragen,
ebendiese Seiten können sich nun nicht einig werden, und
verursachen damit nur noch mehr Probleme.
So kann es nicht weitergehen!
Die Landesregierung auf der einen Seite soll die Stimmen der Lehrer
erhören, die für den Erhalt ihrer Arbeitsbedingungen kämpfen.
Wohlgemerkt – nicht für mehr Geld, mehr Urlaub, weniger
Arbeitsstunden, wie es in manch anderen Berufen üblich ist – sie
verlangen, dass die Arbeitsbedingungen erhalten werden, wodurch
Aktivitäten wie Klassenfahrten erst möglich sind.
Auf der anderen Seite appellieren wir an die Lehrer, einmal darüber
nachzudenken, ob ein Boykott der Klassenfahrten gegenüber den
Schülern überhaupt vertretbar ist. Schließlich seid ihr Lehrer es,
die ja nun unmittelbar für unsere Bildung Verantwortung zeigen
müssen. Um euch selbst zu entlasten, lasst ihr Klassenfahrten
ausfallen und denkt dabei aber kaum an die Folgen für die Schüler,
denen dadurch ein essenzieller Teil des Schullebens entzogen wird.
Athenaeer demonstrieren für Klassenfahrten
Jetzt müssen schon die Schüler erwachsen sein…
2000 Schüler demonstrieren für Klassenfahrten

Am 14.Januar versammeln sich Schüler aus sechs verschiedenen Schulen am Athenaeum um den Dialog zwischen Lehrern und Politikern zu bewirken.

Die Hoffnung auf einen Kompromiss bleibt.
Aber sind die Lehrer auch so überfordert, wie sie behaupten? Die
Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte werden immer häufiger kontrovers
diskutiert. Andere Berufstätige sehen die Arbeitsbedingungen als
äußerst angenehm: Feierabend um halb 2, 12 Wochen Ferien und ein
Gehalt, von dem einige nur träumen können. Fürsprecher hingegen
behaupten, die Lehrer seien zunehmend von ihrer Arbeit überfordert,
haben durch Unterrichtsvorbereitungen und Korrekturen kaum noch
Zeit für ihre Familie, und die Ferien sind durch Klassenarbeiten
und Klausuren alles andere als eine arbeitsfreie Zeit.
Der Beruf des Lehrers ist dadurch in vielerlei Hinsicht
differenziert zu betrachten. Man muss verschiedene Aspekte
untereinander abwiegen, um begründet darüber urteilen zu können, ob
die Stunde Mehrarbeit oder der Verzicht auf Klassenfahrten
vertretbar ist oder nicht.
Aber genau das müssen Lehrer und Politiker gemeinsam tun, sie
müssen miteinander reden und zu einem Kompromiss finden. Die
Schüler dürfen nicht zu den Leidtragenden dieses Konflikts werden.
Deshalb appelliere ich an die Lehrkräfte, appelliere ich an die
Regierung: Redet miteinander! Findet eine andere Lösung! Seid
kompromissbereit! Und an dieser Stelle möchte ich mal aus dem
Bildungsauftrag der Schule, festgeschrieben im Niedersächsischen
Schulgesetz, zitieren: „Die Schülerinnen und Schüler sollen fähig
werden, Konflikte vernunftgemäß zu lösen, aber auch Konflikte zu
ertragen.“ Wie aber sollen wir Schüler Konfliktlösung erlernen,
wenn direkt vor ihrer Nase es Lehrer und Politiker nicht
hinbekommen, ihre Konflikte auf vernünftigem Wege zu lösen und
stattdessen den Kreis der Betroffenen ständig ausweiten? Dies muss
ein Ende haben! Lehrer, Politiker, redet miteinander, geht
aufeinander ein, diskutiert miteinander, verhandelt; aber lasst die
Schüler nicht länger unter eurem Konflikt leiden!
Schülersprecher Marvin Ruder

Vom Schulhof des Athenaeums geht es über die Harsefelder Straße und die Hansebrücke um die Innenstadt herum bis zum Platz „Am Sande“.

Als alle am Sande angekommen sind, bestärken Vertreter verschiedener Jugendparteien und Schülervertreter die Meinung der Schülerschaft durch emotional aufgeladene Reden.


