Das Denkmal neben der Aula ist vielen Schülern ein fremder Ort. Mit
einem Seil abgesperrt, lange Zeit verdeckt von den Garderoben ist
es kein sonderlich auffälliger Platz der Schule. Wer in seinen
Pausen nicht das Bedürfnis hat, dass Athenaeum auf der Suche nach
unbekannten Orten zu durchforsten, dem bleibt dieser unscheinbare
Platz vermutlich auch sein Schulleben lang unbekannt. Zwei bunte
Fenster im Hintergrund, grauer Fliesenboden, eine Tafel an der
Wand, ein Altar in der Mitte. Nicht sonderlich auffällig.
Doch die Denkmäler hatten ihren Platz nicht immer so weit abseits
des Schullebens. Bevor der Altbau im Jahr 1956 umgebaut wurde,
waren sie integriert in die Aula, wenn auch noch nicht in der
heutigen Form. Die Namen der Gefallenen des Lehrerseminars waren in
einem Schrein, die der gefallenen Athenaeer auf einer Gedenktafel
festgehalten und im rechten Flügel des Orgelprospekts untergebracht
worden. Als man sich dafür entschied, die kaputte Orgel, deren
Renovierung nicht mehr lohnenswert erschien, durch eine moderne
elektronische Orgel zu ersetzen und die Orgelkammer in die bis
heute bestehende Bühne umzuwandeln, mussten die Denkmäler ihren
Platz räumen. Der größtenteils vom Kunstgewerbler Titze gefertigte
Schrein, welcher die Namen der gefallenen Seminaristen des ersten
Weltkrieges enthielt, wurde dabei nicht übernommen, anders als das
Relief des Bildhauers Gothe aus dem Jahr 1921, welches neben dem
Schrein für das Gedenken an die Seminaristen erstellt wurde. Das
Bild soll das Thema des Nibelungenliedes aufgreifen und zeigt einen
alten Barden, der den jüngeren Generationen vom Leiden und Sterben
der Opfer erzählt.
Es wurde in das neue Denkmal für die Gefallenen des ersten
Weltkrieges integriert, in dem an Seminaristen und Athenaeer
gemeinsam erinnert wird, während es zunächst getrennte Denkmäler
gab.
Die kupferfarbene Tafel mit den Namen der Opfer sowohl unter den
Lehrern als auch unter den Schülern der Seminaristen sowie der
Athenaeer hängt bis heute in der Gedenkstätte bei der Aula. Die
notwendige Umgestaltung der bereits vorhandenen Denkmäler gab den
endgültigen Anstoß, auch für die Gefallenen des zweiten Weltkrieges
eine Erinnerungsstätte zu errichten, um die sich der Verein der
Ehemaligen schon lange bemüht hatte. So wurde ein weiteres,
möglichst passendes Denkmal zusätzlich zu der Tafel erstellt. In
der Mitte der Gedenkstätte befindet sich ein Altar mit der
Aufschrift „Den Gefallenen des Athenaeums zu Stade“. Um die Toten
auch bei diesem Denkmal namentlich zu ehren, befand sich zunächst
ein Buch mit ihren Namen im Inneren des Altares. Im Rahmen der
Feierlichkeiten zum 375-jährigen Jubiläum des Athenaeums wurde die
Gedenkstätte geweiht.
Ein fast vergessener Ort unserer Schule – die Kriegsdenkmäler
von Maike Mayer


Doch nicht lange hielt der Respekt der Schüler für Tafel und Altar
an. Immer häufiger wurde das Denkmal des zweiten Weltkrieges als
Mülleimer genutzt und zum Namensverzeichnis gesellten sich
Bonbonpapier und Mandarinenschalen. Dies ging so weit, dass
schließlich als Konsequenz das Buch ins Büro des Schulleiters
wanderte, die Denkmäler abgesperrt wurden und mittlerweile mehr und
mehr in Vergessenheit geraten.
Erfüllen sie damit heutzutage überhaupt noch ihren Zweck? Wohl
kaum. Denn in dem Wort „Gedenkstätte“ steckt offensichtlich das
Wort „Gedenken“. Eine Gedenkstätte, an die niemand denkt, die
niemand kennt, regt nicht zum Gedenken an. Doch dafür wurde sie
erbaut. Zum Erinnern, nicht zum Vergessen. Demnach ist durchaus die
Frage angebracht, ob es nicht jetzt, in den Jahren in denen sich
der erste Weltkrieg zum hundertsten Mal jährt und auch unsere
Gedenkstätte im Athenaeum bereits älter als 50 Jahre ist, an der
Zeit ist, dass Denkmal erneut zu überholen. Die klare christliche
Ausprägung des Altars sowie der klare Ausschluss der Opfer anderer
Länder der Weltkriege aus dem Gedenken (deutlich erkennbar
beispielsweise am typisch deutschen Symbol des Nibelungenliedes)
erscheinen längst nicht mehr zeitgemäß. Auch die abgeschiedene
Platzierung des Denkmales ist nicht gerade vorteilhaft für die
eigentlichen Aufgaben einer Gedenkstätte. Immer wieder wird betont,
wie wichtig es ist, sich an die Weltkriege zu erinnern und die
Denkmäler könnten durchaus ihren Beitrag dazu leisten. Aber nicht
so.


