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  1. 2015

„Ich glaub‘, die ha‘m ‘nen Vogel!“

von Melina Umland

Rot-weißes Absperrband flattert im Wind. Drückende Stille. Eine Reihe schwarzgepanzerter Einsatzkräfte. Die Polizeihelme glänzen im Licht der Nachtmittagssonne.
Ganz so ist der Schulgarten zwar nicht abgesperrt, aber betreten darf ihn trotzdem niemand.
Am 2. Juni kam die Durchsage der stellvertretenden Schulleiterin Elfriede Schöning, dass der Schulgarten mit sofortiger Wirkung gesperrt sei. Ihre Begründung lautete vorerst neutral „Die Jungvögel werden flügge“.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit.


Wenden wir uns doch einem modellierten Donnerstagvormittag zu.
Zwei Schüler, nennen wir sie ganz zeitgemäß Hans und Karla, spielen in der Pause fröhlich im Schulgarten. Sie sind gerade frisch in die fünfte Klasse gekommen und begeistert von dem schönen Gebäude und der tollen Natur direkt daneben.
Während Hans und Karla also um den Teich laufen, nähert sich der schicksalsschwere Moment. Karla bleibt stehen. „Guck mal, Hans, Guck mal! Ein süßes Vögelchen!“
Hans kommt herüber gerannt und blickt auf das vermeintlich hilflose Vögelchen.
„Was können wir da nur machen…?“

Zehn Minuten später stehen Karla und Hans vor ihrer Lehrerin, in der Hand einen nun wirklich hilfloses Vögelchen.
Die Lehrerin ist tief schockiert.

Auf unser Nachfragen berichtet Frau Schöning uns, dass am Tag der Schulgartensperrung eine Schulbegleiterin zu ihr gekommen sei, in der Hand einen Pappkarton aus dem es jämmerlich piepte. Auch zu ihr seien Schüler mit Jungvögelchen gekommen. Viele der jüngeren Kinder hätten die Vögelchen, die fliegen übten, fälschlicherweise für verletzt gehalten und haben sich um die „gebrochenen Flügel“ kümmern wollen. Nachdem der erste Schüler einen Jungvogel aufgehoben hatte, seien alle Hemmungen gebrochen gewesen und die Kleinen wären regelrecht ausgeschwärmt, auf der Suche nach „hilfsbedürftigen“ Vögelchen.

Ganz offensichtlich ist keinem von ihnen klar gewesen, dass man Jungvögel nicht anfassen darf!
Der Geruch des Menschen überträgt sich auf das Vögelchen, welches von seinen Eltern nicht mehr erkannt wird – es verhungert.
Ältere Schüler sind verwirrt und entsetzt. „Also ich weiß ja nicht, wie das heutzutage so ist, aber mir wurde als Kind beigebracht, dass man junge Tiere nicht anfassen darf!“
Jungvogelleichen hat bis jetzt noch niemand gesichtet, doch Frau Schöning, die auch Biolehrerin ist, erklärt: „Die findet man meist nicht, vorher werden sie von größeren Vögeln wie zum Beispiel Elstern weggeholt und aufgefressen.“

Auch wenn die Schüler sicher nichts Böses im Sinn hatten, sind die Vorfälle alarmierend. Es zeigt sich kein anderer Ausweg als den Schulgarten zu sperren, um die noch lebenden Jungvögel vor hilfsbereiten Schülern zu retten. Vorerst wird eine Frist von drei Wochen angesetzt, die am 23. Juni ausläuft.
Für das nächste Jahr ist bereits mit den Biolehrerinnen und -lehrern abgesprochen, dass in den fünften Klassen im Rahmen des Themas „Wirbeltiere“ eine Aufklärung stattfinden soll.

Doch das scheint nicht das einzige Problem zu sein. Im Schulgarten ist das Verhalten der Schüler – vor allem der jüngeren – in vielen Bereichen unzumutbar. Nicht nur das Anfassen der Jungvögel ruft Verärgerung hervor, auch die immer wiederkehrende Zerstörung der ehrenamtlich gepflegten Beete und die Verstopfung des Teichs mithilfe von Steinen wurde bereits mehrfach zur Sprache gebracht – bis jetzt ohne Erfolg.
Nachdem der Schulgarten gesperrt worden war und am Tag danach auch der Beschluss gefasst wurde, den E-Bau für die Pausen zu räumen, toben die Kinder auf dem Schulhof und leider auch in den Beeten vor der Turnhalle. Schließlich sind die ja kein Schulgarten.
„Da passt die Aufsicht scheinbar nicht richtig auf.“, seufzt Frau Schöning angestrengt. Schon lange ist der Schulgarten unter ihrer Leitung und seine respektlose Behandlung setzt ihr zu.

Trotzdem wird es zumindest für das Aufheben der Jungvögel keine weiteren Konsequenzen geben, denn: „Die Schüler machen das ja nicht mit bösen Absichten, das ist vielmehr übertriebene Fürsorge.“
Jetzt wird gehofft, dass die in diesem Jahr erstmalig aufgetretene Sperrung auch einmalig bleibt und im nächsten Jahr die Aufklärung schlimmeres verhindert.
Und um die Kinder vom rücksichtslosen Toben abzuhalten, sind auch schon weitere Ideen bestellt…

[…neugierig wie diese Ideen aussehen sollen? Klarheit schafft der Artikel „Hoch hinaus!“]

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