Rot-weißes Absperrband flattert im Wind. Drückende Stille. Eine
Reihe schwarzgepanzerter Einsatzkräfte. Die Polizeihelme glänzen im
Licht der Nachtmittagssonne.
Ganz so ist der Schulgarten zwar nicht abgesperrt, aber betreten
darf ihn trotzdem niemand.
Am 2. Juni kam die Durchsage der stellvertretenden Schulleiterin
Elfriede Schöning, dass der Schulgarten mit sofortiger Wirkung
gesperrt sei. Ihre Begründung lautete vorerst neutral „Die
Jungvögel werden flügge“.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Wenden wir uns doch einem modellierten Donnerstagvormittag zu.
Zwei Schüler, nennen wir sie ganz zeitgemäß Hans und Karla, spielen
in der Pause fröhlich im Schulgarten. Sie sind gerade frisch in die
fünfte Klasse gekommen und begeistert von dem schönen Gebäude und
der tollen Natur direkt daneben.
Während Hans und Karla also um den Teich laufen, nähert sich der
schicksalsschwere Moment. Karla bleibt stehen. „Guck mal, Hans,
Guck mal! Ein süßes Vögelchen!“
Hans kommt herüber gerannt und blickt auf das vermeintlich hilflose
Vögelchen.
„Was können wir da nur machen…?“
Zehn Minuten später stehen Karla und Hans vor ihrer Lehrerin, in
der Hand einen nun wirklich hilfloses Vögelchen.
Die Lehrerin ist tief schockiert.
Auf unser Nachfragen berichtet Frau Schöning uns, dass am Tag der
Schulgartensperrung eine Schulbegleiterin zu ihr gekommen sei, in
der Hand einen Pappkarton aus dem es jämmerlich piepte. Auch zu ihr
seien Schüler mit Jungvögelchen gekommen. Viele der jüngeren Kinder
hätten die Vögelchen, die fliegen übten, fälschlicherweise für
verletzt gehalten und haben sich um die „gebrochenen Flügel“
kümmern wollen. Nachdem der erste Schüler einen Jungvogel
aufgehoben hatte, seien alle Hemmungen gebrochen gewesen und die
Kleinen wären regelrecht ausgeschwärmt, auf der Suche nach
„hilfsbedürftigen“ Vögelchen.
Ganz offensichtlich ist keinem von ihnen klar gewesen, dass man
Jungvögel nicht anfassen darf!
Der Geruch des Menschen überträgt sich auf das Vögelchen, welches
von seinen Eltern nicht mehr erkannt wird – es verhungert.
Ältere Schüler sind verwirrt und entsetzt. „Also ich weiß ja nicht,
wie das heutzutage so ist, aber mir wurde als Kind beigebracht,
dass man junge Tiere nicht anfassen darf!“
Jungvogelleichen hat bis jetzt noch niemand gesichtet, doch Frau
Schöning, die auch Biolehrerin ist, erklärt: „Die findet man meist
nicht, vorher werden sie von größeren Vögeln wie zum Beispiel
Elstern weggeholt und aufgefressen.“
Auch wenn die Schüler sicher nichts Böses im Sinn hatten, sind die
Vorfälle alarmierend. Es zeigt sich kein anderer Ausweg als den
Schulgarten zu sperren, um die noch lebenden Jungvögel vor
hilfsbereiten Schülern zu retten. Vorerst wird eine Frist von drei
Wochen angesetzt, die am 23. Juni ausläuft.
Für das nächste Jahr ist bereits mit den Biolehrerinnen und
-lehrern abgesprochen, dass in den fünften Klassen im Rahmen des
Themas „Wirbeltiere“ eine Aufklärung stattfinden soll.
Doch das scheint nicht das einzige Problem zu sein. Im Schulgarten
ist das Verhalten der Schüler – vor allem der jüngeren – in vielen
Bereichen unzumutbar. Nicht nur das Anfassen der Jungvögel ruft
Verärgerung hervor, auch die immer wiederkehrende Zerstörung der
ehrenamtlich gepflegten Beete und die Verstopfung des Teichs
mithilfe von Steinen wurde bereits mehrfach zur Sprache gebracht –
bis jetzt ohne Erfolg.
Nachdem der Schulgarten gesperrt worden war und am Tag danach auch
der Beschluss gefasst wurde, den E-Bau für die Pausen zu räumen,
toben die Kinder auf dem Schulhof und leider auch in den Beeten vor
der Turnhalle. Schließlich sind die ja kein Schulgarten.
„Da passt die Aufsicht scheinbar nicht richtig auf.“, seufzt Frau
Schöning angestrengt. Schon lange ist der Schulgarten unter ihrer
Leitung und seine respektlose Behandlung setzt ihr zu.
Trotzdem wird es zumindest für das Aufheben der Jungvögel keine
weiteren Konsequenzen geben, denn: „Die Schüler machen das ja nicht
mit bösen Absichten, das ist vielmehr übertriebene Fürsorge.“
Jetzt wird gehofft, dass die in diesem Jahr erstmalig aufgetretene
Sperrung auch einmalig bleibt und im nächsten Jahr die Aufklärung
schlimmeres verhindert.
Und um die Kinder vom rücksichtslosen Toben abzuhalten, sind auch
schon weitere Ideen bestellt…
[…neugierig wie diese Ideen aussehen sollen? Klarheit schafft der
Artikel „Hoch hinaus!“]
„Ich glaub‘, die ha‘m ‘nen Vogel!“
von Melina Umland



