Brutal, finster, schmutzig. Jeder hat so seine kleinen Geheimnisse,
einige davon schlimmer als andere. Einige davon sehr viel
schlimmer.
Und eigentlich haben wir es doch auch alle schon lange geahnt. Wie
sagt man so schön? Klein, aber oho.
Wir wussten es doch. Nur hat sich niemand getraut nachzufragen.
Aber jetzt ist es soweit. Es ist raus.
Frau Schöning hat Leichen im Keller.
Nur einen Grund gibt es, dass sie sich so lange um den Schulgarten
gekümmert hat. Dass sie keine Kinder in den Beeten wollte.
Das war keine Pflege. Keine Umsicht für natürliche Ästhetik.
Das war die Angst einer Frau mit nicht mehr wirklich weißer Weste.
Es ging immer nur um den Kopf. Um den Totenschädel.
Drei Jahre hat sie geschwiegen, doch nun ist ihr ein Fehler
unterlaufen. Unschuldige Schüler und Schülerinnen hat sie mit ihrer
Autorität erpresst. Eine ganze Klasse wollte sie zu ihren Komplizen
machen.
Und wofür das Ganze? Wofür die Geheimnisse, der Tod, die Angst?
Ihr Motiv: eine gute Lehrerin sein
Ihre Waffe: einige Schaufeln.
Ihr Komplize: der Schlachter.
Ihre Opfer: die 6F3, die jetzt die 9F3 ist, und ein armes Schwein.
Vor drei Jahren hat Frau Schöning sich vom Schlachter einen übrig
gebliebenen Kopf besorgt. Dann hat sie ihre damalige sechste Klasse
mit Gartengerät ausgerüstet und in den Schulgarten zum Buddeln
geschickt.
Bennet hat drei Schritte vom Apfelbaum gemacht, dann haben die
armen Kinder angefangen zu graben.
Sie mussten sich die Stelle ohne Markierung merken, damit es keine
Beweise gibt.
[Etwa ein Schild am Tatort: „Hier liegt nur ein Kopf verbuddelt.
Nichts Besonderes. Es gibt nichts zu sehen. Gehen Sie einfach
weiter.“]
Nach stundenlanger, harter Arbeit war Frau Schöning, die
währenddessen wahrscheinlich Schmiere stand, zufrieden. Heimlich
versenkten sie den Schädel in der Erde.
Nach drei Jahren war es nun genug der Geheimniskrämerei. Frau
Schöning hat ihre ehemalige Klasse entführt, um ihren Erfolg
auszukosten.
Natürlich gab es einige Fehlversuche. Bennet war leider ein Stück
gewachsen und welcher Apfelbaum das damals war, puh, also die sehen
ja auch alle irgendwie gleich aus…
Außerdem war ja schon das Einbuddeln irgendwie gar nicht so
einfach. Der Schädel ist einfach unter den Sandhaufen geraten. (Wie
das passieren konnte, weiß jetzt auch niemand so genau.)
„Ihr seid immer auf den Haufen getreten und das hat so geknackt, da
dachte ich mir schon: ‚Dass das mal nicht der Schädel ist…‘“
Man hört es schon, selbst beim Vergraben von Leichenteilen sind
Mädchen feinfühliger als Jungen oder empfinden sich zumindest so.
Doch tatsächlich: „Wir haben später dann noch Einzelteile von dem
Kopf rausgeholt…“
Ob jetzt wirklich jemand auf den Kopf getreten ist oder ob doch der
eine Spatenstich, der leider daneben ging, Schuld war, wer weiß das
schon?
Aber nichtsdestotrotz ist es geschafft. Am 10.07.2015 hielten die
Schüler den von kleinsten Bodenlebewesen säuberlich abgeknabberten
Schweineschädel in den Händen, den Frau Schöning jetzt zu kleben
versucht.
Ich glaub mein Schwein pfeift!
von Melina Umland



