Das ist es wohl, was sich viele der Soldaten, die zu Beginn des 1. Weltkrieges zum Teil noch freudig freiwillig in den Krieg zogen, wenige Monate später am sehnlichsten wünschten. Tod, Verletzungen, Hunger, Nässe, Kälte ließen die Zeit vor dem Krieg schnell als eine vollständig andere Welt erscheinen. Der erbarmungslose Stellungskrieg mit Scharfschützen und Artillerieangriffen erschöpfte die Soldaten physisch wie psychisch, so dass jede Atempause als ein besonderes Geschenk angesehen wurde. Weihnachten 1914 kam es an vielen Stellen der Front zu Szenen, in denen sich die gegnerischen Seiten trafen und für ein paar Stunden darauf besannen, was sie eigentlich waren - Menschen, die sich im Grunde genommen nicht wirklich von einander unterschieden. Eine dieser Zusammenkünfte wird von Jérôme Savary in seinem Stück „Weihnachten an der Front“ beschrieben.
Ein bisschen Frieden
DS-Theaterstück „Weihnachten an der Front“
von Joshua Minow


Die wichtigsten Szenen aus diesem Stück wurden am 24. und 25. Juni
2015 von jeweils einem Kurs „Darstellendes Spiel“ der 11. Klassen,
unterrichtet von Frau Liebethal, aufgeführt. Es geht um zwei
Soldatengruppen, eine französische und eine deutsche, die sich an
Heiligabend in ihren Gräben gegenüberstehen. Beide Seiten
respektieren die Bedeutung dieses Abends und der Frontabschnitt
bleibt relativ ruhig. In dieser Pause vom Krieg beginnen die
Soldaten, ihre Zeit vor dem Krieg Revue passieren zu lassen. Sie
treffen sich letztendlich im „No man’s land“, aber nicht als
Feinde, sondern als Freunde und tauschen untereinander ihre
Geschichten aus.
Auch wenn es sich um das gleiche Stück handelte, unterschieden sich
die Inszenierungen doch voneinander. So war es zum Beispiel während
der Vorführung am 24.06.15 für das Publikum verwirrend, dass
Darsteller im Laufe des Abends verschiedene Charaktere
französischer als auch deutscher Nationalität spielten. Lücken im
Handlungsstrang wurden erst durch die 2. Aufführung vom 25.06.15
aufgeklärt. Während am Mittwoch ( 24.06. ) die Verbrüderungsszene
noch mit der Ankündigung „...den Franzosen vor den Graben zu
kac...“ eingeleitet wurde, ging man am Donnerstag einfach zu den
Franzosen hinüber. Kleine Unterschiede also, die nur der
vergleichende „Reporter“ entdecken konnte.
Im Hauptteil blickten die Akteure auf ihre Zeit vor dem Krieg
zurück. Da gab es den Akrobaten ( mit erstaunlich gelungenen
akrobatischen Einlagen ), der gern wieder bei seiner Freundin wäre
oder den Zuhälter, der seine Prostituierten zwischenzeitlich an die
Kirche verloren hatte. Nachdem die Soldaten die Schützengräben als
Feinde verlassen hatten und beim Feiern und Erzählen fast so etwas
wie Freunde wurden, mussten sie doch als Feinde wieder zurück in
die Gräben. Der Kurs vom 25.06.15 sah das Ende weniger optimistisch
als der andere Kurs. Dort überlebte niemand. Auch wenn es hier und
da mal hakte und es an manchen Stellen unfreiwillig komisch wurde,
ist es beiden Kursen gelungen, das Publikum 101 Jahre zurück in die
Zeit des 1. Weltkrieges zu versetzen und es in die Welt der Figuren
des Stücks mit ihren Wünschen und Hoffnungen eintauchen zu lassen.
„Das Komische und auch das Groteske waren Teil des Regiekonzeptes“,
erklärt Frau Liebethal.

Das aussagekräftige Bühnenbild sowie Licht und Ton, wie immer
perfekt ausgeführt von der Licht- und Tontechnik-AG, ergänzten die
Leistungen der Akteure in gelungener Weise. Kleinere Pannen, in
denen u.a. auch ein Gummihuhn eine Rolle spielte, gehören zu
Uraufführungen sowieso dazu. In anschließenden Gesprächen mit den
Schauspielern stellte sich heraus, dass auch diese mit ihrem Spiel
zufrieden, teilweise aber auch überrascht darüber waren, wie gut
die Aufführungen trotz der im Schauspiel relativ unerfahrenen
Beteiligten abliefen.
Das Plakat soll auch erwähnt werden – es wurde von Schülern
entworfen und ist mit seinen dezenten Farben sehr gelungen.
So lässt sich abschließend vermuten, dass diese Aufführungen nicht
nur einen positiven Eindruck beim Publikum hinterließen, sondern
sich bestimmt ebenso positiv in den Noten der Kursteilnehmer
widerspiegeln werden.


