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  1. 2015

Slam das ASS !

von Melina Umland

Für gewöhnlich werden in den letzten beiden Stunden vor der Zeugnisvergabe unglaublich wichtige Sachen erledigt wie… frühstücken… einen Film gucken… oder während des Frühstücks einen Film gucken.
Aber was sind die Alternativen? Das ASS hat zum Ende des Schuljahres bereits in finale Ferienstimmung versetzt – da will kein Lehrer ein Spielverderber sein und mittwochs in den ersten beiden Stunden noch Unterricht machen.
Also wird mangels besserer Ideen gefrühstückt?
Dieses Jahr war das nicht überall so.


Um die Stunden der Entspannung für die Schüler zu überbrücken, ohne ihnen selbst Arbeit abzuverlangen, haben die Ausrichterinnen des ASS „Poetry Slam“ (die diesen Artikel gaaar nicht selbst schreiben, schließlich ist das hier alles objektiv!) zur Vorführung geladen.
Warum auch nicht, genug Material gab es schließlich schon. Innerhalb von vier Tagen ASS hatten Schüler und Schülerinnen der Klassen 8 – 12 (obwohl auch die versehentlich zugeteilte Fünftklässlerin nicht weggeschickt wurde) unter lockerer Anleitung von uns dreien (Adriana Dinter, Luise Kranzhoff, Melina Umland) mithilfe von verschiedenen Kreativübungen Poetry-Slam-Texte geschrieben und vorgetragen.
Und da das Ganze schon im kleinen Rahmen so gut geklappt hat, stand der Aufführung nichts mehr im Weg.
Nach begeisterter Absegnung durch Frau Schöning ließen wir unseren ganzen, unübertrefflichen Charme spielen und brachten schließlich sechs Teilnehmer mit geradezu unbeschreiblicher Redekunst dazu, ihre kleinen Kunstwerke vor geladenen Klassen zu präsentieren.
Nachdem sich mitten im schwungvollen Anfang noch eine verspätete Klasse als Zuschauer dazugesellte, war das Forum schließlich gut mit Zuschauern gefüllt – die perfekte Voraussetzung für nervöse Teilnehmer ohne Bühnenerfahrung.
Während des ASS hatte noch größtenteils optimistische Stimmung unter den Freiwilligen geherrscht, doch als sie das Publikum dann sahen, wurde es direkt stiller unter ihnen.
Sie haben sich zwar bemüht, souverän zu wirken, doch wenn man sie wie wir im ASS etwas kennen gelernt hatte, hat man es mit einer Prise Menschenkenntnis und einem Hauch Finesse vollbracht, hinter die entspannte Fassade zu blicken und ihre Nervosität zu erkennen.

„Oh mein Gott, oh mein Gott, ich schaff‘ das doch nicht, ich geh‘ da nicht raus! Warum habe ich mich nur zu diesem Kram überreden lassen?! Oh ***, ich bin gleich dran…“


Bevor sie sich allerdings entscheiden konnten, das Ganze abzubrechen, haben wir einfach geistesgegenwärtig mit unserer Einleitung und dem Opferlamm angefangen.
[Für die im Poetry-Slam-Fachjargon nicht ganz so Bewanderten: Ein Opferlamm ist ein von der Kernveranstaltung unabhängig vorgetragener Text, der das Publikum für die eigentlichen Teilnehmer in Stimmung bringen soll. In unseren Fall hat sich eine der Seminarleiterinnen Luise Kranzhoff zu dieser schwierigen Aufgabe bekannt, um den partial nervösen Teilnehmern den Weg zu ebnen.]
Und, Mensch! Bevor Hanna Sawitzki überhaupt richtig wusste was los war, hatte sie bereits das unbeschreibliche Vergnügen, als erste der Teilnehmerinnen ihren Text zu präsentieren.
Das haben wir aber nicht aus Bosheit so gelegt.
Ihr Text hieß „Der Erste“.
Sie hat sich also praktisch fast beinahe freiwillig gemeldet.
Nach Hannas wohlverdientem Schlussapplaus baten wir auch direkt Jay Gerber auf die Bühne.
Jay hat seinen Text weniger lustig aufgezogen, sondern viel mehr moralisch an das Publikum appelliert, wobei er sich überwiegend auf das Thema Diskriminierung bezogen hat. Hier handelt es sich übrigens um den einzigen Teilnehmer, bei dem wir nach dem Zeitlimit von fünf Minuten langsam auf die Bühne gehen mussten, um seinen Redefluss zu stoppen.
Nachdem wir ihn allerdings unter Druck zu Ende reden lassen haben, waren wir bereit, Isabelle Catrais auf die Bühne zu rufen.
Als auch sie nach anfänglicher Nervosität ihren Auftritt über die Bühne gebracht hatte, blieben schließlich nur noch zwei Vorträger übrig – wohlweislich ausgewählt ein ernster und ein… amüsanterer Text.
Der auch direkt als nächstes vorgetragen wurde. Er hieß „die Nazi-Kartoffel-Theorie“.
(Als Autor honorieren wir an dieser Stelle Bennett Dinter.)
Und kommen wir nun zur letzten Teilnehmerin dieser schwierig zu gestaltenden Aufzählung: Luisa Hölzl. Ähnlich wie Jay ging ihr Text in eine moralisch wertvolle Richtung, sodass wir am Ende der beiden Stunden sogar behaupten können, nicht nur ein literarischer Zeitvertreib, sondern eine wertvolle, total langweilige literarische Bereicherung für die Schüler gewesen zu sein.
Außerdem kommen jetzt einige von ihnen vielleicht auf die Idee, dass Poetry Slam ein ziemlich cooles Hobby ist, dessen Ausübung Frust ab- und Selbstbewusstsein aufbauen kann. ☺

Erster
Ein Text von Hanna Sawitzki

„Ich war der Erste“, sagte der Astronaut, nachdem die Rakete wieder sicher auf der Erde gelandet war. Auf Nachfrage beteuerte er auch gerne, dass er überhaupt keine Angst gehabt hatte und sowohl der Technik als auch dem Team, das hinter ihm - beziehungsweise weit unter ihm gestanden hatte, vollends vertraut hat.
Genauso ein gewisser Stein, also Einstein, viele Jahre vor ihm. „Ich bin der Erste!“, schrie er begeistert auf, nachdem ihm die Relativitätstheorie eingefallen ist. „Der Erste, der so etwas Geniales verstanden hat!“ „Und der Letzte“, dachte sich ein kleines unbedeutendes Engelchen im Himmel, aber das war Einstein in diesem Moment egal.
Erste Menschen gibt es viele… Nicht nur den Ersten auf dem Mond, oder den Ersten, dem irgendwelche absurden Theorien eingefallen sind. Es gibt auch den Menschen, der das erste Telefongespräch geführt hat, den Ersten, der sich röntgen ließ und auch den, der als erster mit einem Auto gefahren ist.
„Das ist nicht fair!“, ruft in genau diesem Moment eine kleine Katze, „Ich bin schließlich die erste Katze, die auf einen Baum geklettert ist!“ „Katzen klettern schon seit eh und je auf Bäume, du bist nie und nimmer die erste“, entgegnet da unser Reporter, der sich sofort mit seinem Kamerateam auf dem Weg gemacht hat, um als Erster von dieser Katze zu berichten. Auf die Behauptung der Katze folgte eine sehr lange Diskussion zwischen ihr und besagtem Reporter, deren Auseinandersetzung ich hier aber aus zeitlichen Gründen nicht näher aufführen möchte.
Nach Stunden kamen sie jedoch zu folgendem Resultat: Unsere Katze ist zwar nicht die erste Katze, die auf EINEN Baum geklettert ist, aber wohl die erste, die auf genau DIESEN Baum geklettert ist. Klingt logisch, oder?
Und so wurde der ebengenannte Reporter zum ersten Reporter überhaupt, der sich mit den ersten Tieren beschäftigte und eine eigene Fernsehsendung darüber ausstrahlte.
So berichtete er zum Beispiel vom ersten Elefanten, der nicht Törö, sondern Rötö machte – auch wenn es ihm dann viele nachahmten, er war der erste. Selbst die unscheinbarsten Tierchen wurden in dieser Sendung erwähnt. Die erste Fliege, die es bis auf die Spitze des Eiffelturms schaffte, die erste Schnecke, die einen ganzen Meter in nur einer Stunde gekrochen ist!

Es gibt so viele Dinge, die man als Erster tun kann, denen man aber nie Beachtung schenkt. Sollte man sich nicht, wenn man nach dem Regen in eine Pfütze tritt, eher daran erfreuen, dass man soeben der Erste ist, der in diese nagelneue Pfütze getreten ist, als sich über den nassen Schuh zu beklagen? Und sollte man nicht auch, wenn man ein altes Kloster besichtigt, jedes Mal so hoch springen wie man nur kann, um einen Stein zu berühren, der weit über einem liegt?
Ich jedenfalls tue das immer und bin damit nicht nur die Erste, die in einem Kloster auf und ab hüpft und mit der Handfläche gegen die Steinwand klatscht, nein, ich bin damit auch die Erste, die einen Stein berührt, nachdem ihn ein Mönch vor sehr langer Zeit dort oben befestigt hat, denn seitdem hat ihn wahrscheinlich niemand mehr angefasst.
Vielleicht habe ich auch soeben einen neuen Trend erfunden, vielleicht fotografieren von nun an Menschen weltweit irgendwelche einsamen Steine, weil sie stolz darauf sind, das als Erstes zu tun.

Und genau diesen Dingen, die man eventuell oder ganz offensichtlich als Erstes tut, MUSS man mehr Beachtung schenken!
Der Erste im Sport oder bei einem Wettbewerb zu sein kommt sowieso viel zu selten vor. Ist es nicht mindestens genauso erfreulich zu wissen, dass man grade der erste Mensch ist, der diesen Grashalm angefasst hat, seit er dort gewachsen ist? Der Grashalm fühlt sich dann mit Sicherheit geschmeichelt und denkt vielleicht als erster Grashalm überhaupt darüber nach, dass er grade der er erste Grashalm gewesen ist, der je so bewusst angefasst wurde.
Mehr Beispiele fallen mir im Moment leider nicht ein, und so muss dieser Text hier wohl oder übel ein Ende nehmen – und ich bin die Erste, die ihn je beendet hat. Der Text ist jetzt bestimmt wahnsinnig stolz, als erster auf exakt dieser Seite zu stehen…
Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch gleich noch jemanden grüßen, weil man das am Ende immer so macht. Zunächst grüße ich einmal den Jungen mit dem roten T-Shirt, der da hinten in der letzten Reihe vor sich hin schnarcht. Und ich grüße den Mann, der sich grade als Erster auf seine neue Klobrille setzt. Auf dass dieser Tag niemals in Vergessenheit gerät!
Und falls ihr euch jetzt fragt was jene Klobrille dazu sagt… keine Ahnung, denn Klobrillen können nun wirklich nicht sprechen!

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