Für gewöhnlich werden in den letzten beiden Stunden vor der
Zeugnisvergabe unglaublich wichtige Sachen erledigt wie…
frühstücken… einen Film gucken… oder während des Frühstücks einen
Film gucken.
Aber was sind die Alternativen? Das ASS hat zum Ende des
Schuljahres bereits in finale Ferienstimmung versetzt – da will
kein Lehrer ein Spielverderber sein und mittwochs in den ersten
beiden Stunden noch Unterricht machen.
Also wird mangels besserer Ideen gefrühstückt?
Dieses Jahr war das nicht überall so.
Um die Stunden der Entspannung für die Schüler zu überbrücken, ohne
ihnen selbst Arbeit abzuverlangen, haben die Ausrichterinnen des
ASS „Poetry Slam“ (die diesen Artikel gaaar nicht selbst schreiben,
schließlich ist das hier alles objektiv!) zur Vorführung geladen.
Warum auch nicht, genug Material gab es schließlich schon.
Innerhalb von vier Tagen ASS hatten Schüler und Schülerinnen der
Klassen 8 – 12 (obwohl auch die versehentlich zugeteilte
Fünftklässlerin nicht weggeschickt wurde) unter lockerer Anleitung
von uns dreien (Adriana Dinter, Luise Kranzhoff, Melina Umland)
mithilfe von verschiedenen Kreativübungen Poetry-Slam-Texte
geschrieben und vorgetragen.
Und da das Ganze schon im kleinen Rahmen so gut geklappt hat, stand
der Aufführung nichts mehr im Weg.
Nach begeisterter Absegnung durch Frau Schöning ließen wir unseren
ganzen, unübertrefflichen Charme spielen und brachten schließlich
sechs Teilnehmer mit geradezu unbeschreiblicher Redekunst dazu,
ihre kleinen Kunstwerke vor geladenen Klassen zu präsentieren.
Nachdem sich mitten im schwungvollen Anfang noch eine verspätete
Klasse als Zuschauer dazugesellte, war das Forum schließlich gut
mit Zuschauern gefüllt – die perfekte Voraussetzung für nervöse
Teilnehmer ohne Bühnenerfahrung.
Während des ASS hatte noch größtenteils optimistische Stimmung
unter den Freiwilligen geherrscht, doch als sie das Publikum dann
sahen, wurde es direkt stiller unter ihnen.
Sie haben sich zwar bemüht, souverän zu wirken, doch wenn man sie
wie wir im ASS etwas kennen gelernt hatte, hat man es mit einer
Prise Menschenkenntnis und einem Hauch Finesse vollbracht, hinter
die entspannte Fassade zu blicken und ihre Nervosität zu erkennen.
Slam das ASS !
von Melina Umland


„Oh mein Gott, oh mein Gott, ich schaff‘ das doch nicht, ich geh‘
da nicht raus! Warum habe ich mich nur zu diesem Kram überreden
lassen?! Oh ***, ich bin gleich dran…“
Bevor sie sich allerdings entscheiden konnten, das Ganze
abzubrechen, haben wir einfach geistesgegenwärtig mit unserer
Einleitung und dem Opferlamm angefangen.
[Für die im Poetry-Slam-Fachjargon nicht ganz so Bewanderten: Ein
Opferlamm ist ein von der Kernveranstaltung unabhängig
vorgetragener Text, der das Publikum für die eigentlichen
Teilnehmer in Stimmung bringen soll. In unseren Fall hat sich eine
der Seminarleiterinnen Luise Kranzhoff zu dieser schwierigen
Aufgabe bekannt, um den partial nervösen Teilnehmern den Weg zu
ebnen.]
Und, Mensch! Bevor Hanna Sawitzki überhaupt richtig wusste was los
war, hatte sie bereits das unbeschreibliche Vergnügen, als erste
der Teilnehmerinnen ihren Text zu präsentieren.
Das haben wir aber nicht aus Bosheit so gelegt.
Ihr Text hieß „Der Erste“.
Sie hat sich also praktisch fast beinahe freiwillig gemeldet.
Nach Hannas wohlverdientem Schlussapplaus baten wir auch direkt Jay
Gerber auf die Bühne.
Jay hat seinen Text weniger lustig aufgezogen, sondern viel mehr
moralisch an das Publikum appelliert, wobei er sich überwiegend auf
das Thema Diskriminierung bezogen hat. Hier handelt es sich
übrigens um den einzigen Teilnehmer, bei dem wir nach dem Zeitlimit
von fünf Minuten langsam auf die Bühne gehen mussten, um seinen
Redefluss zu stoppen.
Nachdem wir ihn allerdings unter Druck zu Ende reden lassen haben,
waren wir bereit, Isabelle Catrais auf die Bühne zu rufen.
Als auch sie nach anfänglicher Nervosität ihren Auftritt über die
Bühne gebracht hatte, blieben schließlich nur noch zwei Vorträger
übrig – wohlweislich ausgewählt ein ernster und ein… amüsanterer
Text.
Der auch direkt als nächstes vorgetragen wurde. Er hieß „die
Nazi-Kartoffel-Theorie“.
(Als Autor honorieren wir an dieser Stelle Bennett Dinter.)
Und kommen wir nun zur letzten Teilnehmerin dieser schwierig zu
gestaltenden Aufzählung: Luisa Hölzl. Ähnlich wie Jay ging ihr Text
in eine moralisch wertvolle Richtung, sodass wir am Ende der beiden
Stunden sogar behaupten können, nicht nur ein literarischer
Zeitvertreib, sondern eine wertvolle, total langweilige
literarische Bereicherung für die Schüler gewesen zu sein.
Außerdem kommen jetzt einige von ihnen vielleicht auf die Idee,
dass Poetry Slam ein ziemlich cooles Hobby ist, dessen Ausübung
Frust ab- und Selbstbewusstsein aufbauen kann. ☺
Erster
Ein Text von Hanna Sawitzki
„Ich war der Erste“, sagte der Astronaut, nachdem die Rakete wieder
sicher auf der Erde gelandet war. Auf Nachfrage beteuerte er auch
gerne, dass er überhaupt keine Angst gehabt hatte und sowohl der
Technik als auch dem Team, das hinter ihm - beziehungsweise weit
unter ihm gestanden hatte, vollends vertraut hat.
Genauso ein gewisser Stein, also Einstein, viele Jahre vor ihm.
„Ich bin der Erste!“, schrie er begeistert auf, nachdem ihm die
Relativitätstheorie eingefallen ist. „Der Erste, der so etwas
Geniales verstanden hat!“ „Und der Letzte“, dachte sich ein kleines
unbedeutendes Engelchen im Himmel, aber das war Einstein in diesem
Moment egal.
Erste Menschen gibt es viele… Nicht nur den Ersten auf dem Mond,
oder den Ersten, dem irgendwelche absurden Theorien eingefallen
sind. Es gibt auch den Menschen, der das erste Telefongespräch
geführt hat, den Ersten, der sich röntgen ließ und auch den, der
als erster mit einem Auto gefahren ist.
„Das ist nicht fair!“, ruft in genau diesem Moment eine kleine
Katze, „Ich bin schließlich die erste Katze, die auf einen Baum
geklettert ist!“ „Katzen klettern schon seit eh und je auf Bäume,
du bist nie und nimmer die erste“, entgegnet da unser Reporter, der
sich sofort mit seinem Kamerateam auf dem Weg gemacht hat, um als
Erster von dieser Katze zu berichten. Auf die Behauptung der Katze
folgte eine sehr lange Diskussion zwischen ihr und besagtem
Reporter, deren Auseinandersetzung ich hier aber aus zeitlichen
Gründen nicht näher aufführen möchte.
Nach Stunden kamen sie jedoch zu folgendem Resultat: Unsere Katze
ist zwar nicht die erste Katze, die auf EINEN Baum geklettert ist,
aber wohl die erste, die auf genau DIESEN Baum geklettert ist.
Klingt logisch, oder?
Und so wurde der ebengenannte Reporter zum ersten Reporter
überhaupt, der sich mit den ersten Tieren beschäftigte und eine
eigene Fernsehsendung darüber ausstrahlte.
So berichtete er zum Beispiel vom ersten Elefanten, der nicht Törö,
sondern Rötö machte – auch wenn es ihm dann viele nachahmten, er
war der erste. Selbst die unscheinbarsten Tierchen wurden in dieser
Sendung erwähnt. Die erste Fliege, die es bis auf die Spitze des
Eiffelturms schaffte, die erste Schnecke, die einen ganzen Meter in
nur einer Stunde gekrochen ist!
Es gibt so viele Dinge, die man als Erster tun kann, denen man aber
nie Beachtung schenkt. Sollte man sich nicht, wenn man nach dem
Regen in eine Pfütze tritt, eher daran erfreuen, dass man soeben
der Erste ist, der in diese nagelneue Pfütze getreten ist, als sich
über den nassen Schuh zu beklagen? Und sollte man nicht auch, wenn
man ein altes Kloster besichtigt, jedes Mal so hoch springen wie
man nur kann, um einen Stein zu berühren, der weit über einem
liegt?
Ich jedenfalls tue das immer und bin damit nicht nur die Erste, die
in einem Kloster auf und ab hüpft und mit der Handfläche gegen die
Steinwand klatscht, nein, ich bin damit auch die Erste, die einen
Stein berührt, nachdem ihn ein Mönch vor sehr langer Zeit dort oben
befestigt hat, denn seitdem hat ihn wahrscheinlich niemand mehr
angefasst.
Vielleicht habe ich auch soeben einen neuen Trend erfunden,
vielleicht fotografieren von nun an Menschen weltweit irgendwelche
einsamen Steine, weil sie stolz darauf sind, das als Erstes zu tun.
Und genau diesen Dingen, die man eventuell oder ganz offensichtlich
als Erstes tut, MUSS man mehr Beachtung schenken!
Der Erste im Sport oder bei einem Wettbewerb zu sein kommt sowieso
viel zu selten vor. Ist es nicht mindestens genauso erfreulich zu
wissen, dass man grade der erste Mensch ist, der diesen Grashalm
angefasst hat, seit er dort gewachsen ist? Der Grashalm fühlt sich
dann mit Sicherheit geschmeichelt und denkt vielleicht als erster
Grashalm überhaupt darüber nach, dass er grade der er erste
Grashalm gewesen ist, der je so bewusst angefasst wurde.
Mehr Beispiele fallen mir im Moment leider nicht ein, und so muss
dieser Text hier wohl oder übel ein Ende nehmen – und ich bin die
Erste, die ihn je beendet hat. Der Text ist jetzt bestimmt
wahnsinnig stolz, als erster auf exakt dieser Seite zu stehen…
Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch gleich noch jemanden grüßen,
weil man das am Ende immer so macht. Zunächst grüße ich einmal den
Jungen mit dem roten T-Shirt, der da hinten in der letzten Reihe
vor sich hin schnarcht. Und ich grüße den Mann, der sich grade als
Erster auf seine neue Klobrille setzt. Auf dass dieser Tag niemals
in Vergessenheit gerät!
Und falls ihr euch jetzt fragt was jene Klobrille dazu sagt… keine
Ahnung, denn Klobrillen können nun wirklich nicht sprechen!



