Immer mehr Schulen in der Region setzen auf tierische
Unterstützung. Die drei Schulhunde Ida, Joshi und Chico aus dem
Landkreis Stade sind der lebende Beweis für die Vorteile der
tiergestützten Pädagogik.
Freitagvormittag, Viertel nach elf. Für die Zehntklässler der
Johann-Hinrich-Pratje Oberschule in Horneburg steht eine
Doppelstunde Deutschunterricht auf dem Stundenplan. Während sie und
Lehrerin Annika Fuhrmann gemeinsam Pro- und Kontra-Argumente zum
Thema „Share Economy“ an der Tafel sammeln, dreht Schulhündin Ida
eine Runde durch den Klassenraum, bevor sie es sich auf dem Boden
bequem macht. Zwar hat die Golden-Retriever Hündin auch eine weiche
Box als Rückzugsmöglichkeit, sie liegt aber lieber neben dem Pult.
Schließlich kann sie von hier aus genau beobachten, wie die Finger
der Schüler nach oben gehen und ihr Frauchen mit einem Stück Kreide
in der Hand gestikuliert.
Die Golden-Retriever Hündin ist fünf Monate alt und wächst
allmählich in ihre Aufgaben als Schulhund herein. Schon jetzt ist
für die Schüler automatisch Ruhe und Konzentration angesagt, wenn
Ida auf leisen, noch etwas zu groß wirkenden Pfoten durch das
Klassenzimmer tapst oder sich zum Dösen hinlegt. „Ida schafft
allein durch ihre Anwesenheit eine angenehme Lernatmosphäre“,
schwärmt Annika Fuhrmann. Dies soll später vor allem in unruhigeren
Klassen ausgenutzt werden.
Auch am Athenaeum in Stade gibt es tierisch guten Unterricht.
Lehrerin Beatrix Elss beschreibt die 6l als „besondere Klasse“. Bei
einem Verhältnis von 21 Jungen und nur fünf Mädchen gehe es in der
6l häufiger unruhig zu. Außerdem ist unter den Schülern ein Junge
mit Asperger-Syndrom. Eine deutliche Verbesserung des
Unterrichtsklimas brachte Schulhund Joshi in das Klassenzimmer. Der
9-jährige Groenendael-Rüde gehört zu den belgischen Schäferhunden.
Auf dem Schulhof kreist er die Schülergruppen ein – eben typisch
Hütehund. Auch im Unterricht hält Joshi seine Schäfchen beisammen:
Egal ob Junge, Mädchen, Einzelgänger oder Raufbold, der Hund geht
auf jedes Kind zu und fordert seine Streicheleinheit ein.
Schulhunde erobern die Klassenzimmer im Landkreis
so erschienen im Stader Tageblatt am 29.10.15


„Er ist da ganz hartnäckig“, sagt Beatrix Elss und lacht. Gerade
dieser Vehemenz ihres Hundes schreibt sie einen großen Anteil an
den Fortschritten des Asperger-Kindes zu. Aufgrund seiner
Entwicklungsstörung zeigt der Schüler kaum Interesse an seinen
Mitmenschen. Auch den Schulhund habe der Junge lange Zeit
ignoriert, erzählt die Lehrerin. „Irgendwann begann er, Joshi zu
streicheln und ihm Kommandos zu geben“, sagt Beatrix Elss. Die
Interaktion mit dem Hund deutet sie als Schlüsselmoment. Danach
habe der Junge, der sonst die Pausen allein im Klassenraum
verbracht hat, begonnen sich allmählich aus seiner Isolation, dem
„sozialen Kokon“, zu lösen. Mittlerweile spielt und tobt der
Schüler in den Pausen mit den anderen Kindern über den Schulhof.
Verschiedene Studien belegen die Vorteile der tiergestützten
Pädagogik. So ergaben die Forschungen des Psychologen Prof. Dr.
Erhard Olbrich und der Verhaltensforscherin Dr. Carola Otterstedt,
dass sich allein durch die Anwesenheit eines Hundes hyperaktive und
reizbare Kinder deutlich beruhigen. „Das Schönste ist, dass die
Schüler selbst die Verbesserungen durch Joshi wahrnehmen“, sagt
Beatrix Elss und legt einige Seiten aus einer anonymen Befragung
vor, die sie im vergangenen Jahr in der Klasse durchgeführt hat.
„Es ist im Unterricht viel leiser“, „Joshi hat mir gezeigt, dass
ich vor Hunden keine Angst haben muss“ und „Er beruhigt und man
kann sich viel besser konzentrieren“ steht da in Kinderschrift.
Beim Blick von außen auf eine Deutschstunde ist die 6l weder
besonders unruhig, noch ist erkennbar, welcher der Schüler mit
Asperger ist.
Es ist kein Widerspruch, dass der Hund die Aufmerksamkeit der
Kinder einfordert und die Schüler trotzdem konzentriert am
Unterricht teilnehmen. In der Deutschstunde lässt Joshi es nicht
zu, dass die Kinder gedanklich abschweifen. Durch die Anwesenheit
des Hundes bleibt die Aufmerksamkeit innerhalb des Klassenzimmers.
Nicht selten kommt es vor, dass ein Schüler etwas sagt und
gleichzeitig den Schulhund krault.
Vermutlich Joshis größter Fan ist der Schulleiter Wolfgang Horn.
„Er kam vor zwei Jahren mit der Idee zu mir, einen Schulhund am
Athenaeum einzuführen“, sagt Lehrerin Beatrix Elss, die auch erste
Vorsitzende des Tierschutzvereins Stade und langjährige
Hundehalterin ist. Da das Projekt Schulhund am Athe so erfolgreich
ist, hat Joshi seit diesem Schuljahr einen tierischen Kollegen.
Anke Wehber aus Himmelpforten und ihr Groenendael-Mix Chico
begleiten je nach Bedarf verschiedene Unterrichtsstunden. In einer
Pause wurde das Gespann zu einem aggressiven Kind gerufen. „Ich
konnte dabei zusehen, wie sich der Junge allmählich beruhigte“,
berichtet Anke Wehber. „Zuerst streichelte er Chico noch mit
geballter Faust, dann löste sich die Anspannung“. Auch im
Biologieunterricht kam Chico schon als lebendes Objekt zum Einsatz,
an dem die Schüler Anatomie und Verhalten des Hundes beobachten
konnten. In Horneburg hat Annika Fuhrmann eine „Schulhund AG“
eingerichtet, in der die Schüler den verantwortungsvollen Umgang
mit dem Vierbeiner lernen sollen.
Ida, Joshi und Chico sind bei Weitem nicht die einzigen Schulhunde
in Niedersachsen. Schulen aus Tostedt, Bremervörde und Cadenberge
hätten sich bereits bei Wolfgang Horn über die Einführung eines
Schulhundes informiert, so Beatrix Elss. Konkrete Zahlen liegen der
Landesschulbehörde allerdings nicht vor, weil es in Niedersachsen
keine geltende Rechtslage für die Schulhunde gibt. Im Prinzip könne
jeder Lehrer, sofern die Schulleitung einverstanden ist, seinen
Hund mit in den Unterricht nehmen, erklärt Annika Fuhrmann. „Es
gibt aber Empfehlungen, die ich beachte“, sagt die Lehrerin. Ida
ist geimpft, entwurmt und haftpflichtversichert. Das Einverständnis
von Eltern und Kollegium liegt vor. Von allergischen Kindern wird
Ida ferngehalten, außerdem darf sie weder die Mensa noch die
Sporthalle betreten. Bevor Ida in die Schule geht, ist sie
körperlich ausgelastet, außerdem bleibt sie bisher nicht länger als
eine Doppelstunde. „Das Wichtigste ist, dass es dem Hund gut geht“,
sagen beide Lehrerinnen unabhängig voneinander.
Mit einem Videobeitrag hat sich die 6l Anfang des Monats beim
Kinderkanal als „Beste Klasse Deutschlands 2016“ beworben. In dem
Film dürfen natürlich auch die beiden Schulhunde Joshi und Chico
nicht fehlen – die 6l ist eben eine ganz besondere Klasse.


