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  1. 2015

Und plötzlich war da dieses Schild.

Über die Essgewohnheiten alter Hasen und junger Hüpfer

von Melina Umland

Es herrscht Unmut beim Essen, Unmut beim Essen über zu viel benötigten Mut zum Essen. Wir, wir alten Hasen, wir haben das damals noch erlebt! Wir haben die schweren Zeiten noch mitbekommen, als wir uns Sitzplätze im Forum noch erkämpfen und die Teller auf den Knien balancieren mussten! Die jungen Hüpfer kennen das ja schon gar nicht mehr! Denn jetzt gibt es die Cafeteria.
Aber trotzdem – die Sitzplatzwahlfreiheit hat sich noch nicht so richtig verbessert.


Wie ist das denn so, wenn man in der Kabuschka isst? Eine typische Schülergeschichte:
Der Unterricht der sechsten Stunde endet um 20 nach eins.
Jetzt ist es 10 nach → die Sachen werden eingepackt.
11 nach, ich bin es-klingelt-ich-muss-zum-Essen-rennen-bereit.
14 nach, ich werde nervös, der Lehrer redet immer noch und ich muss noch einen Sitzplatz finden, wenn noch nicht alle da sind.
15 nach, wann macht der endlich Schluss?
17 nach, jaja, wissen wir, lassen Sie uns zum Essen!
18 nach, der Lehrer entlässt uns, alles springt auf, die Taschen und Jacken schon lange in der Hand.
20 nach, ich bin in der Cafeteria. Die Schlange geht schon wieder aus dem Essensraum hinaus bis in den Flur.

Es ist jetzt 26 Minuten nach eins, ich stehe mit meinem Teller und dem Besteck in der Hand und sehe mich im Essensraum um.
Schätzen wir mal: 18 Tische, pro Tisch je nach Kuschelbedürfnis 5-9 Personen; grob überschlagen belaufen sich die Kapazitäten der Kabuschka also auf Sitzplätze für 150 Schüler. Offiziellen Schätzungen nach stürzen täglich 350 – 400 hungerzerfressene Schüler in die Cafeteria.
Und wenn man diese Zahlen so hört, dann ist es auch kein Wunder, dass immer noch viele Schüler außerhalb im Forum essen, obwohl sich Organisatoren 2013 noch zuversichtlich äußerten, alle essenden Schüler angemessen an Tischen unterbringen zu können [siehe Über 15 Jahre Kabuschka: „Etwas Besseres konnte der Schule nicht passieren!“]

Anfangs sah die Bilanz ja auch noch gar nicht so schlecht aus: die unteren Klassen lebten einfach in anderen Zeitzonen als wir alten Hasen. Essenspause war da schon nach der fünften Stunde, dafür wurde die sechste nach hinten verschoben.

Nun allerdings die lang ersehnte Umstellung auf G9 und das „Problem“: Die unteren Stufen haben gar keinen Nachmittagsunterricht mehr. Stattdessen gehen sie zur Hausaufgabenbetreuung, für die es allerdings keine verschobene Mittagspause gibt, da ja nicht alle Schüler daran teilnehmen.
Deshalb muss die Kabuschka zur Mittagspause wieder dem komprimierten Ansturm aller Schüler standhalten.

Und so gibt es ein neues Problem:
Ich stehe vor den Tischen in der Cafeteria, mein Essen in der Hand. Alle Tische sind vollbesetzt, nur zwei sind noch komplett leer. Ich möchte mich hinsetzten, darf aber nicht.

Denn plötzlich war da dieses Schild.

„Reserviert“.
Wie, reserviert?
Ich kann mir doch auch keinen Platz reservieren! Wer reserviert sich da was?
In den folgenden Tagen bin ich nicht als Einzige in dieser Situation und auch nicht die Einzige, die sich wundert.
Dann breiten sich erste Gerüchte aus. Die Hausaufgabenbetreuung habe die Tische für die Fünftklässler reserviert. Warum das?
Als wir in der fünften Klasse waren, hat uns auch niemand Plätze reserviert.
Der wachsende Unmut in der Gemeinde der alten Hasen beeinflusst auch mich und so beschließe ich, die Problemverursacher aufzusuchen.

Am Montag in der siebten Stunde stehe ich im Türrahmen der Hausaufgabenbetreuung. Die Kinder, die schon fertig sind, basteln zusammen gerade etwas, sodass sich eine der betreuenden Mütter mit meinen Fragen auseinandersetzten kann.
Und sie ist natürlich nicht blind, auch den Betreuerinnen ist das Unverständnis der Schüler bereits aufgefallen, dabei gibt es wohl doch Gründe für die Maßnahmen.
Im letzten Jahr lief die Hausaufgabenbetreuung bereits ohne die gemeinsamen Tische. Und wir alle wissen, wie das mit den jungen Hüpfern ist. Da vergisst man mal, dass man ja noch Hausaufgabenbetreuung hatte oder hat alle Hausaufgaben schon fertig und denkt, man müsse gar nicht mehr hingehen. Durch solche Gedankengänge sind letztes Jahr bereits einige Kinder „abhanden“ gekommen.
Ein Kind auf dem Weg nach Hause oder zu einem Freund, ohne dass die Betreuerin weiß, wo es ist, oder die Eltern, oder überhaupt irgendwer.

„Das darf nicht passieren.“ Gut, ja, ok, das stimmt schon. Obwohl ich eigentlich schon längst eine Meinung hatte und mich nicht durch Tatsachen verwirren lassen möchte, muss ich einsehen, dass es Not gibt einen besseren Überblick über die Kinder zu gewinnen.
Nun sammeln sich also erst alle Kinder vorm Essen und stellen ihre Sachen ab, um dann gemeinsam essen zu gehen. Und dann kommen sie natürlich später als alle anderen – trotzdem möchten sie sich nicht im Forum verstreuen, sondern gebündelt zusammen bleiben.
Also reserviert man zwei Tische.
„Man muss sich irgendwie arrangieren.“, erklärt mir eine der Betreuerinnen. Schließlich haben sie ihre Reservierung auch schon von anfänglichen vier Tischen auf zwei reduziert, da sie gemerkt hätten, dass es sonst nicht funktioniere.

Ich sehe ein, dass die Kinder irgendwie beaufsichtigt werden müssen. Und auch, wenn die Situation mit dem mangelnden Sitzplätzen nicht ideal ist, trägt niemand wirklich Schuld.
Wir werden uns wohl oder übel alle arrangieren müssen.
Wenigstens weiß ich noch, wie man Suppenteller auf den Knien balanciert – eine unleugbar nützliche Fähigkeit.

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