Ohoo, die Technik in der Aula streikt ein bisschen - Ist das für
einen Autisten, der einen gut geplanten Vortrag halten will, eine
schwer zu überwindende Hürde? Wird dieses unvorhergesehene Ereignis
unseren Vortragenden sehr nervös machen? Nein, Julian bleibt locker
und kann sich schnell auf die neue Situation einstellen.
Besonders Schüler aus der 10. und 11. Klasse füllen die Aula.
Einige haben auf Wunsch schon vorher schriftlich Fragen gestellt,
deren Antworten Julian in den Vortrag einarbeiten will. Der
23-Jährige möchte am liebsten geduzt werden, wünscht sich aber,
dass wir seinen Nachnamen nicht unbedingt erwähnen und auch keine
Fotos machen. Daran halten wir uns natürlich.
Zunächst stellt Melina Umland aus Jahrgang 12 das Phänomen Autismus
und seine verschiedenen Ausprägungen vor, damit alle Zuhörer eine
Grundlage haben. Sie hat darüber schon eine Facharbeit geschrieben,
spricht frei und sicher; sie kennt sich bestens aus.
Im Anschluss erzählt Julian zu Beginn seines Vortrags, er reise
immer mit der Bahn an (Bahncard 100!), weil das Bahnfahren eine
seiner Lieblingsbeschäftigungen sei. „Da kann ich mit Menschen,
(die nicht weglaufen ) in einer für mich angenehmen Kleingruppe
reden. Ich orientiere mich gerne an den meist gleich und
systematisch aufgebauten Bahnhöfen mit ihren Gleisen und kleinen
Einkaufsmöglichkeiten.“ Sein Orientierungssinn im nicht-Bahn-Alltag
sei allerdings ziemlich schlecht, gibt Julian lächelnd zu, aber das
Bahnnetz und die Fahrpläne gäben ihm Sicherheit. Die könne man ja
einfach auswendig lernen…
„Ich kann nicht gut mit Zahlen umgehen, auch wenn Autisten oft eine
naturwissenschaftliche Begabung nachgesagt wird“, berichtet Julian
später. Aber dafür liebe er den Umgang mit Sprache und
charakterisiere Menschen oft danach, wie sie sprächen. Er könne
Stimmungen gut am Tonfall des Gesprochenen ablesen. Viele Menschen
mit Asperger-Syndrom haben Schwächen in den Bereichen der sozialen
Interaktion und können normalerweise bei Mitmenschen Stimmungen
schwer erkennen.
Die Stimmung in der Aula ist richtig gut, das erkennt man leicht,
denn nach dem ca. 60-minütigen, sehr informativen, teilweise auch
witzigen Vortrag trauen sich viele Schüler, direkte Fragen an
Julian zu stellen.
Am Ende gibt es viel Applaus für alle Beteiligten: Melina, die
Technik-AG und besonders Julian. Über das Asperger-Syndrom wissen
wir nun aus erster Hand eine ganze Menge mehr als vorher. Einige
Schüler bedanken sich beim Verlassen der Aula persönlich beim
Vortragenden. Wir wünschen uns, dass dieser Vortrag die Thematik
Autismus und Asperger-Syndrom Nicht-Betroffenen näher gebracht hat
und so auch am Athenaeum Inklusion für alle Beteiligten etwas
leichter macht.
Vortrag am 27.11.15:
,,Autismus: Ein autobiografischer Alltagsbericht"
von Barbara Post



