Dieser Satzanfang wird den ahnungslosen Athe-Reportern in einer
AG-Sitzung kurz vor Weihnachten einfach übergestülpt. Einige murren
etwas oder rollen grinsend mit den Augen, andere bearbeiten sofort
die Tastatur, weil die Ideen nur so fließen, der Rest schiebt die
Aufgabe erst einmal vor sich her, weil ja noch viel wichtigere
Artikel auf ihre Fertigstellung warten...
Am Ende der Doppelstunde hat fast jeder ein paar oder auch ein paar
mehr Zeilen zu Papier/zu PC gebracht.
Wir wünschen allen Lesern damit Frohe Weihnachten.
Weihnachten ist für mich…
… etwas, was ich nicht genau definieren kann.
Tradition. Gemeinschaft. Familie. Tannenbaum. Adventskalender.
Diverse Süßigkeiten. Geschenke. Zusammenhalt.
Marketing-Strategie. Kaufrausch. Medienhype. Geschenke-Jagd in den
Geschäften.
Ungerechtigkeit. Unwissenheit.
Jesu` Geburt. Der eine Kirchenbesuch im Jahr.
Weihnachtsmarkt. Glühwein. Kälte. Schnee.
Ausgeschlossen sein und nicht dazu zu gehören. Alleine sein.
Dieser Moment im Jahr, wo dir einfällt, dass du die ganzen letzten
11 Monate nur an dich gedacht hast und jetzt vielleicht auch mal
etwas spenden könntest. Helfen, damit ich vor anderen gut dastehe.
Menschen, die die ganze Zeit Gutes tun und nun Anerkennung und
Aufmerksamkeit bekommen. Helfen um des Helfens willen.
Geschenke bekommen. Geschenke verschenken.
Menschen, die in Zelten übernachten müssen.
Ein dreizehntes Gehalt und ein paar freie Tage.
Für jeden bedeutet Weihnachten etwas anderes.
Der Heilige Abend von Jesu` Geburt. Eine Tradition. Eine
Möglichkeit Profit zu machen. Ausgeschlossenheit. Oder einfach gar
nichts.
Für mich bedeutet diese Zeit im Jahr deswegen viel, aber auch
wenig. Denn ja, es ist eine bedeutsame Zeit, doch das sind andere
Zeiten auch.
Weihnachten ist für mich das, was ich daraus mache.
Adriana Dinter
Weihnachten ist für mich ein Fest der Familie und der Freunde. Es wird zusammen gegessen
und gefeiert. Außerdem mag ich es, anderen mit Geschenken eine
Freude zu machen und das geht an Weihnachten besonders gut.
Tabea Lohmann
Weihnachten ist für mich ein Fest, wo alle zusammen feiern und man Familienmitglieder
sieht, die man lange nicht gesehen hat. Am meisten freue ich mich
auf das gemeinsame Essen mit der Familie und natürlich auf die
Geschenke, denn ich finde es einen schönen Brauch sich gegenseitig
eine Freude zu machen.
Fabian Heuer
Weihnachten ist für mich der schönste Tag mit meiner Familie und der Tag, wo man am besten
gelaunt ist.
Tjerk Ramsthal
Weihnachten ist für mich heißen Kakao zu trinken und mit der Familie zusammen zu sitzen,
während wir über Erinnerungen und die Zukunft reden.
Aleia Horn
Weihnachten ist für mich…
...alles und nichts.
Ich bin nicht christlich – tatsächlich glaube ich einfach an gar
nichts. Das heißt aber nicht, dass ich Religion nicht ernst nehme
oder schätze und so ungefähr da manifestiert sich mein Problem mit
Weihnachten.
Weihnachten ist für mich ein Kommerzfest. Ein Fest bestehend aus
Stress und Hektik, weil ich a) NIE rechtzeitig Ideen für meine
Weihnachtsgeschenke habe, b) wenn ich dann Ideen habe diese
entweder überhaupt nicht oder erst viel zu spät (so etwa am 23.
Dezember) umsetzen kann, ich c) immer viel zu spät entscheide, was
ich mir überhaupt selbst wünsche und d) auch meistens sowieso zu
wenig Geld für die Geschenke habe, die ich gerne verschenken würde.
Weihnachten ist für mich Stress, weil die Klausurenphase daran
endet und mir noch viel mehr Zeit raubt.
Weihnachten ist für mich Enttäuschung, weil ich mir so oft so
unglaublich viel Mühe mit selbst gemachten Geschenken gebe, die am
Ende nicht mal annähernd an meine Idee von ihnen heranreichen und
am schlimmsten den Beschenkten nicht einmal gefallen.
Weihnachten ist für mich anstrengend.
Weihnachten ist für mich trostlos.
Meine Eltern haben sich getrennt und es gibt keine Zeit im Jahr, in
der ich das so sehr merke wie an Weihnachten. Die fünzehnjährige
Tradition des Weihnachtsessens mit der ganzen Familie bei uns zu
Hause gibt es nicht mehr, weil es die Familie nicht mehr gibt.
Eigentlich stört mich die Trennung nicht, aber die Gemeinschaft
fehlt mir unglaublich.
Weihnachten ist für mich langweilig, wenn am Heiligabend Erwachsene
über Themen reden, bei denen ich weder mitreden kann noch will.
Weihnachten ist für mich aufregend, weil ich mich aufrege, wenn am
Heiligabend Erwachsene über Themen reden, bei denen ich mitreden
kann und will, zu denen sie aber eine anderen, falsche Meinung
haben und meine eigene mit den Worten „Das kannst du ja noch gar
nicht wissen“ abtun (zur Erinnerung – ich bin 17 und in der 12.
Klasse mit Politik-, Religions- und Deutschunterricht).
Weihnachten ist für mich Hektik, wenn ich kurz vor der
beschaulichen Zeit noch alles möglich (Schmücken, kochen, tragen,
decken, putzen…) muss, obwohl man sich doch hinsetzen soll.
Weihnachten ist für mich schön, wenn ich einen ganzen Abend nichts
mehr zu tun habe und einfach nur entspannt da sitzen und lachen
kann.
Weihnachten ist für mich verwirrend, wenn ich mich nach über 10
Jahren immer noch frage, wie der genaue Zusammenhang zwischen dem
Weihnachtsmann und Väterchen Frost aussieht (Alter Ego, Brüder,
Cousins, Rivalen…?!).
Weihnachten ist für mich besinnlich, weil alles plötzlich eine
Geschwindigkeitsstufe, einen Schritt in der Lautstärkeregelung
herunterfährt und von einer Decke aus Schnee bedeckt wird.
Weihnachten ist für mich strahlend-leuchtende-Kinderaugen-feier,
wenn ich meine Geschenke auspacke und dann irgendwie doch wieder
eher so vier bin und wenn ich meine Geschenke, die schlecht und
ungerade aber mit Liebe gemacht sind, verschenke, und sich doch
jemand freut.
Weihnachten ist für mich warm, wenn ich umarmt werde.
Weihnachten ist für mich rot, wenn die Sonne unter und die Kerze an
geht.
Weihnachten ist für mich Vertrauen, wenn es keinen stört, ob die
Frisur sitzt.
Weihnachten ist für mich Gemeinschaft, wenn alle (naja, halt eine
Hälfte) kommen.
Weihnachten ist für mich Heuchelei, wenn meine gesamte atheistische
Familie die Geburt Christi feiert.
Ich bin wahnsinnig interessiert in Religion, ich mag die
christliche Religion mit dem Doppelgebot der Liebe auch, ich glaube
nur nicht daran. Ich organisiere einen Weihnachtsgottesdienst mit
Freundinnen, weil ich dem Christentum zwar nicht zugehöre, es aber
respektiere, und aus demselben Respekt heraus spreche ich das
Glaubensbekenntnis nicht mit. Es soll meiner Meinung nach den
warhhaft Gläubigen gehören, die es auch so meinen, es soll seine
Aussagekraft behalten. Ich halte nichts von Leuten, die in der
Kirche viel reden und nichts sagen.
Und trotzdem feiere ich Weihnachten.
Darf ich das? Ich bin keine Christin und möchte das auch nicht
vortäuschen – widerspricht das also nicht meinen Prinzipien?
Heuchle ich dann nicht doch?
Oder ist Weihnachten überhaupt noch ein religiöses Fest?
Wir leben in Mitteleuropa, in Deutschland, und unsere aktuelle
Regierung heißt Christlich Demokratische Union und unsere
Menschenrechte, unser Grundgesetz baut auf christlichen Werten wie
Menschenwürde und Nächstenliebe auf – wir sind ein Sozialstaat.
Die sozialen Gebote des Christentums sind so tief in unserem
moralischen Denken als Bevölkerung - nicht als Glaubensgemeinschaft
- verankert, dass sie fast nicht mehr als solche zu identifizieren
sind.
Oder wer hätte gedacht, dass Jesus der Erste war, dem
Gleichberechtigung eingefallen ist (wenn er da mal Patent drauf
angemeldet hätte...)?
Also, ist Weihnachten ein Fest der Religion? Feiern wir Christi
Geburt?
Oder ist Weihnachten heute schon Kultur geworden, Tradition,
Brauchtum?
Ich weiß es nicht. Und auch wenn ich mir da nicht so sicher bin,
werde ich Weihnachten trotzdem weiter feiern – schließlich achte
ich auch als Atheist Gleichberechtigung und zumindest den
nicht-göttlichen Teil der zehn Gebote.
Was ist also Weihnachten für mich?
Ein sozio-kultureller, periodisch auftretender,
adrenalinangereicherter, ökonomisch intensiver Zeitabschnitt der
materiellen Übergabe symbolischen Dopamins?
Weihnachten ist eben Weihnachten.
Melina Umland
[Hätte Frau Post nicht gesagt, wir sollen diese Fragen mal „in zwei
Sätzen“ beantworten, hätte ich jetzt auch keinen
pseudophilosopischen Essay über den Zusammenhang von Religion und
Kultur schreiben müssen.
Gegenaufgabe an Sie, Frau Post: Was ist der Mensch? in zwei oder
drei Sätzen.]
[Antwort von Frau Post: Puh, Melina, diese Gegenaufgabe ist eine harte Nuss – in zwei, drei
Sätzen schaffe ich das nicht und muss passen, ein Punkt für dich – harte Nuss passt aber wenigstens zu Weihnachten und da sind wir wieder beim
Thema. ]

Weihnachten ist für mich…



