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  1. 2015

Weihnachten ist für mich…

Dieser Satzanfang wird den ahnungslosen Athe-Reportern in einer AG-Sitzung kurz vor Weihnachten einfach übergestülpt. Einige murren etwas oder rollen grinsend mit den Augen, andere bearbeiten sofort die Tastatur, weil die Ideen nur so fließen, der Rest schiebt die Aufgabe erst einmal vor sich her, weil ja noch viel wichtigere Artikel auf ihre Fertigstellung warten...
Am Ende der Doppelstunde hat fast jeder ein paar oder auch ein paar mehr Zeilen zu Papier/zu PC gebracht.
Wir wünschen allen Lesern damit Frohe Weihnachten.



Weihnachten ist für mich…


… etwas, was ich nicht genau definieren kann.
Tradition. Gemeinschaft. Familie. Tannenbaum. Adventskalender. Diverse Süßigkeiten. Geschenke. Zusammenhalt.
Marketing-Strategie. Kaufrausch. Medienhype. Geschenke-Jagd in den Geschäften.
Ungerechtigkeit. Unwissenheit.
Jesu` Geburt. Der eine Kirchenbesuch im Jahr.
Weihnachtsmarkt. Glühwein. Kälte. Schnee.
Ausgeschlossen sein und nicht dazu zu gehören. Alleine sein.
Dieser Moment im Jahr, wo dir einfällt, dass du die ganzen letzten 11 Monate nur an dich gedacht hast und jetzt vielleicht auch mal etwas spenden könntest. Helfen, damit ich vor anderen gut dastehe.
Menschen, die die ganze Zeit Gutes tun und nun Anerkennung und Aufmerksamkeit bekommen. Helfen um des Helfens willen.
Geschenke bekommen. Geschenke verschenken.
Menschen, die in Zelten übernachten müssen.
Ein dreizehntes Gehalt und ein paar freie Tage.
Für jeden bedeutet Weihnachten etwas anderes.
Der Heilige Abend von Jesu` Geburt. Eine Tradition. Eine Möglichkeit Profit zu machen. Ausgeschlossenheit. Oder einfach gar nichts.
Für mich bedeutet diese Zeit im Jahr deswegen viel, aber auch wenig. Denn ja, es ist eine bedeutsame Zeit, doch das sind andere Zeiten auch.
Weihnachten ist für mich das, was ich daraus mache.

Adriana Dinter


Weihnachten ist für mich ein Fest der Familie und der Freunde. Es wird zusammen gegessen und gefeiert. Außerdem mag ich es, anderen mit Geschenken eine Freude zu machen und das geht an Weihnachten besonders gut.

Tabea Lohmann


Weihnachten ist für mich ein Fest, wo alle zusammen feiern und man Familienmitglieder sieht, die man lange nicht gesehen hat. Am meisten freue ich mich auf das gemeinsame Essen mit der Familie und natürlich auf die Geschenke, denn ich finde es einen schönen Brauch sich gegenseitig eine Freude zu machen.

Fabian Heuer


Weihnachten ist für mich der schönste Tag mit meiner Familie und der Tag, wo man am besten gelaunt ist.

Tjerk Ramsthal


Weihnachten ist für mich heißen Kakao zu trinken und mit der Familie zusammen zu sitzen, während wir über Erinnerungen und die Zukunft reden.

Aleia Horn


Weihnachten ist für mich…

...alles und nichts.

Ich bin nicht christlich – tatsächlich glaube ich einfach an gar nichts. Das heißt aber nicht, dass ich Religion nicht ernst nehme oder schätze und so ungefähr da manifestiert sich mein Problem mit Weihnachten.

Weihnachten ist für mich ein Kommerzfest. Ein Fest bestehend aus Stress und Hektik, weil ich a) NIE rechtzeitig Ideen für meine Weihnachtsgeschenke habe, b) wenn ich dann Ideen habe diese entweder überhaupt nicht oder erst viel zu spät (so etwa am 23. Dezember) umsetzen kann, ich c) immer viel zu spät entscheide, was ich mir überhaupt selbst wünsche und d) auch meistens sowieso zu wenig Geld für die Geschenke habe, die ich gerne verschenken würde.
Weihnachten ist für mich Stress, weil die Klausurenphase daran endet und mir noch viel mehr Zeit raubt.
Weihnachten ist für mich Enttäuschung, weil ich mir so oft so unglaublich viel Mühe mit selbst gemachten Geschenken gebe, die am Ende nicht mal annähernd an meine Idee von ihnen heranreichen und am schlimmsten den Beschenkten nicht einmal gefallen.
Weihnachten ist für mich anstrengend.
Weihnachten ist für mich trostlos.
Meine Eltern haben sich getrennt und es gibt keine Zeit im Jahr, in der ich das so sehr merke wie an Weihnachten. Die fünzehnjährige Tradition des Weihnachtsessens mit der ganzen Familie bei uns zu Hause gibt es nicht mehr, weil es die Familie nicht mehr gibt. Eigentlich stört mich die Trennung nicht, aber die Gemeinschaft fehlt mir unglaublich.
Weihnachten ist für mich langweilig, wenn am Heiligabend Erwachsene über Themen reden, bei denen ich weder mitreden kann noch will.
Weihnachten ist für mich aufregend, weil ich mich aufrege, wenn am Heiligabend Erwachsene über Themen reden, bei denen ich mitreden kann und will, zu denen sie aber eine anderen, falsche Meinung haben und meine eigene mit den Worten „Das kannst du ja noch gar nicht wissen“ abtun (zur Erinnerung – ich bin 17 und in der 12. Klasse mit Politik-, Religions- und Deutschunterricht).
Weihnachten ist für mich Hektik, wenn ich kurz vor der beschaulichen Zeit noch alles möglich (Schmücken, kochen, tragen, decken, putzen…) muss, obwohl man sich doch hinsetzen soll.
Weihnachten ist für mich schön, wenn ich einen ganzen Abend nichts mehr zu tun habe und einfach nur entspannt da sitzen und lachen kann.
Weihnachten ist für mich verwirrend, wenn ich mich nach über 10 Jahren immer noch frage, wie der genaue Zusammenhang zwischen dem Weihnachtsmann und Väterchen Frost aussieht (Alter Ego, Brüder, Cousins, Rivalen…?!).
Weihnachten ist für mich besinnlich, weil alles plötzlich eine Geschwindigkeitsstufe, einen Schritt in der Lautstärkeregelung herunterfährt und von einer Decke aus Schnee bedeckt wird.
Weihnachten ist für mich strahlend-leuchtende-Kinderaugen-feier, wenn ich meine Geschenke auspacke und dann irgendwie doch wieder eher so vier bin und wenn ich meine Geschenke, die schlecht und ungerade aber mit Liebe gemacht sind, verschenke, und sich doch jemand freut.
Weihnachten ist für mich warm, wenn ich umarmt werde.
Weihnachten ist für mich rot, wenn die Sonne unter und die Kerze an geht.
Weihnachten ist für mich Vertrauen, wenn es keinen stört, ob die Frisur sitzt.
Weihnachten ist für mich Gemeinschaft, wenn alle (naja, halt eine Hälfte) kommen.
Weihnachten ist für mich Heuchelei, wenn meine gesamte atheistische Familie die Geburt Christi feiert.
Ich bin wahnsinnig interessiert in Religion, ich mag die christliche Religion mit dem Doppelgebot der Liebe auch, ich glaube nur nicht daran. Ich organisiere einen Weihnachtsgottesdienst mit Freundinnen, weil ich dem Christentum zwar nicht zugehöre, es aber respektiere, und aus demselben Respekt heraus spreche ich das Glaubensbekenntnis nicht mit. Es soll meiner Meinung nach den warhhaft Gläubigen gehören, die es auch so meinen, es soll seine Aussagekraft behalten. Ich halte nichts von Leuten, die in der Kirche viel reden und nichts sagen.
Und trotzdem feiere ich Weihnachten.
Darf ich das? Ich bin keine Christin und möchte das auch nicht vortäuschen – widerspricht das also nicht meinen Prinzipien? Heuchle ich dann nicht doch?
Oder ist Weihnachten überhaupt noch ein religiöses Fest?
Wir leben in Mitteleuropa, in Deutschland, und unsere aktuelle Regierung heißt Christlich Demokratische Union und unsere Menschenrechte, unser Grundgesetz baut auf christlichen Werten wie Menschenwürde und Nächstenliebe auf – wir sind ein Sozialstaat.
Die sozialen Gebote des Christentums sind so tief in unserem moralischen Denken als Bevölkerung - nicht als Glaubensgemeinschaft - verankert, dass sie fast nicht mehr als solche zu identifizieren sind.

Oder wer hätte gedacht, dass Jesus der Erste war, dem Gleichberechtigung eingefallen ist (wenn er da mal Patent drauf angemeldet hätte...)?
Also, ist Weihnachten ein Fest der Religion? Feiern wir Christi Geburt?
Oder ist Weihnachten heute schon Kultur geworden, Tradition, Brauchtum?
Ich weiß es nicht. Und auch wenn ich mir da nicht so sicher bin, werde ich Weihnachten trotzdem weiter feiern – schließlich achte ich auch als Atheist Gleichberechtigung und zumindest den nicht-göttlichen Teil der zehn Gebote.
Was ist also Weihnachten für mich?
Ein sozio-kultureller, periodisch auftretender, adrenalinangereicherter, ökonomisch intensiver Zeitabschnitt der materiellen Übergabe symbolischen Dopamins?
Weihnachten ist eben Weihnachten.

Melina Umland

[Hätte Frau Post nicht gesagt, wir sollen diese Fragen mal „in zwei Sätzen“ beantworten, hätte ich jetzt auch keinen pseudophilosopischen Essay über den Zusammenhang von Religion und Kultur schreiben müssen.
Gegenaufgabe an Sie, Frau Post: Was ist der Mensch? in zwei oder drei Sätzen.
]

[Antwort von Frau Post: Puh, Melina, diese Gegenaufgabe ist eine harte Nuss – in zwei, drei Sätzen schaffe ich das nicht und muss passen, ein Punkt für dich – harte Nuss passt aber wenigstens zu Weihnachten und da sind wir wieder beim Thema. ]

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