Zwei Gymnasiasten des Athenaeum in Stade stehen aufregende Zeiten
bevor: Meica Mischok (16) und Max Neitzel (13) fliegen im Sommer
des kommenden Jahres für zwei Wochen auf die Insel Pico im
Atlantik.
Die Jugendlichen werden ein internationales Wissenschaftler-Team
dabei unterstützen, die Pflanzen- und Tierwelt der Azoren zu
erforschen. „Das Programm geht weit über touristisches
Whalewatching hinaus“, betont der Direktor des Stader
Traditionsgymnasiums, Wolfgang Horn. Er möchte die vom Schulverein
finanzierte Exkursion fortan jedes Jahr anbieten.
Die Bildungsstätte greift dafür auf ein Angebot des Instituts für
Jugendmanagement in Heidelberg zurück. Mit ihrem Projekt Master
MINT möchte die Stiftung das Interesse junger Menschen für
Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik fördern.
Dazu lädt sie Schüler aus der gesamten Republik zu
Forschungsexpeditionen an exotischen Orten ein. Die Reisen führen
nach Australien, Amerika, Norwegen, Island und auf die Azoren. Dort
gehen die Jugendlichen erfahrenen Wissenschaftlern zur Hand und
lernen dabei die geografisch wie ökologisch spannenden Regionen aus
einer für sie völlig anderen Perspektive kennen.
Mit Meica Mischok und Max Neitzel sind im kommenden Jahr zum ersten
Mal zwei Schüler des Stader Traditionsgymnasiums Athenaeum bei
einer der Exkursionen dabei. Eher beiläufig ist der Fachleiter für
Geografie, Volker Hansen, auf die Aktion aufmerksam geworden. Er
war sofort überzeugt von der Offerte. Die Teilnehmer hätten die
einmalige Gelegenheit, renommierten Forschern bei ihrer Arbeit über
die Schulter zu schauen. Das käme nicht nur ihrer
Persönlichkeitsentwicklung zugute, sondern biete zudem die
willkommene Gelegenheit, neue Impulse für die eigene Zukunft und
den akademischen oder beruflichen Werdegang zu sammeln. Kurzerhand
rief der Pädagoge einen schulinternen Wettbewerb ins Leben. Alle
Interessierten der achten bis elften Klassen – insgesamt 600
Mädchen und Jungen – konnten sich schriftlich um die beiden freien
Plätze bewerben.
„Das lief völlig diskret ab“, erklärt der Lehrer. Das anonyme
Verfahren sollte Vetternwirtschaft ausschließen. Eine Jury aus
Vertretern des Kollegiums und des Schulvereins beriet über die
Kandidaten. Pädagoge Volker Hansen beschreibt die Gewinner des
Stipendiums als „herausragende Persönlichkeiten in ihren
Jahrgängen“. Direktor Wolfgang Horn spricht von „Engagierten mit
intellektuellem Hintergrund“.
Den Auserwählten steht die Freude ins Gesicht geschrieben. „Ich
habe nicht damit gerechnet, dass es klappt“, berichtet Max Neitzel.
Der 13-Jährige hat bereits als Kind am liebsten Bücher über Tiere
gelesen und früh ein eigenes Aquarium bekommen. Während eines
Familienurlaubs konnte er von einer kroatischen Bucht aus schon
einmal Delfine sehen.
Diese Erfahrung steht Meica Mischok noch bevor. Doch auch das Herz
der abenteuerlustigen 16-Jährigen schlägt für die Meeressäuger, den
sie im Sommer sehr nahe sein wird. „Ich bin total begeistert“, sagt
sie. Die bevorstehende Reise sei „ein großes Geschenk“.
Dass Max Neitzel ein erfolgreicher Triathlet beim Stader
Schwimmverein und Meica Mischok eine engagierte Rettungsschwimmerin
bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) und
Vorstandsmitglied in deren Jugendorganisation ist, hat der Jury die
Entscheidung erleichtert. Bewusst schickt das Athenaeum sozial
eingestellte Schüler, die gleichzeitig sportlich sind, auf die
Azoren-Insel. Der Trip verspricht nämlich auch körperlich
anspruchsvoll zu werden. Die Jugendlichen sollen neben
kartografischen und fotografischen Arbeiten vor allem im
Atlantischen Ozean tauchen und Vulkane besteigen. Ein Tauchschein
ist deshalb Pflicht.
Um die Teilnahme an der 5000 Euro teuren Exkursion unabhängig vom
Geldbeutel der Eltern zu machen, ist der 600 Mitglieder starke
Schulverein als Sponsor eingesprungen, sagt Vorstand Rainer
Blocksdorf. Nur je 150 Euro müssen Meica Mischok und Max Neitzel
beisteuern. Mit Nebenjobs in einem Jugendcafé und einer Spedition
wollen sie die Summe zusammenbekommen. Die Ausflüge auf Pico
möchten die Gymnasiasten mit einer Videokamera festhalten, um
später den Mitschüler ihre Eindrücke zu schildern. Wenn die
Premiere glückt, werde das Athenaeum den hausinternen Wettbewerb
jährlich fortsetzen, kündigt Direktor Wolfgang Horn an.
Über das Inselparadies Pico und die Azoren
Pico (portugiesisch für „Gipfel“) ist die zweitgrößte Insel der im
Atlantik liegenden, aber zu Portugal gehörenden Inselgruppe Azoren.
Sie ist 42 Kilometer lang, 15 Kilometer breit, von Vulkankratern
durchzogen und beherbergt etwa 14 000 Einwohner. Bekannt ist die
zum Weltkulturerbe erklärte Insel für ihr tiefschwarzes Gestein,
den Weinanbau, die Käseherstellung und die Rinderzucht. Ihr Name
geht auf den 2 351 Meter hohen Vulkan Ponta do Pico zurück, dem
höchsten Berg Portugals. Bis zu 25 Wal- und Delfinarten tummeln
sich im Meer rund um die Azoren. Doch der Walfang wurde den
Fischern von Pico in den 1980ern verboten. Damals standen viele
Inselbewohner – die Azoren galten seinerzeit als das Armenhaus
Portugals – vor dem Ruin. Inzwischen ist das Beobachten der Wale
aber zu einer Touristenattraktion und damit zu einem der
wichtigsten Wirtschaftszweige für die Einheimischen geworden. Die
eindrucksvolle Insel ist bei Europäern auch deshalb beliebt, weil
die dort startenden Boote für Ausflügler und Forscher bis auf 50
Meter an die majestätischen Meeressäuger herankommen.
Athenaeer forschen auf den Azoren
so erschienen im Stader Tageblatt am 22.12.15



