Ein Stolperstein beim Lehrerparkplatz des Athenaeums in der
Harsefelder Straße ist Egon Rösing gewidmet. Er wurde 1942 im Alter
von neun Jahren ermordet, weil er eine Behinderung hatte. Zwei
Gymnasiasten erforschten die Hintergründe.
Es ist ein kleiner, unscheinbarer Stein in der Einfahrt zum
Lehrerparkplatz des Stader Athenaeums. Die Inschrift des
Stolpersteins beginnt, wie die 40 000 anderen in Europa, mit den
Worten „Hier wohnte...“. Doch hinter jedem dieser Gedenksteine
steckt ein individuelles Schicksal einer kollektiven Mordfabrik.
Der Stein in der Harsefelder Straße ist Egon Rösing gewidmet. Er
wurde 1942 im Alter von neun Jahren ermordet, weil er eine
Behinderung hatte. Zwei Gymnasiasten erforschten die Hintergründe.
Die Schüler Milan Töllner (15) und Lennart Zimmermann (14) wollten
mehr über diesen Jungen herausfinden, dessen Name auf ihrem
täglichen Schulweg liegt. Mehr als nur seinen Namen, seine Geburts-
und Sterbedaten. Im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des
Bundespräsidenten, welche Ende 2014 unter dem Motto „Anders sein.
Außenseiter in der Geschichte“ stattfand, erstellten sie mithilfe
ihres damaligen Geschichtslehrers Dr. Lars Hellwinkel eine kleine
Ausstellung über das Schicksal von Egon Rösing. Die Jugendlichen
fanden heraus, dass er das Opfer der Kinder-Euthanasie wurde, also
der systematischen Ermordung derjenigen, die aufgrund einer
Behinderung in der nationalsozialistischen „Rassenhygiene“ als
nicht-lebenswert eingestuft wurden.
„Wir hatten das Gefühl, dass viele unserer Mitschüler gar nicht
wissen, dass nicht nur Juden umgebracht wurden, sondern eben auch
Menschen mit Behinderungen“, berichtet Lennart Zimmermann über die
ersten Reaktionen zu ihrer Arbeit. Durch ihre Recherche konnten sie
sogar Einsicht in die „Diagnose“ der damals für Egon Rösing
zuständigen Landesheil- und Pflegeanstalt Lüneburg erhalten. Auf
der vergilbten Karteikarte steht: „Idiotie bei Porencephalie mit
Opticusatrophie. Gestorben: 2.2.1942.“ Egon Rösing ist aber keinen
natürlichen Tod gestorben, er wurde bewusst vergiftet. „Den Eltern
wurde einfach nur mitgeteilt, dass ihr Sohn einer Lungenentzündung
erlegen ist.“
In dieser Woche stellten die Schüler die Ergebnisse ihrer Arbeit im
Forum des Athenaeums aus. Dort werden die gesammelten Fakten noch
bis Anfang Februar zu sehen sein. Das Datum wurde ganz bewusst
gewählt, denn am gestrigen Mittwoch war der bundesweite Gedenktag
der Opfer des Nationalsozialismus.
In knapp einer Woche jährt sich der Todestag von Egon Rösing zum
74. Mal. Zu ihren Informationstafeln legten die beiden noch eine
Art Kondolenzbuch. „Unsere Mitschüler und Lehrer können dadurch
aufschreiben, was sie über das Schicksal von Rösing denken und was
sie ihm noch hätten sagen wollen“, erklärt Milan Töllner.
Mittlerweile finden sich viele Einträge darin, einer davon lautet:
„Egon lauf! Lauf um dein Leben! Ich hoffe, dass du weit kommen
wirst.“
Stolpersteine
Weitere Standorte von Stolpersteinen in Stade mit ausführlichen
Biografien und interessanten Informationen rund um das Projekt sind
online abrufbar. www.stolpersteine-stade.de
Schüler vom Athenaeum erinnern an NS-Opfer
so erschienen im Stader Tageblatt am 28.01.2016

Lennart Zimmermann (links) und Milan Töllner vor ihrer Ausstellung für Egon Rösing, der im Zuge der Kinder-Euthanasie ermordet wurde. Foto Ahlmer


