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  1. 2016

Schüler vom Athenaeum erinnern an NS-Opfer

so erschienen im Stader Tageblatt am 28.01.2016

Lennart Zimmermann (links) und Milan Töllner vor ihrer Ausstellung
für Egon Rösing, der im Zuge der Kinder-Euthanasie ermordet wurde.
Foto Ahlmer

Lennart Zimmermann (links) und Milan Töllner vor ihrer Ausstellung für Egon Rösing, der im Zuge der Kinder-Euthanasie ermordet wurde. Foto Ahlmer

Ein Stolperstein beim Lehrerparkplatz des Athenaeums in der Harsefelder Straße ist Egon Rösing gewidmet. Er wurde 1942 im Alter von neun Jahren ermordet, weil er eine Behinderung hatte. Zwei Gymnasiasten erforschten die Hintergründe.

Es ist ein kleiner, unscheinbarer Stein in der Einfahrt zum Lehrerparkplatz des Stader Athenaeums. Die Inschrift des Stolpersteins beginnt, wie die 40 000 anderen in Europa, mit den Worten „Hier wohnte...“. Doch hinter jedem dieser Gedenksteine steckt ein individuelles Schicksal einer kollektiven Mordfabrik. Der Stein in der Harsefelder Straße ist Egon Rösing gewidmet. Er wurde 1942 im Alter von neun Jahren ermordet, weil er eine Behinderung hatte. Zwei Gymnasiasten erforschten die Hintergründe.

Die Schüler Milan Töllner (15) und Lennart Zimmermann (14) wollten mehr über diesen Jungen herausfinden, dessen Name auf ihrem täglichen Schulweg liegt. Mehr als nur seinen Namen, seine Geburts- und Sterbedaten. Im Rahmen des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten, welche Ende 2014 unter dem Motto „Anders sein. Außenseiter in der Geschichte“ stattfand, erstellten sie mithilfe ihres damaligen Geschichtslehrers Dr. Lars Hellwinkel eine kleine Ausstellung über das Schicksal von Egon Rösing. Die Jugendlichen fanden heraus, dass er das Opfer der Kinder-Euthanasie wurde, also der systematischen Ermordung derjenigen, die aufgrund einer Behinderung in der nationalsozialistischen „Rassenhygiene“ als nicht-lebenswert eingestuft wurden.

„Wir hatten das Gefühl, dass viele unserer Mitschüler gar nicht wissen, dass nicht nur Juden umgebracht wurden, sondern eben auch Menschen mit Behinderungen“, berichtet Lennart Zimmermann über die ersten Reaktionen zu ihrer Arbeit. Durch ihre Recherche konnten sie sogar Einsicht in die „Diagnose“ der damals für Egon Rösing zuständigen Landesheil- und Pflegeanstalt Lüneburg erhalten. Auf der vergilbten Karteikarte steht: „Idiotie bei Porencephalie mit Opticusatrophie. Gestorben: 2.2.1942.“ Egon Rösing ist aber keinen natürlichen Tod gestorben, er wurde bewusst vergiftet. „Den Eltern wurde einfach nur mitgeteilt, dass ihr Sohn einer Lungenentzündung erlegen ist.“

In dieser Woche stellten die Schüler die Ergebnisse ihrer Arbeit im Forum des Athenaeums aus. Dort werden die gesammelten Fakten noch bis Anfang Februar zu sehen sein. Das Datum wurde ganz bewusst gewählt, denn am gestrigen Mittwoch war der bundesweite Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus.

In knapp einer Woche jährt sich der Todestag von Egon Rösing zum 74. Mal. Zu ihren Informationstafeln legten die beiden noch eine Art Kondolenzbuch. „Unsere Mitschüler und Lehrer können dadurch aufschreiben, was sie über das Schicksal von Rösing denken und was sie ihm noch hätten sagen wollen“, erklärt Milan Töllner. Mittlerweile finden sich viele Einträge darin, einer davon lautet: „Egon lauf! Lauf um dein Leben! Ich hoffe, dass du weit kommen wirst.“
Stolpersteine

Weitere Standorte von Stolpersteinen in Stade mit ausführlichen Biografien und interessanten Informationen rund um das Projekt sind online abrufbar. www.stolpersteine-stade.de

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