Jeder fünfte Verkehrsunfall wird von unter 25-Jährigen verursacht.
Gründe dafür sind häufig Alkohol und Übermut. Um junge Fahrer dafür
zu sensibilisieren, haben die Kliniken mit „P.A.R.T.Y.“ ein
Programm ausgerufen, das nichts für Zartbesaitete ist.
Wie Fahrlässigkeit zum Verhängnis wird, lernt eine neunte Klasse
vom Gymnasium Athenaeum an einem Freitagmorgen im Stader Elbe
Klinikum. Auf der Leinwand im Tagungsraum Elbe läuft ein kurzer
Videoclip. Weil eine Fahranfängerin im Auto auf ihrem Smartphone
herumtippt, stirbt ein Dutzend Menschen bei einem Verkehrsunfall.
Es sind schonungslose Bilder. Sie hinterlassen Betroffenheit in den
jungen Gesichtern. Ein hochgewachsenes Mädchen starrt apathisch auf
den Fußboden und friemelt an einem roten Luftballon herum. „Krass“,
flüstert einer ihrer Mitschüler.
Konfrontation mit der Katastrophe
so erschienen im Stader Tageblatt am 23.02.2016


Im Schockraum: Dr. Jörg Franke, Chef der Unfallchirurgie, zeigt den Schülern seine operative Schaltzentrale. Fotos von Borstel
Die 30 Schüler sind Premierengäste bei „P.A.R.T.Y.“. Das Akronym
steht für ein weltweites Präventionsprogramm, das Raserei und
Trunkenheit am Steuer eine Kampfansage sein soll. Dabei durchlaufen
Teenager dieselben Stationen wie ein schwer Verunglückter – vom
Rettungswagen über die Erstversorgung im Schockraum der
Unfallchirurgie bis hin zur operativen Intensivstation. Pro Jahr
werden 130 Schwerstverletzte in die Elbe Klinken gebracht. Das sind
doppelt so viele, wie in deutschen Krankenhäusern üblich.
Einerseits liegt die enorme Zahl am großen Einzugsgebiet der
Krankenhäuser in Stade und Buxtehude. Andererseits an den
gefährlichen Landstraßen in der Region.
Am Anfang dieser konzertierten Lebensrettung steht nicht selten das
Deutsche Rote Kreuz. Tanja Seldenberg-Block und Sebastian Grob
stehen mit voller Montur im nigelnagelneuen Rettungswagen. Mit
gehörig Druck auf den Oberleib versucht der Rettungssanitäter, das
schwächelnde Herz eines Patienten wieder in Wallung zu bringen. Der
beständige Pfeifton einer technischen Apparatur verheißt nichts
Gutes. „Sind wir jetzt eigentlich schon auf dem Weg ins
Krankenhaus?“, fragt ein aufgeweckter Schüler und zerstört damit
schlagartig die Fiktion. Das Szenario: Bei einem nächtlichen
Discounfall wurde ein junger Mann aus dem Auto geschleudert. Er hat
Brüche am Oberkörper und starke Blutungen. Schuld an allem: Alkohol
am Steuer.
Wissenschaftler schätzen, dass 7,4 Millionen Deutsche bedenklich
oft Alkohol trinken. In den Medien ist immerhin alljährlich zu
hören, unter Minderjährigen nehme das sogenannte Komasaufen ab. Bei
den 10- bis 20-Jährigen sank die Zahl der Alkoholvergiftungen laut
Krankenhausdiagnosestatistik 2014 in der Bundesrepublik um vier
Prozent auf gerundet 22 000. Im Landkreis Stade gibt es keinen
Grund zum Aufatmen. „Wir haben weniger Extremfälle, aber der Druck
unter Jugendlichen ist beim Alkohol ungebrochen“, sagt Professor
Benno Stinner, Ärztlicher Leiter der Elbe Kliniken. Als Ritual
dürften erschreckend viele zur Konfirmation mit Erlaubnis der
Eltern zur Schnapspulle greifen.

Im DRK-Rettungswagen: Ein Dummy wird reanimiert.
Die 30 Schüler sind Premierengäste bei „P.A.R.T.Y.“. Das Akronym
steht für ein weltweites Präventionsprogramm, das Raserei und
Trunkenheit am Steuer eine Kampfansage sein soll. Dabei durchlaufen
Teenager dieselben Stationen wie ein schwer Verunglückter – vom
Rettungswagen über die Erstversorgung im Schockraum der
Unfallchirurgie bis hin zur operativen Intensivstation. Pro Jahr
werden 130 Schwerstverletzte in die Elbe Klinken gebracht. Das sind
doppelt so viele, wie in deutschen Krankenhäusern üblich.
Einerseits liegt die enorme Zahl am großen Einzugsgebiet der
Krankenhäuser in Stade und Buxtehude. Andererseits an den
gefährlichen Landstraßen in der Region.
Am Anfang dieser konzertierten Lebensrettung steht nicht selten das
Deutsche Rote Kreuz. Tanja Seldenberg-Block und Sebastian Grob
stehen mit voller Montur im nigelnagelneuen Rettungswagen. Mit
gehörig Druck auf den Oberleib versucht der Rettungssanitäter, das
schwächelnde Herz eines Patienten wieder in Wallung zu bringen. Der
beständige Pfeifton einer technischen Apparatur verheißt nichts
Gutes. „Sind wir jetzt eigentlich schon auf dem Weg ins
Krankenhaus?“, fragt ein aufgeweckter Schüler und zerstört damit
schlagartig die Fiktion. Das Szenario: Bei einem nächtlichen
Discounfall wurde ein junger Mann aus dem Auto geschleudert. Er hat
Brüche am Oberkörper und starke Blutungen. Schuld an allem: Alkohol
am Steuer.
Wissenschaftler schätzen, dass 7,4 Millionen Deutsche bedenklich
oft Alkohol trinken. In den Medien ist immerhin alljährlich zu
hören, unter Minderjährigen nehme das sogenannte Komasaufen ab. Bei
den 10- bis 20-Jährigen sank die Zahl der Alkoholvergiftungen laut
Krankenhausdiagnosestatistik 2014 in der Bundesrepublik um vier
Prozent auf gerundet 22 000. Im Landkreis Stade gibt es keinen
Grund zum Aufatmen. „Wir haben weniger Extremfälle, aber der Druck
unter Jugendlichen ist beim Alkohol ungebrochen“, sagt Professor
Benno Stinner, Ärztlicher Leiter der Elbe Kliniken. Als Ritual
dürften erschreckend viele zur Konfirmation mit Erlaubnis der
Eltern zur Schnapspulle greifen.
Die Zahl der Unfallopfer auf den Straßen Niedersachsens ist im
Vorjahr zum ersten Mal seit langem wieder gestiegen – um acht
Prozent auf 446. Jede fünfte Karambolage geht auf das Konto unter
25-Jähriger. Zu den Hauptursachen zählen Raserei und Ablenkung am
Steuer zum Beispiel durch Handys. Auch 100 Minderjährige sind unter
den Toten. „Das Schlimmste ist, wenn schwerstverletzte Kinder und
Jugendliche bei uns landen“, sagt Dr. Jörg Franke, Chefarzt der
Unfallchirurgie.
Der verletzte Dummy aus dem Rettungswagen ist inzwischen in einem
Schockraum im Elbe Klinikum Stade angekommen. Auf 30 Quadratmetern,
gespickt mit medizinischem Schwergerät, werden hier die Unfallopfer
erstversorgt. Er ist Herzstück und Schaltzentrale der gesamten
Unfallchirurgie. Franke löst mit einem Knopfdruck den Alarm für ein
Polytrauma aus: sozusagen der Worst Case. Binnen Minuten steht eine
Armada von Unfallspezialisten Gewehr bei Fuß, um den verschiedenen
Verletzungen beizukommen: Chirurgen, Anästhesisten, Radiologen,
Pflegeschwestern. Die Schüler vom Athenaeum quetschen sich in die
kleinsten Ecken, um nicht im Weg zu stehen. Normalerweise spritzt
hier Blut, Menschen verlieren Kontrolle über ihre Körperfunktionen.
Für Gedankenspiele ist viel Raum in diesem hochtechnischen Steril.
Eine Stoppuhr an der Wand ermahnt unentwegt zur Eile. In der Kette
der Lebensrettung kann Zeit gleichbedeutend sein mit Verlust. Von
Zellen, Blut, Leben.

Im Pseudo-Delirium : Ein Schüler testet eine Rauschbrille.
Zurück im Tagungsraum. „Alkohol, Drogen, Fahrzeugverkehr – passt
nicht“, sagt Thomas Mehmsen. Als Verkehrssicherheitsberater kennt
er sich mit den Sufffahrten junger Menschen bestens aus. Im Jahr
2014 wurden im Landkreis Stade 232 Fahrer mit Alkohol erwischt. Die
Kontrollen könnten einer der Gründe dafür sein, dass Unfälle mit
Rausch in den Vorjahren erheblich abgenommen haben. „Ihr dürft aber
nichts trinken, gar nichts“, mahnt Mehmsen.
In der Auswertung mit den Jugendlichen wird klar, welchen Eindruck
die Tour hinterlässt. Die Stimmungspalette reicht von schockiert
über nachdenklich bis hin zu euphorisch. Keiner von ihnen hat
zwischendurch ein Smartphone aus der Tasche gekramt. Das spricht
Bände. Maximilian, der Junge, der im Rettungswagen das Wort
ergriffen hat, ist immer noch hellauf begeistert von dem Szenario.
Er berichtet, er wolle Notarzt werden.
Franke als federführender Arzt resümiert das neue Programm: „Die
Jugendlichen sollen lernen, Gefahren wahrzunehmen und clevere
Entscheidungen zu treffen.“ Dieser Fingerzeig ist nicht nur
Wohlwollen – er ist Eigennutz zugleich. Der Familienvater will
nicht, dass die jungen Menschen irgendwann nach Sufffahrten auf den
Operationstischen seiner Unfallchirurgie landen.
Zum Projekt
P.A.R.T.Y. ist ein weltweites Präventionsprogramm für Jugendliche,
das 1986 aus der Idee einer kanadischen Krankenschwester entstand.
Kern ist ein Tag, den Jugendliche in einer Unfallklinik verbringen
und dort die Stationen eines Schwerverletzten erleben. In
Deutschland wird das Programm im Auftrag der Deutschen Gesellschaft
für Unfallchirurgie (DGU) durchgeführt. P.A.R.T.Y. ist eine
Abkürzung für „Prevent Alkohol and Risk Related Trauma in Youth“.
Frei übersetzt geht es um die Prävention von durch Alkohol und
risikoreichem Verhalten verursachten Verletzungen. Schulklassen
können sich bewerben bei Heike Horn von den Elbe Kliniken: 0 41 41/
97 12 08. (Quelle: DGU)


