Mit 16 000 Büchern aus sechs Jahrhunderten ist die historische
Bibliothek des Athenaeums eine Sammlung von unschätzbarem Wert.
Seit zehn Jahren sortiert und katalogisiert eine Projektgruppe die
Werke, um sie für die Wissenschaft nutzbar zu machen. Wie wichtig
das ist, zeigt der Besuch eines niederländischen Forschers.
Derzeit befindet sich der Bestand in zwei Zimmern im Dachgeschoss
des Altbaus. Die meisten Bücher stehen, nach Fachbereichen oder
Themen geordnet, in Regalen und Schränken. Einige besonders
wertvolle Exemplare sind in Tresoren verstaut. Eine Klimaanlage mit
Regelung der Luftfeuchtigkeit, wie sie etwa in staatlichen Archiven
zum Einsatz kommt, fehlt allerdings. Vitrinen zur Präsentation der
eindrucksvollen Exponate gibt es dort bislang ebenfalls nicht.
Wenn es nach den Lehrern Andrea Helmers und Lars Hellwinkel geht,
wird sich das bald ändern. Sie möchten, zusammen mit den
Jugendlichen des Gymnasiums und Wissenschaftlern von Universitäten,
mehr über die Geschichte der Bücher und ihre Bedeutung
herausfinden. Bis vor ein paar Jahren waren die Werke auf mehrere
Standorte verteilt, ehe Schüler und Pädagogen sie in einer
Gemeinschaftsaktion aus den Staats- und Stadtarchiven ins Athenaeum
zurückholten.
Historische Bibliothek am Athenaeum wird katalogisiert
so erschienen im Stader Tageblatt am 19.04.16

Präsentieren den großen, schweren und dicken Atlas aus dem 17. Jahrhundert : Forscher Peter van der Krogt aus Amsterdam und die Lehrkräfte Lars Hellwinkel und Andrea Helmers zusammen mit Bibliothekarin Catrin Gold vom Landschaftsverband im Gymnasium Athenaeum. Fotos Beneke

Nebenan im Dachgeschoss ist noch Platz für eine Erweiterung.
Hier können die Bücher jetzt im Unterricht genutzt werden. „Sie
sind das kulturelle Gedächtnis der Schule. Wir sehen, was die
Jungen für eine breite Bildung bekommen haben“, erklärt Hellwinkel.
Von dem Bestand gehe noch immer eine starke Faszination aus. Unter
dem Motto „Schätze im Tresor“ widmete sich ein Oberstufenkurs ein
Jahr lang einzelnen Exponaten. „Wir haben das einfach mal versucht,
und sie waren begeistert dabei“, berichtet der Pädagoge.
Zum Beispiel forschte der damalige Schüler David Peters zu einem
1653 herausgegebenen Atlas mit Karten des holländischen
Kupferstechers Joan Blaeu. Dafür kontaktierte er den Experten Peter
van der Krogt von der Universität Amsterdam, der sich nun bei einem
Besuch in Stade selbst ein Bild von dem großen, dicken und schweren
Werk machte. Vorsichtig blätterte er durch das eindrucksvollste
Buch aus der Sammlung des Athenaeums, begann sofort zu fachsimpeln.
Für Hellwinkel und seine Kollegen ist das Treffen eine Bestätigung
auf dem langwierigen Weg der Erschließung der Bibliothek: „Dann
ergibt das plötzlich Sinn. Wir haben einen Fundus ohne Ende. Ich
wünsche mir, dass er ordentlich aufgestellt wird.“ Ein Teil des
Bestandes, der voraussichtlich bis zum Ende des Jahres vollständig
erfasst sein wird, liegt im Moment unstrukturiert herum. Ein
zentraler Standort fehlt. Abhilfe schaffen könnte ein Ausbau des
Dachbodens.
Angrenzend an einen der beiden gegenwärtigen Lagerräume steht ein
Teil der Etage noch leer. Die Ausstattung der Fläche würde abermals
viel Geld verschlingen. In den vergangenen Jahren bekam die Schule
für die Katalogisierung der Bücher immer wieder Spenden von lokalen
Unternehmen. „Unser Einsatz trägt Früchte“, betont Hellwinkel.
Intensive Unterstützung erfährt die Projektgruppe vom
Landschaftsverband.
Dessen Bibliothekarin Catrin Gold sieht die umfangreiche Bibliothek
als Standortfaktor für die Hansestadt Stade und hofft auf
internationale Forschungskooperationen, die bei Schülern und
Studenten die Scheu abbauen könnten, sich mit den alten Werken zu
beschäftigen. „Ich bin erstaunt, dass sehr früh schon so akribisch
gearbeitet wurde“, erzählt sie. „Gute Wissenschaftler haben sich
auch damals schon bemüht, keinen Unsinn zu schreiben“, sagt Gold
und lacht.
Bei den jungen Menschen solle ein historisches Bewusstsein
geschaffen werden, unterstreicht Pädagoge Hellwinkel. Geschichte
werde erlebbar – etwa, wenn Bücher zutage kommen, die jene Lehrer
dem Traditionsgymnasium vermacht haben, die später am Aufbau der
Universität Hamburg mitwirkten oder in anderen Exemplaren ein
Schulstempel mit Hakenkreuz-Emblem zu erkennen ist.


