Im Juli 2005 erschütterten die schwersten Anschläge der Geschichte
Großbritanniens das Land. Im morgendlichen Londoner Berufsverkehr
explodierten nacheinander vier Bomben, drei in U-Bahnen, eine in
einem Doppeldeckerbus. Von dem roten Bus, der wie kein anderes
Fortbewegungsmittel symbolisch für Englands Hauptstadt steht, blieb
nicht mehr viel übrig. Tausende Pendler waren zum Teil bis zum
Nachmittag in den U-Bahnen eingeschlossen, ehe ihnen geholfen
werden konnte. Der Anschlag hatte Großbritannien schwer getroffen:
56 Menschen starben, über 700 wurden teilweise schwer verletzt. Der
7. Juli prägte sich in das kollektive Gedächtnis des Landes ein und
wurde schon bald in Anlehnung an die Terroranschläge auf das World
Trade Center vier Jahre zuvor 7/7 genannt.
Schon kurze Zeit nach den Anschlägen präsentierten die
Sicherheitsbehörden der Öffentlichkeit die Täter: Vier junge Männer
zwischen 18 und 30 Jahren, die noch einen großen Teil ihres Lebens
vor sich hatten. Warum waren sie bereit, an diesem Morgen im Juli
2005 die Attentate zu verüben? Heute machen Experten vor allem
Brüche in der pakistansichen Gemeinschaft als Auslöser für den
Anschlag verantwortlich. Drei der vier Täter lebten in Beeston,
einem Stadtteil von Leeds. In den 70er Jahren des letzten
Jahrhunderts zogen vor allem Familien aus Pakistan in die Region:
Günstiger Wohnraum hatte den Stadtteil schon immer für Migranten
attraktiv gemacht. Als sich nach circa dreißig Jahren eine zweite
Generation der Einwanderer in Beeston aufgebaut hatte, verschärften
sich die Spannungen: Junge Pakistaner konnten sich mit der
Religionsausübung ihrer Eltern nicht mehr identifizieren. Diese
predigten auf Urdu, einer für sie nicht leicht verständlichen
Sprache, und hatten im Allgemein nur wenig Ideen für die Einbindung
der zweiten Generation in das gemeinschaftliche Leben. Viele waren
hin- und hergerissen zwischen den Werten des Einwanderungslandes
und denen der Heimat ihrer Eltern.
An diesem Punkt setzte bei den Attentätern von London der
Dschihadismus an. Die Dshcihadisten verteilten ihre Schriften auf
Englisch und hatten Pläne, wie man die zweite Generation in das
gemeinschaftliche Leben einbinden könnte. Die radikalen
Dschihadisten boten ihre Ideologie als Ausweg an und gaben den
jungen Männern, die sich zuvor weder mit ihrem Geburtsland noch mit
dem Heimatland ihrer Eltern wirklich identifizieren konnten, eine
Identität. Sie mussten sich nicht mehr als Pakistaner oder Briten
sehen, sondern als „Gotteskrieger“ im Kampf für das „Gute“. Die
vier Attentäter von London stehen exemplarisch dafür, wie eine
Radikalisierung vor allem Jugendlicher oft abläuft.
Die Jugendlichen werden dabei insbesondere durch islamistische
Prediger radikalisiert. Einer der bekanntesten in Deutschland ist
Pierre Vogel. Er wuchs als Christ auf und konvertierte später zum
Islam. Mittlerweile gehört er zu den einflussreichsten
salafistischen Predigern in Deutschland, sein Youtube-Kanal hat
etwa 19.000 Abonnenten. Der Salafismus ist eine Form des
sunnitischen Islam, die sich an dem Islam des siebten Jahrhunderts
oder an der salafistischen Ansicht über diesen orientiert. Sie
entstand in der Moderne unter Rückgriff auf vormoderne Theologen
und die in Saudi-Arabien vorherrschende Strömung des Wahhabismus.
Der Koran und die Hadithe (= nach dem Tod gesammelte Aussprüche und
Taten von Mohammed) seien bedingungslos zu akzeptieren. „Wer einen
Buchstaben des Koran leugnet, ist ein Kafir [Ungläubiger]“, hat
Pierre Vogel dazu in einem Video gesagt. Sein Weltbild
unterscheidet klar zwischen „gut“ und „böse“. Auf der einen Seite
sind die Muslime, die seiner Auslegung des Islam folgen und ins
Paradies kommen werden. Auf der anderen Seite unterscheidet er zwei
„Krankheiten“, unter denen die deutsche Gesellschaft leide. Die
erste sei der Unglaube an Allah. An ihm leiden nach seinen Aussagen
also alle Nichtmuslime. Von der anderen „Krankheit“ seien die
Muslime befallen, die ihren Glauben nicht oder nicht vollständig
praktizierten. Auch in anderen Punkten sind die Positionen von
Pierre Vogel problematisch. Er lehrt zum Beispiel, dass alle
Nichtmuslime in die Hölle kommen werden, wenn sie sterben. Er
verurteilt zwar islamistischen Terror und den Islamischen Staat,
verbreitet jedoch die Geisteshaltung, die beides möglich macht: die
unkritische Übernahme von Gedanken aus „heiligen“ Texten und die
Einteilung der Welt in „Gut“ und „Böse“.
Doch welche Rolle spielt die Ausgrenzung, die Einwanderer in ihrem
täglichen Leben erfahren? Was macht die Ideologie des Islamismus
für einige so attraktiv?
Eine Antwort auf diese Frage könnte das Interview mit Anouar
Abdellati liefern, das die BBC ein paar Tage nach den Anschlägen
von Paris führte. Der in Marokko geborene Belgier berichtete von
täglicher Ausgrenzung, die ihm zwar nicht direkt, dafür aber eher
versteckt entgegenschlage. Fremde Leute blickten ihn an, als habe
er eine Bombe dabei: „Wenn ich in den Bus einstiege ist es, als
würden mich die Leute mit ihren Augen töten“, sagte der 24-Jährige
dem englischen Sender. Abdellati berichtete von Gleichaltrigen, die
die gleichen Erfahrungen machten – und mit Hass reagierten: auf
Polizisten, auf Weiße, auf das demokratische System im allgemeinen.
Es gibt zwar Ansätze, der Radikalisierung Jugendlicher durch
Sozialarbeiter entgegenzuwirken, jedoch macht die aktuelle Politik
dieses Vorhaben nicht einfacher. Auf die Terroranschläge von Paris
reagierte die internationale Koalition beispielsweise mit einer
verstärkten Bombardierung des von ISIS kontrollierten Gebietes.
Viele Sympathisanten der Terrormiliz sehen sich dadurch in ihrer
Weltanschauung bestätigt: „Sie werden sagen: 'Du siehst, dass
unsere Brüder und Schwestern in Syrien und im Irak immer noch
bombardiert werden. Sind sie keine Menschen? Sind nur die Leute in
Paris Menschen und die im Nahen Osten Tiere?'“ so Gilles de
Kerchove, seines Zeichens Anti-Terror-Koordinator der Europäischen
Union. Das gemeinsame Kämpfen für ISIS gebe den jungen Männern und
Frauen Freundschaft und Verbundenheit - Faktoren, die viele von
ihnen in westlichen Gesellschaften vermissen, weil sie zum Beispiel
aufgrund ihres Namens keinen Job oder keine Wohnung finden.
Die Frage ist, wie Pierre Vogel und andere salafistische Prediger
mit ihrer Weltanschauung Jugendliche überzeugen.
Ein Element ist, dass klare Antworten gegeben werden. Wenn ein
Jugendlicher gerade in einer Sinnkrise steckt, kann eine einfache
Antwort attraktiv sein. Man muss sich keine Gedanken mehr machen,
sondern weiß, was richtig und falsch ist, da man das „Wort Gottes“
zur Verfügung hat. Weiterhin führt die Abwertung der Anderen zu der
eigenen Aufwertung. Die anderen beteiligen sich an „unmoralischen“
Aktivitäten wie Discobesuchen, außerehelichem Geschlechtsverkehr
und Glücksspiel. Man selber als „wahrer Muslim“ sei moralisch genug
und habe die Willensstärke, diesem Verlangen zu widerstehen. Die
anderen würden die Wahrheit nicht erkennen, während man selbst
genau wisse, dass der eigene Gott der richtige sei. Während die
„Ungläubigen“ nach ihrem Tod in der Hölle gefoltert werden würden,
komme man als Rechtgläubiger ins Paradies. Außerdem wird der
Salafismus aufgrund seiner Ablehnung durch den Großteil der
Gesellschaft eher als „rebellische“ Jugendkultur gesehen, durch die
man sich von der Gesellschaft und auch von den Eltern, die oft
moderate oder nicht praktizierende Muslime sind, distanzieren kann.
Beim Islamismus wird angestrebt, dass die gesamte Gesellschaft auf
(der eigenen Interpretation von) islamischen Regeln aufgebaut ist,
die dann auch durch den Staat durchzusetzen sind. Die radikalen
Islamisten wie der Islamische Staat oder die Taliban wollen die
Sharia als Grundlage des Rechtssystems haben. Nach der Scharia sind
beispielsweise Ehebruch, Homosexualität, Gotteslästerung, Abkehr
vom Islam und Hexerei todeswürdige Verbrechen. Die Scharia stammt
aus dem Koran und den Hadithen, nach dem Tod von Mohammed
zusammengetragenen Berichten über seine Aussagen und Taten. Dabei
gibt es keine explizite Sammlung von Gesetzen, sondern einige Teile
können unterschiedlich interpretiert werden. Diese Interpretationen
werden von Angehörigen der Rechtsschulen, den Madhhabs,
vorgenommen. Es gibt verschiedene als legitim erachtete
Rechtsschulen, die von Theologen im Mittelalter entwickelt wurden.
Diese Rechtsschulen werden von den Salafisten abgelehnt, da es sie
zu Zeiten Mohammeds nicht gegeben hat. Sogenannte Muftis, Experten
des islamischen Rechts, beziehen zu einzelnen Streitfragen in Form
von Fatwas Stellung. Dabei gibt es keinen Klerus, der die alleinige
Autorität zum Ausstellen von Fatwas hat, weshalb Fatwas
unterschiedlicher Personen sich auch widersprechen können. Auch der
Islamische Staat stellt Fatwas aus. Die Fatwa Nummer 64 regelt zum
Beispiel den Umgang mit Sklavinnen.
Von IS und Al-Qaida wird als Regierungsform ein weltweites Kalifat
angestrebt. Ein Kalif war der Nachfolger von Mohammed sowohl als
oberste religiöse Autorität als auch als weltlicher Herrscher über
alle Muslime. Die ersten Kalifen waren Weggefährten von Mohammed,
danach entstanden verschiedene Dynastien von Kalifen und zeitweise
gab es bis zu drei Kalifen. Das Kalifat wurde 1924 von der
türkischen Regierung aufgelöst. Der Kalifentitel wurde vorher von
den Sultanen des osmanischen Reiches getragen. Der „Kalif“ des
islamischen Staates heißt Abu Bakr al-Baghdadi und wird von
verschiedenen Räten unterstützt, die praktisch die Rolle von
Ministerien einnehmen. Auch gibt es lokale Gouverneure, die
einzelne Regionen leiten. Insgesamt etabliert der IS zunehmend
staatliche Strukturen.
Trotz der medialen Dauerpräsenz des Themas „radikaler Islamismus“
zeigt ein Blick auf die Zahlen, dass radikaler Islamismus nicht so
sehr verbreitet ist, wie es manchmal den Anschien macht.
Von den insgesamt vier Millionen Menschen muslimischen Glaubens in
Deutschland gehörten laut Verfassungsschutz gerade einmal circa ein
Prozent - nämlich rund 43.890 Personen - Organisationen mit
islamistischen Zielen an. Dabei wäre es falsch, diesen pauschal
eine gefestigte islamistische Ideologie oder gar Terrorabsichten zu
unterstellen. Auch sie können Gewalt als politisches Mittel
ablehnen und sich, sofern der Staat demokratisch ist, nach
demokratischen Spielregeln richten. Für viele gilt der Islamismus
auch als private Richtilinie, aus der sich keine politischen
Forderungen ableiten lassen. Laut Bundesinnenminister Thomas de
Maizière gab es im Winter letzten Jahres 427 Personen, die als
sogenannte „islamistische Gefährder“ eingestuft wurden. Als
„Gefährder“ gelten Personen, bei denen die Annahme, sie wollten
politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung verüben,
gerechtfertigt ist. Ein „Gefährder“ muss also noch keine Straftat
begangen haben – viele dieser Personen werden lediglich präventiv
beobachtet.
Schon die vage Begriffsdefinition zeigt, dass diese Praxis nicht
unumstritten ist. Viele Kritiker bemängeln, der Einstufung als
„Gefährder“, die massive Eingriffe ins Privatleben ermöglicht,
fehle die juristische Grundlage. Ob eine Person diesem Spektrum
zugeordnet wird, hängt im Moment ausschließlich vom Ermessen der
Exekutive ab, ohne dass eine andere demokratische Institution
diesen Vorgang kontrolliere. Es sei völlig unklar, ob von einem
„Gefährder“ tatsächlich eine Gefahr ausgehe.
Hausgemachter Terrorismus bleibt also in Deutschland ebenso wie
vielleicht in Großbritannien oder Frankreich ein Problem. Nur die
Verringerung der Attraktivität terroristischer Ideen und
Organisationen für potenzielle Anhänger im jeweiligen Land könnte
hier Abhilfe schaffen. Dafür sind jeder Staat und natürlich auch
seine Bürger selbst verantwortlich.
Nachgedacht über...
...hausgemachten Terrorismus
von Michael Gisbrecht und Julius Kamper



