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  1. 2016

Nachgedacht über...

...hausgemachten Terrorismus

von Michael Gisbrecht und Julius Kamper

Im Juli 2005 erschütterten die schwersten Anschläge der Geschichte Großbritanniens das Land. Im morgendlichen Londoner Berufsverkehr explodierten nacheinander vier Bomben, drei in U-Bahnen, eine in einem Doppeldeckerbus. Von dem roten Bus, der wie kein anderes Fortbewegungsmittel symbolisch für Englands Hauptstadt steht, blieb nicht mehr viel übrig. Tausende Pendler waren zum Teil bis zum Nachmittag in den U-Bahnen eingeschlossen, ehe ihnen geholfen werden konnte. Der Anschlag hatte Großbritannien schwer getroffen: 56 Menschen starben, über 700 wurden teilweise schwer verletzt. Der 7. Juli prägte sich in das kollektive Gedächtnis des Landes ein und wurde schon bald in Anlehnung an die Terroranschläge auf das World Trade Center vier Jahre zuvor 7/7 genannt.

Schon kurze Zeit nach den Anschlägen präsentierten die Sicherheitsbehörden der Öffentlichkeit die Täter: Vier junge Männer zwischen 18 und 30 Jahren, die noch einen großen Teil ihres Lebens vor sich hatten. Warum waren sie bereit, an diesem Morgen im Juli 2005 die Attentate zu verüben? Heute machen Experten vor allem Brüche in der pakistansichen Gemeinschaft als Auslöser für den Anschlag verantwortlich. Drei der vier Täter lebten in Beeston, einem Stadtteil von Leeds. In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts zogen vor allem Familien aus Pakistan in die Region: Günstiger Wohnraum hatte den Stadtteil schon immer für Migranten attraktiv gemacht. Als sich nach circa dreißig Jahren eine zweite Generation der Einwanderer in Beeston aufgebaut hatte, verschärften sich die Spannungen: Junge Pakistaner konnten sich mit der Religionsausübung ihrer Eltern nicht mehr identifizieren. Diese predigten auf Urdu, einer für sie nicht leicht verständlichen Sprache, und hatten im Allgemein nur wenig Ideen für die Einbindung der zweiten Generation in das gemeinschaftliche Leben. Viele waren hin- und hergerissen zwischen den Werten des Einwanderungslandes und denen der Heimat ihrer Eltern.

An diesem Punkt setzte bei den Attentätern von London der Dschihadismus an. Die Dshcihadisten verteilten ihre Schriften auf Englisch und hatten Pläne, wie man die zweite Generation in das gemeinschaftliche Leben einbinden könnte. Die radikalen Dschihadisten boten ihre Ideologie als Ausweg an und gaben den jungen Männern, die sich zuvor weder mit ihrem Geburtsland noch mit dem Heimatland ihrer Eltern wirklich identifizieren konnten, eine Identität. Sie mussten sich nicht mehr als Pakistaner oder Briten sehen, sondern als „Gotteskrieger“ im Kampf für das „Gute“. Die vier Attentäter von London stehen exemplarisch dafür, wie eine Radikalisierung vor allem Jugendlicher oft abläuft.

Die Jugendlichen werden dabei insbesondere durch islamistische Prediger radikalisiert. Einer der bekanntesten in Deutschland ist Pierre Vogel. Er wuchs als Christ auf und konvertierte später zum Islam. Mittlerweile gehört er zu den einflussreichsten salafistischen Predigern in Deutschland, sein Youtube-Kanal hat etwa 19.000 Abonnenten. Der Salafismus ist eine Form des sunnitischen Islam, die sich an dem Islam des siebten Jahrhunderts oder an der salafistischen Ansicht über diesen orientiert. Sie entstand in der Moderne unter Rückgriff auf vormoderne Theologen und die in Saudi-Arabien vorherrschende Strömung des Wahhabismus. Der Koran und die Hadithe (= nach dem Tod gesammelte Aussprüche und Taten von Mohammed) seien bedingungslos zu akzeptieren. „Wer einen Buchstaben des Koran leugnet, ist ein Kafir [Ungläubiger]“, hat Pierre Vogel dazu in einem Video gesagt. Sein Weltbild unterscheidet klar zwischen „gut“ und „böse“. Auf der einen Seite sind die Muslime, die seiner Auslegung des Islam folgen und ins Paradies kommen werden. Auf der anderen Seite unterscheidet er zwei „Krankheiten“, unter denen die deutsche Gesellschaft leide. Die erste sei der Unglaube an Allah. An ihm leiden nach seinen Aussagen also alle Nichtmuslime. Von der anderen „Krankheit“ seien die Muslime befallen, die ihren Glauben nicht oder nicht vollständig praktizierten. Auch in anderen Punkten sind die Positionen von Pierre Vogel problematisch. Er lehrt zum Beispiel, dass alle Nichtmuslime in die Hölle kommen werden, wenn sie sterben. Er verurteilt zwar islamistischen Terror und den Islamischen Staat, verbreitet jedoch die Geisteshaltung, die beides möglich macht: die unkritische Übernahme von Gedanken aus „heiligen“ Texten und die Einteilung der Welt in „Gut“ und „Böse“.

Doch welche Rolle spielt die Ausgrenzung, die Einwanderer in ihrem täglichen Leben erfahren? Was macht die Ideologie des Islamismus für einige so attraktiv?

Eine Antwort auf diese Frage könnte das Interview mit Anouar Abdellati liefern, das die BBC ein paar Tage nach den Anschlägen von Paris führte. Der in Marokko geborene Belgier berichtete von täglicher Ausgrenzung, die ihm zwar nicht direkt, dafür aber eher versteckt entgegenschlage. Fremde Leute blickten ihn an, als habe er eine Bombe dabei: „Wenn ich in den Bus einstiege ist es, als würden mich die Leute mit ihren Augen töten“, sagte der 24-Jährige dem englischen Sender. Abdellati berichtete von Gleichaltrigen, die die gleichen Erfahrungen machten – und mit Hass reagierten: auf Polizisten, auf Weiße, auf das demokratische System im allgemeinen.

Es gibt zwar Ansätze, der Radikalisierung Jugendlicher durch Sozialarbeiter entgegenzuwirken, jedoch macht die aktuelle Politik dieses Vorhaben nicht einfacher. Auf die Terroranschläge von Paris reagierte die internationale Koalition beispielsweise mit einer verstärkten Bombardierung des von ISIS kontrollierten Gebietes. Viele Sympathisanten der Terrormiliz sehen sich dadurch in ihrer Weltanschauung bestätigt: „Sie werden sagen: 'Du siehst, dass unsere Brüder und Schwestern in Syrien und im Irak immer noch bombardiert werden. Sind sie keine Menschen? Sind nur die Leute in Paris Menschen und die im Nahen Osten Tiere?'“ so Gilles de Kerchove, seines Zeichens Anti-Terror-Koordinator der Europäischen Union. Das gemeinsame Kämpfen für ISIS gebe den jungen Männern und Frauen Freundschaft und Verbundenheit - Faktoren, die viele von ihnen in westlichen Gesellschaften vermissen, weil sie zum Beispiel aufgrund ihres Namens keinen Job oder keine Wohnung finden.

Die Frage ist, wie Pierre Vogel und andere salafistische Prediger mit ihrer Weltanschauung Jugendliche überzeugen.
Ein Element ist, dass klare Antworten gegeben werden. Wenn ein Jugendlicher gerade in einer Sinnkrise steckt, kann eine einfache Antwort attraktiv sein. Man muss sich keine Gedanken mehr machen, sondern weiß, was richtig und falsch ist, da man das „Wort Gottes“ zur Verfügung hat. Weiterhin führt die Abwertung der Anderen zu der eigenen Aufwertung. Die anderen beteiligen sich an „unmoralischen“ Aktivitäten wie Discobesuchen, außerehelichem Geschlechtsverkehr und Glücksspiel. Man selber als „wahrer Muslim“ sei moralisch genug und habe die Willensstärke, diesem Verlangen zu widerstehen. Die anderen würden die Wahrheit nicht erkennen, während man selbst genau wisse, dass der eigene Gott der richtige sei. Während die „Ungläubigen“ nach ihrem Tod in der Hölle gefoltert werden würden, komme man als Rechtgläubiger ins Paradies. Außerdem wird der Salafismus aufgrund seiner Ablehnung durch den Großteil der Gesellschaft eher als „rebellische“ Jugendkultur gesehen, durch die man sich von der Gesellschaft und auch von den Eltern, die oft moderate oder nicht praktizierende Muslime sind, distanzieren kann.

Beim Islamismus wird angestrebt, dass die gesamte Gesellschaft auf (der eigenen Interpretation von) islamischen Regeln aufgebaut ist, die dann auch durch den Staat durchzusetzen sind. Die radikalen Islamisten wie der Islamische Staat oder die Taliban wollen die Sharia als Grundlage des Rechtssystems haben. Nach der Scharia sind beispielsweise Ehebruch, Homosexualität, Gotteslästerung, Abkehr vom Islam und Hexerei todeswürdige Verbrechen. Die Scharia stammt aus dem Koran und den Hadithen, nach dem Tod von Mohammed zusammengetragenen Berichten über seine Aussagen und Taten. Dabei gibt es keine explizite Sammlung von Gesetzen, sondern einige Teile können unterschiedlich interpretiert werden. Diese Interpretationen werden von Angehörigen der Rechtsschulen, den Madhhabs, vorgenommen. Es gibt verschiedene als legitim erachtete Rechtsschulen, die von Theologen im Mittelalter entwickelt wurden. Diese Rechtsschulen werden von den Salafisten abgelehnt, da es sie zu Zeiten Mohammeds nicht gegeben hat. Sogenannte Muftis, Experten des islamischen Rechts, beziehen zu einzelnen Streitfragen in Form von Fatwas Stellung. Dabei gibt es keinen Klerus, der die alleinige Autorität zum Ausstellen von Fatwas hat, weshalb Fatwas unterschiedlicher Personen sich auch widersprechen können. Auch der Islamische Staat stellt Fatwas aus. Die Fatwa Nummer 64 regelt zum Beispiel den Umgang mit Sklavinnen.

Von IS und Al-Qaida wird als Regierungsform ein weltweites Kalifat angestrebt. Ein Kalif war der Nachfolger von Mohammed sowohl als oberste religiöse Autorität als auch als weltlicher Herrscher über alle Muslime. Die ersten Kalifen waren Weggefährten von Mohammed, danach entstanden verschiedene Dynastien von Kalifen und zeitweise gab es bis zu drei Kalifen. Das Kalifat wurde 1924 von der türkischen Regierung aufgelöst. Der Kalifentitel wurde vorher von den Sultanen des osmanischen Reiches getragen. Der „Kalif“ des islamischen Staates heißt Abu Bakr al-Baghdadi und wird von verschiedenen Räten unterstützt, die praktisch die Rolle von Ministerien einnehmen. Auch gibt es lokale Gouverneure, die einzelne Regionen leiten. Insgesamt etabliert der IS zunehmend staatliche Strukturen.

Trotz der medialen Dauerpräsenz des Themas „radikaler Islamismus“ zeigt ein Blick auf die Zahlen, dass radikaler Islamismus nicht so sehr verbreitet ist, wie es manchmal den Anschien macht.

Von den insgesamt vier Millionen Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland gehörten laut Verfassungsschutz gerade einmal circa ein Prozent - nämlich rund 43.890 Personen - Organisationen mit islamistischen Zielen an. Dabei wäre es falsch, diesen pauschal eine gefestigte islamistische Ideologie oder gar Terrorabsichten zu unterstellen. Auch sie können Gewalt als politisches Mittel ablehnen und sich, sofern der Staat demokratisch ist, nach demokratischen Spielregeln richten. Für viele gilt der Islamismus auch als private Richtilinie, aus der sich keine politischen Forderungen ableiten lassen. Laut Bundesinnenminister Thomas de Maizière gab es im Winter letzten Jahres 427 Personen, die als sogenannte „islamistische Gefährder“ eingestuft wurden. Als „Gefährder“ gelten Personen, bei denen die Annahme, sie wollten politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung verüben, gerechtfertigt ist. Ein „Gefährder“ muss also noch keine Straftat begangen haben – viele dieser Personen werden lediglich präventiv beobachtet.

Schon die vage Begriffsdefinition zeigt, dass diese Praxis nicht unumstritten ist. Viele Kritiker bemängeln, der Einstufung als „Gefährder“, die massive Eingriffe ins Privatleben ermöglicht, fehle die juristische Grundlage. Ob eine Person diesem Spektrum zugeordnet wird, hängt im Moment ausschließlich vom Ermessen der Exekutive ab, ohne dass eine andere demokratische Institution diesen Vorgang kontrolliere. Es sei völlig unklar, ob von einem „Gefährder“ tatsächlich eine Gefahr ausgehe.

Hausgemachter Terrorismus bleibt also in Deutschland ebenso wie vielleicht in Großbritannien oder Frankreich ein Problem. Nur die Verringerung der Attraktivität terroristischer Ideen und Organisationen für potenzielle Anhänger im jeweiligen Land könnte hier Abhilfe schaffen. Dafür sind jeder Staat und natürlich auch seine Bürger selbst verantwortlich.

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