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  1. 2016

Mustafa ist bei Familie Engels „angekommen“- im doppelten Wortsinn

von Barbara Post

Vor einiger Zeit wurden die Jugendreporter darüber informiert, dass Familie Engels – Frau Engels unterrichtet bei uns am Athe Biologie und Chemie – einen UMA aufgenommen hat. Zuerst mussten wir uns diese Abkürzung erklären: es geht um einen unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden. Mit Hilfe von vielen Informationen von Frau Engels wollen wir gerne über diese Aufnahmen eines Pflegekindes berichten.

Das Beste zuerst: Frau Engels berichtet mit Begeisterung und zieht lächelnd folgendes Fazit: „Sinnvoll geplant kann ich die Aufnahme eines UMAs nur empfehlen. Natürlich muss man sich vorher überlegen, ob man genügend Platz und vor allem Zeit für den UMA hat. Wir empfinden Mustafa als Bereicherung unserer Familie.“

Wie kam es zu dieser Entscheidung, die Familie um ein Flüchtlingskind zu erweitern?
Letztes Jahr kam Frau Engels aus den Herbstferien zurück nach Stade und stieß auf voll besetzte Turnhallen. Dies hat sie verwundert und dann hakte sie nach. Sie erfuhr, dass auch sehr viele UMAs in den Turnhallen untergebracht waren. Da der älteste Sohn der Familie gerade sein Zuhause zwecks Studienbeginn verlassen hatte, gärte in ihr die Idee, einen Flüchtling aufzunehmen.
 
Also wurde der Familienrat einberufen. Ihr Mann, der Sohn, der das Zimmer hergeben sollte, und der noch in der Familie lebende Sohn Joshua, der ja sicher am meisten mit einem Pflegekind zu tun haben würde, fanden die Idee prima. So war es dann beschlossen. Daraufhin haben die Engels sich beim Jugendamt gemeldet und erklärt, dass sie Interesse an der Aufnahme eines UMAs hätten. 

UMAs, die in Familien untergebracht werden möchten, werden als Pflegekind in die Familien gegeben. Dazu mussten die Antragsteller ein polizeiliches Führungszeugnis und eine Gesundheitsbescheinigung vorweisen. „Außerdem wurden wir befragt, wie wir uns den UMA vorstellen. Wir haben dann angegeben, dass er mindestens zwölf Jahre alt sein sollte, das Geschlecht war uns egal. Einzige "Bedingung" war, dass der- oder diejenige sich von Frauen etwas sagen lässt, schließlich kann es nicht angehen, dass ich meinen Mann aus der Firma nach Hause beordern muss, um etwas zu regeln - die Erziehungsarbeit liegt überwiegend bei mir“, erklärt Frau Engels.

Alle notwendigen Formalitäten waren dann bis Anfang Dezember abgeschlossen.
Anfang Februar meldete sich das Jugendamt bei der Familie und stellte ihnen Mustafa vor. Mustafa kommt aus Afghanistan, ist 15 Jahre alt, will Deutsch lernen und wollte unbedingt in einer Familie untergebracht werden. Schon nach dem ersten Gespräch konnten sich alle das Zusammenleben vorstellen und eine gute Woche später, nach einem Probewochenende war es soweit. Mustafa ist Pflegesohn bei Familie Engels seit dem 11.2.2016.
 
Anfänglich seien alle etwas unsicher gewesen, aber mit zunehmenden Deutschkenntnissen werde alles leichter. Man kommuniziere hauptsächlich auf Deutsch, manchmal werde auf Englisch und notfalls für einzelne Wörter auf einen elektronischen Übersetzer ausgewichen. Es könne passieren, dass dabei auch mal etwas schief gehe - „Aber insgesamt kommen wir gut zurecht.“ 

Nach dem Wesen und den Erzählungen Mustafas aus der afghanischen Familie gefragt, berichtet Frau Engels: „Mustafa ist zu Hause gut erzogen worden, allerdings in einer anderen Kultur. Unsere Familie bereichert das Zusammenleben, zum einen stellt man die eigenen Werte in Frage oder man versucht sie zu erklären, dabei hat man nun weitere Varianten im Blick. Zum Beispiel ist es in Afghanistan unhöflich und respektlos, seinem Gesprächspartner in die Augen zu sehen, besonders bei Jüngeren den Älteren gegenüber. Mustafa wurde vor unserer ersten Begegnung erklärt, dass dies bei uns anders sei und er hat sich sehr bemüht, uns im Gespräch anzuschauen, aber es fiel ihm wirklich schwer. Nun ist es ihm schon selbstverständlich.“
 
Außerdem hören wir, dass Mustafa wenigstens bis zum Erreichen des 18ten Lebensjahr in der Familie Engels bleiben soll. Ist er dann in einer Ausbildung, bleibt er entsprechend länger. Sie bemühen sich sehr ihn zu integrieren. Im Gegenzug bemüht Mustafa sich sehr, wirklich zügig die deutsche Sprache zu erlernen. Je besser er sich integriere, um so schwieriger werde es für ihn allerdings, irgendwann zurück nach Afghanistan zu gehen, gibt Claudia Engels zu bedenken.

Zur Zeit erzähle Mustafa wenig von zu Hause und auch fast gar nichts von der Flucht. In Afghanistan habe er wohl noch eine Mutter, einen ein Jahr jüngeren Bruder und eine kleine 5 jährige Schwester. Der Vater sei verstorben.
 
So wie es sich anhört, hat die Familie mit Mustafa viele gute Erfahrungen gemacht. Die Aufnahme eines UMAs bringt natürlich auch Arbeit und Einschränkungen. Solange das Ayslverfahren läuft, darf ein UMA erst das Bundesland und später die Bundesrepublik nicht verlassen. Außerdem muss man sich regelmäßig bei der Ausländerbehörde melden. Da ist es sehr von Vorteil, dass jemand mit der deutschen Sprache aushelfen kann, denn Behördengänge machen wenig Spaß und für einen jugendlichen Flüchtling wie Mustafa sind sie besonders stressig. Man merkt aber, dass sich der Stress für alle in Grenzen hält: Insgesamt bringe er der Familie sehr viel Vertrauen entgegen und sie bemühe sich sehr, ihn nicht zu enttäuschen.

Musafa geht in die internationale Klasse der IGS und lernt an vielen Beispielen Deutsch. Dies führt dazu, dass er wie ein Fünfjähriger nachfragt: Warum .., warum ..., warum...? Frau Engels lächelt und fügt dann hinzu: „Auch, wenn es einen Haufen Arbeit macht, möchte ich bzw. möchten wir Mustafa nicht einen Tag missen. Er ist als Pflegesohn ganz bei uns angekommen!“

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