Vor einiger Zeit wurden die Jugendreporter darüber informiert, dass
Familie Engels – Frau Engels unterrichtet bei uns am Athe Biologie
und Chemie – einen UMA aufgenommen hat. Zuerst mussten wir uns
diese Abkürzung erklären: es geht um einen unbegleiteten
minderjährigen Asylsuchenden. Mit Hilfe von vielen Informationen
von Frau Engels wollen wir gerne über diese Aufnahmen eines
Pflegekindes berichten.
Das Beste zuerst: Frau Engels berichtet mit Begeisterung und zieht
lächelnd folgendes Fazit: „Sinnvoll geplant kann ich die Aufnahme
eines UMAs nur empfehlen. Natürlich muss man sich vorher überlegen,
ob man genügend Platz und vor allem Zeit für den UMA hat. Wir
empfinden Mustafa als Bereicherung unserer Familie.“
Wie kam es zu dieser Entscheidung, die Familie um ein
Flüchtlingskind zu erweitern?
Letztes Jahr kam Frau Engels aus den Herbstferien zurück nach Stade
und stieß auf voll besetzte Turnhallen. Dies hat sie verwundert und
dann hakte sie nach. Sie erfuhr, dass auch sehr viele UMAs in den
Turnhallen untergebracht waren. Da der älteste Sohn der Familie
gerade sein Zuhause zwecks Studienbeginn verlassen hatte, gärte in
ihr die Idee, einen Flüchtling aufzunehmen.
Also wurde der Familienrat einberufen. Ihr Mann, der Sohn, der das
Zimmer hergeben sollte, und der noch in der Familie lebende Sohn
Joshua, der ja sicher am meisten mit einem Pflegekind zu tun haben
würde, fanden die Idee prima. So war es dann beschlossen. Daraufhin
haben die Engels sich beim Jugendamt gemeldet und erklärt, dass sie
Interesse an der Aufnahme eines UMAs hätten.
UMAs, die in Familien untergebracht werden möchten, werden als
Pflegekind in die Familien gegeben. Dazu mussten die Antragsteller
ein polizeiliches Führungszeugnis und eine Gesundheitsbescheinigung
vorweisen. „Außerdem wurden wir befragt, wie wir uns den UMA
vorstellen. Wir haben dann angegeben, dass er mindestens zwölf
Jahre alt sein sollte, das Geschlecht war uns egal. Einzige
"Bedingung" war, dass der- oder diejenige sich von Frauen etwas
sagen lässt, schließlich kann es nicht angehen, dass ich meinen
Mann aus der Firma nach Hause beordern muss, um etwas zu regeln -
die Erziehungsarbeit liegt überwiegend bei mir“, erklärt Frau
Engels.
Mustafa ist bei Familie Engels „angekommen“- im doppelten Wortsinn
von Barbara Post


Alle notwendigen Formalitäten waren dann bis Anfang Dezember
abgeschlossen.
Anfang Februar meldete sich das Jugendamt bei der Familie und
stellte ihnen Mustafa vor. Mustafa kommt aus Afghanistan, ist 15
Jahre alt, will Deutsch lernen und wollte unbedingt in einer
Familie untergebracht werden. Schon nach dem ersten Gespräch
konnten sich alle das Zusammenleben vorstellen und eine gute Woche
später, nach einem Probewochenende war es soweit. Mustafa ist
Pflegesohn bei Familie Engels seit dem 11.2.2016.
Anfänglich seien alle etwas unsicher gewesen, aber mit zunehmenden
Deutschkenntnissen werde alles leichter. Man kommuniziere
hauptsächlich auf Deutsch, manchmal werde auf Englisch und notfalls
für einzelne Wörter auf einen elektronischen Übersetzer
ausgewichen. Es könne passieren, dass dabei auch mal etwas schief
gehe - „Aber insgesamt kommen wir gut zurecht.“
Nach dem Wesen und den Erzählungen Mustafas aus der afghanischen
Familie gefragt, berichtet Frau Engels: „Mustafa ist zu Hause gut
erzogen worden, allerdings in einer anderen Kultur. Unsere Familie
bereichert das Zusammenleben, zum einen stellt man die eigenen
Werte in Frage oder man versucht sie zu erklären, dabei hat man nun
weitere Varianten im Blick. Zum Beispiel ist es in Afghanistan
unhöflich und respektlos, seinem Gesprächspartner in die Augen zu
sehen, besonders bei Jüngeren den Älteren gegenüber. Mustafa wurde
vor unserer ersten Begegnung erklärt, dass dies bei uns anders sei
und er hat sich sehr bemüht, uns im Gespräch anzuschauen, aber es
fiel ihm wirklich schwer. Nun ist es ihm schon selbstverständlich.“
Außerdem hören wir, dass Mustafa wenigstens bis zum Erreichen des
18ten Lebensjahr in der Familie Engels bleiben soll. Ist er dann in
einer Ausbildung, bleibt er entsprechend länger. Sie bemühen sich
sehr ihn zu integrieren. Im Gegenzug bemüht Mustafa sich sehr,
wirklich zügig die deutsche Sprache zu erlernen. Je besser er sich
integriere, um so schwieriger werde es für ihn allerdings,
irgendwann zurück nach Afghanistan zu gehen, gibt Claudia Engels zu
bedenken.
Zur Zeit erzähle Mustafa wenig von zu Hause und auch fast gar
nichts von der Flucht. In Afghanistan habe er wohl noch eine
Mutter, einen ein Jahr jüngeren Bruder und eine kleine 5 jährige
Schwester. Der Vater sei verstorben.
So wie es sich anhört, hat die Familie mit Mustafa viele gute
Erfahrungen gemacht. Die Aufnahme eines UMAs bringt natürlich auch
Arbeit und Einschränkungen. Solange das Ayslverfahren läuft, darf
ein UMA erst das Bundesland und später die Bundesrepublik nicht
verlassen. Außerdem muss man sich regelmäßig bei der
Ausländerbehörde melden. Da ist es sehr von Vorteil, dass jemand
mit der deutschen Sprache aushelfen kann, denn Behördengänge machen
wenig Spaß und für einen jugendlichen Flüchtling wie Mustafa
sind sie besonders stressig. Man merkt aber, dass sich der Stress
für alle in Grenzen hält: Insgesamt bringe er der Familie sehr viel
Vertrauen entgegen und sie bemühe sich sehr, ihn nicht zu
enttäuschen.
Musafa geht in die internationale Klasse der IGS und lernt an
vielen Beispielen Deutsch. Dies führt dazu, dass er wie ein
Fünfjähriger nachfragt: Warum .., warum ..., warum...? Frau Engels
lächelt und fügt dann hinzu: „Auch, wenn es einen Haufen Arbeit
macht, möchte ich bzw. möchten wir Mustafa nicht einen Tag missen.
Er ist als Pflegesohn ganz bei uns angekommen!“


