Zehntklässler des Stader Gymnasiums Athenaeum helfen der
israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem beim Erweitern ihrer
Datenbank über im Nationalsozialismus ermordete Juden.
Lars Hellwinkel recherchieren sie die Biografien der aus Stade
stammenden Opfer des Rassenwahns und arbeiten damit ein bewegendes
Kapitel der Stadtgeschichte auf. Die Ergebnisse sollen demnächst im
Internet veröffentlicht werden.
Seit Monaten beschäftigen sich die Jugendlichen im
Geschichtsunterricht mit der Zeit des Dritten Reiches. Sie haben
sich mit der Ideologie der Faschisten auseinandergesetzt und die
verschiedenen Formen von Vernichtungslagern kennengelernt, in denen
die Nationalsozialisten ihren Gegnern den Garaus machten.
Hellwinkel legt großen Wert darauf, dass seine Schüler die
Auswirkungen der Ereignisse auf ihre Heimatregion erfahren.
Deshalb hat der Pädagoge mit ihnen jene in den Boden eingelassenen
Metallplatten, die sogenannten Stolpersteine aufgesucht, für die er
sich 2010, ebenfalls mit Unterstützung einer Gymnasialklasse,
starkgemacht hatte. Sie enthalten die Namen von Juden, die einst in
Stade gelebt haben und die Stadt infolge der
nationalsozialistischen Diktatur verlassen mussten. „Wir haben
vorher nicht gewusst, wie viele Stolpersteine hier in der Umgebung
verlegt wurden“, sagt Zehntklässlerin Sophie Elsner (15). Ähnlich
erging es Mitschüler Phillip Peters (15).
Er findet es „sehr wichtig“, die Erinnerung an die Gräueltaten der
Nazis wachzuhalten. In Stade geschieht dies unter anderem durch
Partnerschaften mit den Städten Givat Shmuel (Israel) und Goldap
(Polen). Jugendliche aus den drei Kommunen treffen sich in einem
Austauschprogramm.
Mithilfe historischer Unterlagen hat der Stader Martin Stiewe die
Lebensläufe der Juden, denen mit den Stolpersteinen gedacht wird,
auf einer Internetseite öffentlich zugänglich gemacht. Diese Daten
und weitere in Broschüren und Onlinearchiven vermerkte
Informationen werden von Hellwinkels Schülern sortiert,
zusammengefasst, ins Englische übersetzt und den Mitarbeitern der
Gedenkstätte Yad Vashem für ihre Internetpräsenz zur Verfügung
gestellt. Die Israelis haben es sich zum Ziel gesetzt, der Nachwelt
die Biografien möglichst vieler Holocaust-Opfer zu präsentieren.
Datenblätter über 4,2 Millionen von den Nationalsozialisten
ermordeten Menschen sind bereits vorhanden. Tendenz steigend.
Forscher und Freiwillige auf der ganzen Welt helfen mit, das Portal
zu erweitern.
Im September hat Hellwinkel die Anlage Yad Vashem mit Museum,
Forschungszentrum und Verlag im Rahmen einer Fortbildung besucht.
Später erzählte er den Zehntklässlern von seinen Eindrücken.
Gemeinsam beschlossen sie, die Arbeit der israelischen
Wissenschaftler zu unterstützen. „Wir möchten den jüdischen Opfern
aus Stade damit so viel wie möglich von ihrer Identität
zurückgeben“, erläutert der Lehrer seinen Ansatz. „Alles, was wir
an Informationen über diese Menschen finden, packen wir da rein.
Die Schüler sind sichtlich ergriffen, als sie die Daten zusammen
tragen. „Das ist ein sehr schönes Projekt“, sagt Gymnasiastin Jette
Hülsen (16). Je mehr Menschen daran mitwirken, desto genauer werde
das Archiv.
Einige Stader Juden mussten in ihrem Alter, mit 15 oder 16 Jahren,
die Schule verlassen und unter Zwang umsiedeln. Einer von ihnen,
Fritz Friedlaender, ging aufs Athenaeum, wo er sich rassistischen
Anfeindungen ausgesetzt sah, Teilweise flohen die Stader Juden in
den 1930ern ins Ausland. Die Nazis brachten sie aber später in
Gettos oder Vernichtungslager nach Osteuropa, wo sie in den letzten
Jahren des Zweiten Weltkrieges umkamen.
Projekt am Athenaeum: Spurensuche in der NS-Zeit
so erschienen im Stader Tageblatt am 16.12.16



