Organisatoren und Veranstaltung: Der 16 Jahre alte Stader Schüler Julian Martin hat die Idee zur Podiumsdiskussion gehabt und die Organisation weitgehend eigenständig durchgeführt – bis hin zum Aufbau der Technik mit der Technik AG. Athenaeum-Schulleiter Martin Niestroj lobte ihn dafür. „Wir wollen solche Veranstaltungen öfter machen, denn es geht um unsere Zukunft“, sagte Julian Martin. Das zeitliche Fenster für eine Diskussion war ambitioniert. Eineinhalb Stunden Zeit standen für das Thema Europa zur Verfügung. Für alle Schüler der Jahrgänge zehn und elf war die Diskussion eine Pflichtveranstaltung.
Europawahl: Politik stellt sich Schülern
so erschienen im Stader Tageblatt am 25.04.2019

Das Podium in der Aula des Stader Gymnasiums Athenaeum, von links: Klemens Kowalski (Linke), Richard Bodo Klaus (Piraten), Viola von Cramon (Grüne), Dr. Joachim Schuster (SPD), TAGEBLATT-Chefredakteur Wolfgang Stephan, David McAllister (CDU), Nino Ruschmeyer (FDP) und Christian Waldheim (AfD). Foto Wisser

Die Diskutanten und ihre Chancen bei der Europawahl:
Die Zusammensetzung auf dem Podium hätte kaum unterschiedlicher
sein können. Mit dem früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten
David McAllister war die Nummer eins der CDU-Landesliste und der
Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des EU-Parlaments dabei.
McAllister wird dem EU-Parlament aufgrund seiner sicheren
Listenposition auch wieder angehören. Das gilt höchstwahrscheinlich
auch für den SPD-Europa-Abgeordneten Dr. Joachim Schuster. Der
Bremer steht auf der Liste auf Platz 16. Das sollte auch bei einer
schwächelnden Sozialdemokratie für den Wiedereinzug reichen. Gute
Aussichten dem nächsten EU-Parlament anzugehören, hat auch die
ehemalige Bundestagsabgeordnete Viola von Cramon. Sie hat den
Listenplatz 19. Als Faustregel gilt, dass es pro Prozentpunkt
Stimmen in Deutschland einen Abgeordneten in Brüssel
beziehungsweise Straßburg gibt. Die Grünen liegen bei Umfragen bei
über 20 Prozent. Mit nicht viel schlechteren Platzierungen, aber
nach jetzigem Stand wohl chancenlos sind Nino Ruschmeyer (FDP) und
Christian Waldheim (AfD). Ruschmeyer steht auf Platz 22, Waldheim
auf Platz 24.
Die Linken und die in Stade noch aktive Piratenpartei waren nicht
durch Kandidaten vertreten. Sie hatten mit Klemens Kowalski (Linke)
und Richard Bodo Klaus (Piraten) Kommunalpolitiker geschickt. Klaus
ist Bürgermeisterkandidat seiner Partei in Stade.
Die Themen und die Positionen der Parteien:
Die Debatte um das umstrittene Urheberrecht auf europäischer Ebene spielte eine zentrale Rolle. Vorweg: Nur
David McAllister bekannte sich „mit Bauchschmerzen“ im EU-Parlament
mit „Ja“ gestimmt zu haben. Alle anderen haben wie Joachim Schuster
oder hätten gegen die Reform gestimmt. „Die Debatte ist noch nicht
zu Ende“, sagte David McAllister. Er verwies auf eine
Protokollerklärung der Bundesregierung, die sich auch kritisch mit
einigen Punkten der Reform auseinandersetzte und die Möglichkeit,
bei der nationalen Umsetzung Dinge noch zu verbessern.
„Urheber von kreativer Arbeit müssen bezahlt werden“, erklärte
Joachim Schuster die Intention der Urheberreform. Das viel
diskutierte Instrument der Upload-Filter lehne er, wie auch eine
Mehrheit der deutschen SPD-Europaabgeordneten, aber ab. Es gebe
andere Möglichkeiten. Schuster schilderte aber auch, dass in
anderen Ländern das Thema nicht den gleichen Stellenwert wie in
Deutschland habe.
Die Grünen haben auch beide Positionen zum Thema
Urheberrechtsreform bei ihren Abgeordneten vertreten. Viola von
Cramon ist allerdings ganz klar gegen den umstrittenen Paragraf 17,
der regelt, dass die Plattformen selber dafür sorgen müssen, dass
kein urheberrechtlich bedenkliches Material hochgeladen wird. „Die
großen Plattformen werden gestärkt. Google war nie gegen die
Reform.“ Das sei Wettbewerbsverzerrung.
„Wir sind selbstverständlich gegen die Urheberrechtsreform“, sagte
Christian Waldheim (AfD). Das sei eine Zensur des Internets. Für
Nino Ruschmeyer (FDP) ist die aus seiner Sicht missratene Reform
ein Grund für eine Stärkung der liberalen Kräfte im EU-Parlament.
Klemens Kowalski (Linke) befürchtet, dass durch die Reform der
Charakter des Internets zerstört werde. „Wer da zugestimmt hat,
verschickt seine Mails noch per Fax“, so Kowalski. Richard Bodo
Klaus kritisierte, dass auch nicht-kommerzielle Inhalte betroffen
seien.
Beim Thema Migration überraschte der AfD-Vertreter Christian Waldheim mit moderaten
Tönen. Wer Straftaten begehe, gehöre abgeschoben, sagte er auf eine
entsprechende Frage und war damit nicht weit weg von David
McAllister. „Wer Straftaten begeht, verwirkt sein Gastrecht“, sagte
dieser. Der CDU-Mann fordere in diesem Zusammenhang, dass sich alle
europäischen Staaten bei der Verteilung der Flüchtlinge solidarisch
verhalten. Dr. Joachim Schuster sah das differenzierter. „Man muss
schauen, welche Straftat das ist“, sagte er. Und eine Straftat
rechtfertige nicht die Abschiebung in ein Land, in dem dem Menschen
Gefahr für Leib und Leben drohen würde. Viola von Cramon fand, dass
Verbrechen mit Migrationshintergrund zu sehr im medialen Fokus
stehen würden. „Es gibt keinen Anstieg der Kriminalität“, sagte
sie. „Jeder hat Anrecht, auf ein rechtsstaatliches Verfahren“,
sagte Kowalski von den Linken. Alle Statistiken würden zeigen, dass
„wir auf einem guten Weg sind“.
Beim Klimawandel gab es in den Positionen auf der Handlungsebene keine großen
Unterschiede. Die AfD zieht den menschengemachten Klimawandel zwar
in Zweifel, bei den Positionen der anderen Parteien gab es aber
keine großen Unterschiede. Allerdings boten Linke und FDP bei
diesem Themenkomplex Provokantes. „Jeder muss sich selbst fragen,
was er bereit ist aufzugeben“, sagte Kowalski und brachte dabei das
so beliebte Smartphone als Möglichkeit des Verzichts ins Spiel.
„Wir reden über unser Überleben“, sagte er. Die Frage sei, ob es
Parteien gebe, die den Mut haben, Verzicht einzufordern und Wähler,
die dies mit ihrer Stimme honorieren würden. Der FDP-Kandidat Nino
Ruschmeyer setzte dagegen auf die Eigenverantwortlichkeit der
Menschen. „Bei den Linken kommt nur Armut für alle raus. Der Mensch
muss auch das Recht haben, mal unvernünftig zu sein, und das
Gaspedal vom Golf GTI voll durchzudrücken.“


