Schüler der Stader Gymnasien Athenaeum und Vincent-Lübeck haben
sich mit Erfolg am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten
beteiligt. Sie haben Landes- und Förderpreise erhalten. Einige
Arbeiten gehen jetzt ins Rennen um den Bundespreis.
Von September 2018 bis Februar 2019 haben die Jugendlichen zu
historischen Themen recherchiert, die sich unter dem aktuellen
Motto des Wettbewerbs –„Krise, Umbruch und Aufbruch“ –
zusammenfassen lassen. Am Vincent-Lübeck-Gymnasium betreut
Geschichtslehrer Dr. Johannes Heinßen seit Anbeginn die
Wettbewerbsbeiträge. Im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft und viel
Eigeninitiative zu Hause haben sich die Schüler mit ihren selbst
gewählten Themen befasst.
Timon Klensang (15) hat die wechselvolle Geschichte des lange
umstrittenen Baus des Kultur- und Tagungszentrums Stadeum, die sich
über ein Jahrzehnt, von 1979 bis 1989 hinzog, nachgezeichnet. Dafür
erhielt er einen Förderpreis. Mehr als 500 TAGEBLATT-Artikel hat er
dazu ausgewertet. „Ich laufe jeden Tag am Stadeum vorbei, wusste
aber nichts über dessen Geschichte“, beschreibt er seine Motivation
für die Recherche.
Geschichte wird immer spannender
Mit jedem Artikel sei ein neuer Akteur, ein neues Detail zutage
getreten, erzählt der Gymnasiast. „Es wurde zunehmend spannender“,
sagt Timon Klensang. Dass das Stadeum trotz massiver Proteste aus
der Bevölkerung schließlich gebaut werden konnte, liegt für ihn
nach der umfangreichen Recherche auf der Hand: „Es gab immer viel
mehr Argumente für die Stadthalle und ihren Standort als dagegen.“
Judith Washof (19) befasste sich mit der Rolle der Bürgerwehren in
der Landdrostei Stade während der Revolution von 1848 – und heimste
einen Landessieg ein. Dazu wertete sie vor allem Archivalien aus.
Die königliche Regierung hatte die Magi-strate der Städte
angewiesen, dass Bürgerwehren zu gründen sind. Daraufhin sei der
Wunsch nach Waffen stark gestiegen, doch die Vorräte im Zeughaus
waren knapp. Gerüchte in der Bevölkerung heizten die Furcht vor den
Bürgerwehren an.
Auch kreative Formen zugelassen
Nicht nur klassische Hausarbeiten können als Wettbewerbsbeiträge
eingereicht werden, auch kreative Formen sind zugelassen. Paula
Schulz und Johannes Völzing (beide 12) machten davon Gebrauch – und
bekamen einen Förderpreis. Sie verfassten einen Podcast, in dem sie
zwei Sturmfluten im 18. und 19. Jahrhundert (1717 und 1893) in
ihren Auswirkungen auf die Menschen verglichen. Dabei mussten sie
sich altdeutsche Texte erschließen, die in ihrer Schrift und
Sprache so ganz anders waren als die bisher aus dem
Geschichtsunterricht bekannten historischen Quellen. In alten
Protokollen lasen sie etwa Erörterungen zu der Frage, ob der
Nachtwächter ordentlich gearbeitet hat oder ob verendete Tiere auf
den Bauernhöfen auf dem Land illegal vergraben worden sind.
Sebastian Müller (13) befasste sich mit dem Schicksal des
Geisteskranken Heinrich Vollmers, der Mitte des 19. Jahrhunderts in
Stade gelebt hat. Er erfuhr, mit wie viel Verachtung dem
Hirnkranken begegnet wurde. Sein Resümee: „Der Umgang war damals
schlimmer als heute.“
"Wie hat es sich dort angefühlt?"
Am Athenaeum betreut Fachobmann Dennis Röder die Arbeiten,
ebenfalls im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft. Als Landessieger
begab sich Niklas Wist (15) auf die Spuren seines Urgroßvaters. Ein
Bambusstock aus China, den die Familie noch immer besitzt,
inspirierte ihn zu der Recherche: „Warum sieht dieser Stock so
anders aus? Diese Frage hat mich schon immer interessiert.“ Der
Oberheizer-Monteur Peter Wist, eigentlich Schmied in Dornbusch,
musste ausweislich eines Bestellungsbefehls zur Werftdivision
Wilhelmshaven II. 1911, kurz vor dem 1. Weltkrieg, war er als
Reservist in China eingesetzt. Fotos und Postkarten zeugen von
einem angenehmen Leben in der Kolonie, zu dem auch Ausflüge mit
einheimischen Begleitern zählten. „Ich habe mich immer gefragt: Wie
hat er sich dort gefühlt?“, sagt Niklas Wist. Eine Frage, auf die
er keine eindeutige Antwort fand. Zwei Jahre nach der Rückkehr
starb der Reservist an der Westfront in Belgien.
Ein Förderpreis ging an Josefine Wiens und Katharina Wenk (beide
13), die sich mit der Krise der Landwirtschaft in ihrem Heimatort
Dollern beschäftigt haben. Anhand einer fiktiven Erzählung, die auf
wahren Begebenheiten basiert, zeichnen sie die Geschichte eines
Bauernhofes nach. Dazu haben sie einen örtlichen Landwirt befragt,
dessen Hof seit Jahrhunderten existiert. Dabei fanden sie
Erstaunliches heraus: Etwa, dass Napoleon eine Hauptstraße quer
über die Ländereien bauen ließ. Dort verläuft heute die
Bundesstraße 73.
Lehrer Heinßen vom Vincent-Lübeck-Gymnasium lobt die Zusammenarbeit
mit den Archiven. Im Stadt- und im Landesarchiv sei den Schülern
viel Unterstützung widerfahren. Der Wettbewerb ist offen für alle
Jahrgänge und soll das wissenschaftliche Arbeiten fördern, sagt
Athenaeum-Kollege Röder.
Schüler forschen in der Geschichte
so erschienen im Stader Tageblatt am 07.10.19
von Daniel Beneke

Am Athenaeum : Niklas Wist, Dennis Röder, Josefine Wiens, Martin Niestroj und Katharina Wenk.


