Im Januar 2020 sind alle Klassen des 10. Jahrganges in das KZ
–Neuengamme gefahren und durften auf dem einen Kilometer langen
Gelände des damaligen Hauptlagers mit einem Guide die verschieden
Ausstellungen besichtigen. Jedem von uns war schon vor der Ankunft
klar, dass dies kein schöner oder lustiger Ausflug werden würde.
Die Verbrechen der Nazis widersprechen all unseren Grundrechten,
moralischen Werten und demokratischen Grundsätzen.
Angekommen in Neuengamme sahen wir zunächst riesige Grundrisse mit
Steinen befüllt. Diese sollen die ehemaligen Holzbaracken
darstellen, wo die Gefangen geschlafen und gegessen haben. Wir
schauten uns den Ankunftsort der Opfer an, dort, wo die Züge
hielten und lebende, wie tote Menschen wie Vieh abgeladen wurden.
Ein Waggon war für ca. 30 Menschen gedacht, meistens wurde jedoch
mindestens das Doppelte an Leuten hineingequetscht. Wir konnten
ebenfalls alte Gegenstände der Ankömmlinge sehen, welche ihnen
weggenommen wurden. Dabei erzählte uns unser Guide über das erste
menschliche Vergehen an den Gefangen in Neuengamme. Es wurde jedem
Eingelieferten seine ganze Identität gestohlen. Jeder war ab der
ersten Sekunde im Lager nur noch eine Nummer. Wer nicht auf diese
Nummer hörte, wurde verprügelt oder bekam kein Essen. Wobei das
Essen generell unvorstellbar wenig und schlecht war. So starben
auch viele Häftlinge an Darmentzündungen, Durchfall oder Hunger.
Athe-aktuell: Ein (nachdenklicher) Besuch im KZ–Neuengamme
Text von Janne Ingwersen; Bilder von Dr. Lars Hellwinkel


Ein Arbeitstag der Häftlinge ging teilweise von sechs Uhr morgens
bis sechs Uhr abends mit einer halben Stunde Pause. Der Fußmarsch
von jeweils einer Stunde war da noch nicht mit einberechnet. Für
uns war es schlimm zu hören, wie schwer die SS-Wachleute es den
Häftlingen, zusätzlich zu den schlechten Bedingungen, gemacht
haben. „Den Häftlingen wurde von SS-Wachleuten manchmal die Mütze
vom Kopf geschlagen. Dabei fiel diese in dem drei-Meter-Umkreis der
SS-Wachleute, den die Häftlinge nie betreten durften, weil das zu
nahe an den Wachen dran war und diese dann einfach so schießen
durften, ohne später einen Grund zu nennen. Gleichzeitig mussten
die Häftlinge jedoch ihre Mütze wieder aufheben, denn sonst wurden
sie höchst wahrscheinlich auch umgebracht. Welche Wahl hatten sie
also?“, fragte unser Guide rhetorisch. Er erzählte uns das, als wir
uns gerade die Elbeverlängerung anguckten, welche die Gefangenen
mit Schaufel und Schubkarre graben mussten. Es gab zu der Zeit zwar
auch Maschinen, jedoch verwehrten die Nazis ihnen diese.
Insgesamt starb mehr als jeder zweite Häftling, der in Neuengamme
ankam. Dies lag an der Willkür, den schlimmen Arbeitsbedingen und
der schlechten bis gar nicht vorhandenen Versorgung. Im Hauptlager
arbeiteten 100.000 Häftlinge in verschiedenen Bereichen wie
Waffenbau, Klinkersteinproduktion und Elberweiterung. Drinnen
arbeiten zu dürfen war gerade im Winter von Vorteil, denn die
kaputte Kleidung der Häftlinge war nur sehr dünn und hatte weder
richtige Größen noch die geringste Schutzfunktion. Dabei ist von
den anderen 80 Außenlagern noch gar nicht die Rede…

Während tausende Männer also um ihr Überleben in der Hölle
kämpften, ließen es sich die SS-Leute gut gehen. Sie trennten ihre
Schlafhäuser mit einer Allee von Bäumen ab, damit sie die Schreie
und die schrecklichen Anblicke der Opfer nicht auch noch abends
sehen mussten. Sie ließen sich kleine Gärten bauen mit einem
Brunnen, hatten jeden Abend ein Unterhaltungsprogramm und stets
genug zu Essen.
Man kann sich fragen: Wieso hatten die Nationalsozialisten so viel
Freude daran, freiwillig und willkürlich Gewalt, Verrat und Leid
anderen Menschen, mit denen man vielleicht jahrelang befreundet
war, zuzufügen?
Man kann sich fragen: Warum haben sich die Opfer in ihrer großen
Zahl nicht gewehrt?
Man kann sich fragen: Wie ist es möglich, dass von den
hunderttausenden Nazis nur ein verschwindend geringer Prozentsatz
je dafür bestraft wurde?
Für diese Fragen findet man vielleicht Erklärungen. Vielleicht
versteht man diese nicht, aber wir müssen sie akzeptieren. Was wir
heute gegen solche menschlichen Verbrechen tun können, ist uns zu
informieren, mit anderen darüber sprechen und darauf aufmerksam
machen, dass man es nicht dulden kann, wenn beispielsweise ein
jüdischer Schüler auf dem Schulhof bespuckt wird oder wenn Witze
über andere Kulturen und Religionen gemacht werden. Es passiert 75
Jahre nach Kriegsende und der Befreiung von Auschwitz immer noch…
Wir können zum Beispiel daran gedenken, indem wir am 27. Januar
einen Ausflug zu einem Friedhof machen und Blumen auf ein Grab oder
eine Wiese legen, wo ein Mitglied einer Familie liegt, die nicht
weiß, wo der Vater, Onkel oder Bruder verstorben ist.
Ich finde es wichtig, darauf zu achten, wie wir miteinander
umgehen. Man sollte aus der Vergangenheit lernen und den Opfern
Recht tun, indem man die Familien aufsucht, entschädigt, einen
Grabstein erneuert bzw. verbessert, gegen Rechtsradikale angeht,
keine Witze über dieses dunkle Kapitel der Geschichte macht, nicht
diskriminiert, anderen Menschen nicht wehtut, hinterfragt - oder
auch einen Artikel für die Schülerhomepage schreibt, damit niemals
vergessen wird.


