Wie funktioniert Schule in Zeiten von Corona? Julian Martin geht in
die 11. Klasse des Gymnasiums Athenaeum in Stade. In diesem Artikel
beschreibt er seine Erlebnisse der letzten Wochen und stellt eine
klare Forderung an die Politik. Hier sein Bericht.
„Seit mehr als zehn Wochen spüren Schülerinnen und Schüler
verschärft die Ausmaße dieser Pandemie. Es wird diskutiert, warum
die Schulen sehr genügsam digital ausgestattet sind. Hierbei wird
sich die Schuld gegenseitig zugeschoben. Einen Vorteil hat die
Krise: Politiker und Entscheidungsträger wurden wachgerüttelt und
haben hoffentlich erkannt, warum es so wichtig ist, in die digitale
Ausstattung im Bildungsbereich zu investieren.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befinden sich immer noch mehr als 40
Prozent der Schüler im ,,Homeschooling‘‘. Seit Montag, 25. Mai,
dürfen die 11. Klassen in Niedersachsen wieder vor Ort in der
Schule lernen – mit drastischen Hygienemaßnahmen.
Verunsicherung war groß
Mitte März wurde einer unserer Lebensmittelpunkte, die Schule, nach
Hause transferiert. Viele von uns waren verunsichert und niemand
wusste zu diesem Zeitpunkt, wann wir wieder zurückkehren würden
oder wie es mit der Schule weitergeht. Die Verunsicherung war durch
fehlende eindeutige Informationen vom Kultusministerium gestiegen.
Anfangs wusste ich als Schüler nur, dass die gestellten Aufgaben
zur freiwilligen Bearbeitung waren. Dies hatte zur Folge, dass
keine Fortschritte im Inhaltlichen erzielt worden sind. Andere
Bundesländer haben bei diesem Aspekt besser reagiert. Sie haben
direkt am Tag der Entscheidung verkündet, dass es verpflichtende
Aufgaben geben würde. Ich fand das gut, gerade im Hinblick auf die
angestrebten Schulabschlüsse, weshalb ich mich kurzfristig
entschied, die Selbstinitiative zu ergreifen. Daraus entstand die
Idee, eine regelmäßige Videokonferenz für Mathematik für meine
Klasse zu organisieren. Das war die erste große Videokonferenz, die
amAthenaeum organisiert worden ist.
Kurze Zeit darauf erhielten wir von der Schulleitung die Nachricht,
dass wir verpflichtende Aufgaben erhalten und teilweise
Videokonferenzen abhalten würden. Auf diese Nachricht haben wir
lang gewartet. Meine Tage des Homeschoolings begannen täglich um 9
Uhr und endeten je nach Umfang manchmal schon um 14 Uhr, teilweise
auch erst um 16 Uhr und später.
Videokonferenzen mit Lehrer
Dank der Möglichkeiten unserer Schulsoftware IServ konnten wir die
täglich neu gestellten Aufgaben im Aufgabenmodul wiederfinden. Ich
habe mir vorgenommen, diese Aufgaben am Tag der Einstellung zu
bearbeiten. Dies bewährte sich schon nach den ersten Tagen, da uns
immer mehr neue Aufgaben gestellt worden sind. Die Kommunikation
mit den Lehrkräften verlief über E-Mail oder über Messenger Dienste
von IServ und WhatsApp. Darüber hinaus organisierten drei Lehrer
wöchentliche Videokonferenzen, in denen wir Fragen stellen konnten.
Am Athenaeum wird nach den Sommerferien eine Arbeitsgruppe
eingerichtet, die sich damit auseinandersetzt, wie man digitale
Tools im Unterricht produktiv einsetzen kann. Dieses Thema liegt
vielen Mitschülern und auch mir am Herzen, da es die Art und Weise,
wie wir lernen, im positiven Sinne beeinflussen kann. Im Unterricht
merke ich, dass sich viele Lehrer ebenfalls für diese Art zu lernen
interessieren. Es fehlt aktuell neben der rechtlichen Sicherheit,
welche Apps beispielsweise benutzt werden dürfen, auch an fehlender
Ausstattung und an der Ausbildung. Der heiß diskutierte Digitalpakt
ist ein erster richtiger Schritt mit dem Ziel des modernen Lernens.
Tablet für jeden Schüler
Meine wichtigsten Arbeitsmittel während der Zeit waren neben dem
Computer auch mein iPad. Glücklicherweise konnte ich mir meine
Arbeitsgeräte frei aussuchen, was nicht in allen Familien möglich
ist. Deswegen bin ich der Auffassung, dass eine
Arbeitsmittelfreiheit, die Anschaffung eines Tablets für jeden
Schüler, von äußerster Priorität ist.
Nach fast zehn Wochen Homeschooling durften viele Schüler zurück in
die Schulen, wo in der Zwischenzeit ein drastisches Hygienekonzept
erarbeitet wurde. Den Start machten die Abschlussklassen, gefolgt
von der 11. Jahrgangsstufe. Ich bin seit gut einer Woche wieder in
der Schule. Es war anfangs sehr komisch für mich, im Klassenraum zu
sitzen und mit den anderen direkt zu kommunizieren, ohne in ein
Mikrofon zu sprechen.
Am Athenaeum wurden viele Neuerungen eingeführt. Zu den Maßnahmen
zählen neben dem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes auf den Fluren
auch die Zuweisung unterschiedlicher Räume für den Aufenthalt
während der Pausen sowie der Mindestabstand von 1,5 Metern.
Außerdem wurden wir gebeten, uns die Hände vor und nach dem
Unterricht zu waschen. Wir bekamen Ein- und Ausgänge zugeteilt und
unsere Klassenräume wurden dauerdurchlüftet. Bislang hat die
Einhaltung sehr gut funktioniert.
Nur halbe Klasse im Unterricht
Am Unterricht selbst nimmt nur die Hälfte der Klassen teil. Wir
sind in Gruppen eingeteilt worden und jede Gruppe wird jeweils eine
Woche abwechselnd in der Schule unterrichtet. Mir hat die
Schulwoche deutlich gezeigt, was mir am lokalen Schulunterricht
liegt: der soziale Austausch.
Wir als die Generation Z haben bislang noch nie eine solch
schwerwiegende Einschränkung erlebt und jeder von uns wird sich
vermutlich immer an das Jahr 2020 erinnern können. Ich hoffe, dass
die Entscheidungsträger den Schuss endlich gehört haben und die
Digitalisierung in den Schulen nicht mehr stiefmütterlich
behandeln. Packen Sie die Digitalisierung an und arbeiten Sie mit
Schülern und mit Lehrern gemeinsam an ihrer Umsetzung.“
Über den Unterricht in Zeiten der Corona-Krise
so erschienen im Stader Tageblatt am 06. Juni 2020



