Die Geschichte von Kazimierz Bachleda-Zarski beginnt am 2. Oktober
1924 in Honey/Zakopane im Riesengebirge. Er lebt mit seinen Eltern
und fünf jüngeren Geschwistern auf einem kleinen Bauernhof in
Polen. 1940 wollen Nationalsozialisten neben 1,6 Millionen anderen
polnischen Zwangsarbeitern auch den Vater der Familie nach
Deutschland verschleppen. Kazimierz weiß, dass das den Untergang
für die Familie bedeuten würde und macht mit seinen 14 Jahren den
Nazis mutig das Angebot, an der Stelle seines Vaters als
Zwangsarbeiter mit nach Deutschland zu gehen. Seine Schwester
Czeslawa Chlipala (76) sagt heute, er habe damit letztlich „alle
gerettet“.
Ab April 1940 arbeitet Kazimierz also auf Höfen in Stade und
Blumenthal. Bis zu seiner Erhängung am 7. Oktober 1943 wird der
Katholik zweimal im Landgerichtsgefängnis in Stade inhaftiert und
für ein halbes Jahr ins Strafgefängnis Hannover gesteckt. Ab dem
12. April 1943 ist Kazimierz laut einer Zwangsarbeiter-Karteikarte
wieder im Kreis Stade als „Zivilarbeiter“ auf einem Hof in
Blumenthal. Im August desselben Jahres wird er dann erneut
abgeführt und im September in das Polizeigefängnis Bremen bis zum
7. Oktober 1943 gesteckt. Da bereits 1943 erkennbar ist, dass
Nazi-Deutschland den Krieg verlieren wird, versucht die Gestapo
dennoch durch Gewalt ihr Schreckensregime aufrechtzuerhalten. Von
tausenden polnischen Zwangsarbeitern in diesem Landkreis wählt die
zuständige Gestapo Bremen/Stade ganz Willkürlich Kazimierz
Bachleda-Zarski aus, um ihn vor 200 weiteren polnischen
Zwangsarbeitern, zusammen mit der NS-Führung, dem
NSDAP-Ortsgruppenleiter bis hin zu dem Regierungspräsidenten als
„Disziplinmaßnahme für Zwangsarbeiter“ hinzurichten. Er war gerade
18 Jahre alt geworden.
Die Hinrichtung findet auf dem alten, von hohen Wällen und Bäumen
umgebenen und von der Stader Schutzpolizei abgesperrten Schießstand
auf der Köhnshöhe (Salinenweg/Sachsenstraße) in Campe statt. Das
Aufhängen überlässt die Bremer Gestapo-Beamten zwei Landsleuten
Kazimierz‘. Für dieses Verbrechen wurde niemand zur Rechenschaft
gezogen und auch sonst hat man sich nie besonders um die Geschichte
und die Familie Kazimierz geschert. 1956 wurde Kazimierz auf dem
Ehrenhügel für NS-Opfer auf dem Osterholzer Friedhof bestattet,
dennoch wurde nie ein Stolperstein für ihn gesetzt, wo wir Schüler
des Athenaeums ins Spiel kommen. Bis heute!
Athe-aktuell: Ein Stolperstein für Kazimierz Bachleda-Zarski
von Janne Ingwersen; Fotos: Dr. Lars Hellwinkel


Der ehemalige Geschichtskurs des Athenaeums Stade von Herrn Dr.
Lars Hellwinkel sammelte 2018 bei einem Kuchenverkauf 120 Euro, um
den Stolperstein für Kazimierz Bachleda-Zarski zu finanzieren und
somit eine Verlegung bei der Stadt Stade zu beantragen. Am Sonntag,
den 28. Juni 2020 war es dann endlich so weit. In der Sachsenstraße
wurde an diesem Morgen der Stolperstein verlegt und unsere
Schülersprecher hielten eine kurze Ansprache, danach spielte die
Schülerin Josefine Illgner ein Stück auf ihrer Geige. Unser
Bürgermeister war anwesend und auch der Künstler Gunter Demning
(Bild). Zum Schluss wurde noch ein Brief der jüngsten Schwester
Czeslawa Chlipala verlesen, in welchem sie sich für alles bedankt
und ein letztes Mal Abschied von ihrem Bruder Kazimierz nimmt. Die
Wahrheit über seinen Tod hat die Familie übrigens erst vor wenigen
Jahren erfahren.
Obwohl mittlerweile viel mehr Menschen als der ehemalige
Geschichtskurs und Herr Dr. Hellwinkel an der Aktion beteiligt
waren (die Stadtverwaltung, der Künstler Gunter Demning, Historiker
Michael Quelle, Schülersprecher Tim Evers und Laura Kaczmarczyk,
Kazimierz Schwester, Josefine Illgner, um nur einige zu nennen),
konnte wegen der aktuellen Pandemie nur eine Ehrenveranstaltung im
kleinen Kreis stattfinden.
Dennoch herrschte eine sehr angenehme und dem Rahmen angemessene
Atmosphäre. Viele Gedanken kamen einem in den Sinn und es war gut
zu wissen, dass Kazimierz Schicksal aufgeklärt wurde und man an ihn
heute gedenkt und sich damit gegen Rassismus, Fremdenhass und die
Gräueltaten der NS-Zeit stellt. Aber es war natürlich auch
bedrückend, denn die Geschichten der Opfer sind grausam und traurig
und führen einem vor Augen, wie wichtig Toleranz und Nächstenliebe
in unserer Gesellschaft ist. Ein paar Worte aus der Rede unserer
Schülersprecher Laura und Tim, welche sich direkt an unserer
Schülerschaft richtet, möchte ich an dieser Stelle gerne zitieren:
„Ein großer Dank gilt allen Schülerinnen und Schülern dieser
Schule, denn gemeinsam wurde der Stolperstein finanziert und das
Engagement wird immer sehr wertgeschätzt. Wir Schüler müssen aktiv
gegen Rassismus und Fremdenhass kämpfen. Wir gedenken gemeinsam und
vergessen solche Geschichten wie die von Kazimierz Zarski nicht.
Geschehenes können wir nicht mehr ungeschehen machen, aber wir
müssen daraus lernen.“
Da unsere Schule nun Pate des Stolpersteins ist, wird man immer gut
auf ihn achten und auch im Rahmen von „Schule ohne Rassismus -
Schule mit Courage“ wird noch mehr Aufklärung betrieben werden. Es
gibt noch hunderte weitere Opfer des Nationalsozialismus, die den
Familien weggenommen und dessen Schicksale noch immer nicht
aufgeklärt wurden. Solche Familien sind auf Andere angewiesen. Ein
Projekt wie dieses ist bedeutend, bringt viele Menschen wieder
zusammen und lässt uns nicht vergessen, was in der Vergangenheit
geschehen ist. Durch neue Kontakte werden neue Türen geöffnet und
vielleicht wäre es nun durch den Kontakt mit der Schwester von
Kazimierz möglich, eine Deutsch-Polnische Partnerschaft mit der
Schule in Zakopane einzugehen? Schön wäre es.




