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"Stoer-Fall Elbe - Rückblick und Ausblick"

Ein ehemaliger Athenaeer, gebürtiger Altländer und Elbefachmann gibt spannende Einblicke in die Arbeit am und für den Fluss Elbe. Vor dem Vortrag wird er vom Athe-Jugendreporter Julius Kamper zu Erinnerungen an die Schulzeit und zur beruflichen Laufbahn befragt.


Prof. Dr. Henrich Reincke war schon immer mit der Elbe verbunden. Seine Eltern hatten einen Obsthof in Hollern, wo er als Schüler natürlich auch mitarbeiten musste. Der Fluss lag sozusagen vor der Haustür. Er erzählt, dass schon damals viele große Chemiebetriebe an der Elbe lagen, die ihr Abwasser einfach in den Fluss leiteten. Aber er hatte, wie jeder normale Neuntklässler, andere Sorgen. Zum Beispiel sollte man sich möglichst nicht bei einem seiner Ausflüge zu „Omi Behrend“, wie der kleine Tante-Emma Laden neben dem Athe genannt wurde, erwischen lassen, wenn man nicht einen Besuch beim „Direx“ und eine Verwarnung kassieren wollte. In diesem Fall konnten die Lehrer auch mal ungemütlich werden, meint er. Sonst verbindet Reincke vor allem gute Erinnerungen mit seiner ehemaligen Schule. Er habe tolle Lehrer erwischt, die er sogar teilweise von der siebten bis hin in die 13. Klasse behalten durfte, und sich wohl gefühlt an seiner Schule. Deswegen habe er auch gleich zugesagt, als die Anfrage des Athenaeums kam, ob er nicht einen Vortrag halten wolle.

Mathe war schon immer sein absolutes Lieblingsfach, was vor allem an seinem Lehrer Dr. Dorn und dessen toller Art und den guten Erklärungen des Stoffes lag. Immer wenn er seine alte Schule wieder betrete, wandele er auf „den Fährten der Vergangenheit“, erzählt Reincke und lacht. Der Altbau habe sich, zumindest äußerlich, seit dem auch nicht sehr verändert, der B-Trakt sei zu seiner Zeit gerade neu gewesen.
Kurz nachdem Reincke im Jahre 1967 sein Abitur in der Tasche hatte, wurde Anfang der 70er- Jahre erstmals eine Verschmutzung der Elbe festgestellt, die sogar noch stärker war als die des Rheins, der bis dahin als der am stärksten verschmutzte Fluss Deutschlands galt. Der frischgebackene Abiturient machte nach der Schule aber erstmal eine Lehre in der Baubranche, auch, um der Wehrpflicht zu entgehen, denn mit einer Lehrstelle musste er nicht zur Bundeswehr, erzählt er heute.
Wie im Vortrag von Prof. Dr. Reincke in der voll besetzten Aula zu hören ist, wurden die Probleme derweil an der Elbe immer größer, denn mit zunehmender Verschmutzung verschwanden auch die Fische, die früher zahlreich in dem ehemaligen Tidestrom gelebt hatten. Es war kein Vergnügen mehr, in der Elbe zu schwimmen, vor allem nicht für Fische.

Dazu kamen noch diverse Fahrrinnenanpassungen, die aus früher wassereichen Nebenarmen, an denen viele kleine Häfen lagen, die heutigen Schlick-Gräben machten.
Nachdem Reincke seine Lehre beendet hatte, zog er nach Hannover, um dort zu studieren. Sei Studium finanzierte er sich auf eher ungewöhnliche Weise: Jede Woche lud er seine „Ente“ voll mit Kirschen vom elterlichen Hof. „Sie wurden mir in Hannover förmlich aus der Hand gerissen“, erinnert er sich heute beim Interview. Nach dem Studium kam er zum Wasserwirtschaftsamt und wurde Leiter der Wassergütestelle. Trotz der Herausforderungen, vor die ihn in seinem Beruf die Elbe mit der immer größeren Umweltbelastung stellte, pflegte er, zum Beispiel durch die Ehemaligentreffen, noch Kontakt zum Athe.
Beruflich folgten die spannendsten Jahre seiner Laufbahn. Zusammen mit den Kollegen aus der DDR und der Tschechischen Republik arbeitete er daran, die Verschmutzung der Elbe zu reduzieren. Es wurden moderne Kläranlagen gebaut, die den Schmutz und die Schadstoffe herausfiltern, bevor sie in die Elbe gelangen. Nach den katastrophalen Schadstoffwerten in den 70er-Jahren ging es in den Achzigern tatsächlich etwas bergauf. Neben dem Rückgang der Schadstoffe ist auch die Rückbildung der kanalisierten Elbe zu natürlicheren Ufern ein Ziel Reinckes. Nach der Wende arbeitete er außerdem mit großen Chemieunternehmen, vor allem in Tschechien, zusammen.

Es sollten Umweltstandards eingehalten werden, um die Elbe weniger zu belasten. Und tatsächlich scheinen diese Maßnahmen zu wirken: Die Elbe ist wesentlich weniger belastet als beispielsweise in den 70er-Jahren und reicht fast an die positiven Rekordwerte der 90er heran.
Ein „Höhepunkt“ seiner beruflichen Laufbahn war die verheerende Flut von 2002. Hohe Niederschläge hatten damals dafür gesorgt, dass der Fluss die Wassermassen nicht mehr aufnehmen konnte und dann über die Ufer trat. Reincke flog mit Kollegen im Hubschrauber über die Krisenregion, nahm Proben des Wassers und machte sich ein Bild der Lage. Viele Betriebe standen unter Wasser und bekamen die gewaltige Macht des Flusses zu spüren.
Seit 2011 ist Heinrich Reinke nun als Vorstand der Stiftung „Lebensraum Elbe“ wieder mit „seinem“ Fluss verbunden. Diese Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, den ökologischen Standard der Elbe sowie Flora und Fauna wieder zu verbessern. Politiker, Umweltschützer und Wirtschaftsvertreter sitzen dort an einem Tisch und versuchen, die bestmögliche Lösung zu finden. Und tatsächlich leben in der Elbe wieder alle 103 Fischarten, die dort ursprünglich lebten. Nur einer wurde bisher noch nicht in der Elbe gesichtet: Der Atlantik-Stör. Diesen „Stör-Fall“, so ist das Ziel, will die Stiftung nun auch noch lösen.

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