Im dritten Beitrag der Vortragsreihe zum Jubiläum gab der
Wissenschaftler Prof. Dr. Dr. Thomas Braun spannende Einblicke in
aktuelle Forschungsansätze zu der Entwicklung und dem Umbau des
Herzens. Jugendreporterin Merle Prößdorf hat den Vortrag verfolgt
und hatte vorab Gelegenheit, mit dem Referenten zu sprechen.
Prof. Dr. Dr. Braun ist – wie alle Gastredner – ehemaliger Schüler
des Athenaeums. Vor 33 Jahren machte er dort das Abitur und
studierte im Anschluss Medizin. Doch er blieb nicht lange dabei.
Stattdessen fing er an, entwicklungsbiologische Prozesse zu
studieren. Schon in der Schule war er an Wissenschaft interessiert,
seine Lieblingsfächer waren Geschichte, Biologie und Chemie. Heute
arbeitet er am Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in
Bad Nauheim und erforscht, wie Stammzellen reguliert und stimuliert
werden. Dabei konzentriert er sich auf das Herz. Am 11. Februar
kehrte er zu seiner alten Schule zurück, um anlässlich der
425-Jahr-Feier des Athenaeums einen Vortrag über seine Forschung zu
halten.
Von Stammzellen und Umprogrammierungen:
Wie sich das Herz erneuert


Stammzellen sind Zellen, die unspezialisiert sind. Sie können sich
zu weiteren Stammzellen oder zu spezialisierteren Zelltypen
entwickeln. Diese Zellen können sich dann weiter spezialisieren und
differenzieren. Diese Spezialisierung kann in der Regel nicht
wieder rückgängig gemacht werden, das heißt, dass eine Haut- oder
Nervenzelle ihre Spezialisierung nicht wieder aufgeben und sich in
eine Stammzelle zurückentwickeln kann.
Prof. Dr. Dr. Braun und seine Kollegen am Max-Planck Institut
versuchen, neue Therapien mit Stammzellen für Patienten mit
Herzinfarkt zu entwickeln. Ein Herzinfarkt bildet sich durch eine
Verkalkung der den Herzmuskel versorgenden Arterien, welche zu
einer Minderdurchblutung des Herzmuskels führt. Wenn die Arterie
sich komplett verschließt, kommt es zum Herzinfarkt, bei dem
Herzmuskelgewebe beschädigt wird.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es bei einigen Menschen
trotz starker Verkalkung nicht zu einem Herzinfarkt kommt, weil
sich neue Arterien bilden, durch die das Blut stattdessen fließen
kann. Die Neubildung wird durch das Wachstum von Stammzellen
erreicht, was jedoch ein sehr langsamer Prozess ist. Prof. Dr. Dr.
Braun und seine Kollegen versuchen daher, diesen zu beeinflussen.
Zur Zeit führen sie Tierversuche durch, zum Beispiel an Mäusen. Der
Prozess kann beschleunigt werden, indem man bestimmte Botenstoffe
vermehrt. Dies wird erzielt entweder durch Hinzufügen dieser
Botenstoffe oder durch spezielle Zellen, sogenannte Fresszellen,
die dafür sorgen, dass es zu einer Vermehrung dieser Botenstoffe
kommt.
Derselbe Versuch wurde auch bei Molchen durchgeführt. Anders als
Mäuse können Molche sich komplett regenerieren, auch bei schweren
Verletzungen am Herzen, und sogar ganze Körperteile nachwachsen
lassen. Dies liegt daran, dass Molche dedifferenzieren können.
Dedifferenzierung ist ein Vorgang, bei dem schon spezialisierte
Zellen ihre spezifischen Eigenschaften verlieren. Dieser Prozess
dient der Erneuerung von Geweben. Säugetiere wie Mäuse oder
Menschen können im Gegensatz zu Molchen nur begrenzt
dedifferenzieren und tun dies auch selten. In einigen Organen, wie
zum Beispiel der Haut und dem Darm, kann Dedifferenzierung gut
stattfinden, und so können die Zellen sich erneuern. Andere Gewebe
dedifferenzieren nur sehr beschränkt, wie zum Beispiel das Herz,
das Gehirn oder das Rückenmark.

Man hat aber herausgefunden, dass sich das Herz sehr wohl erneuern
kann. Dies konnte durch zwei Experimente nachgewiesen werden. Zum
einen wurden Menschen, die während ihrer Jugend in den 50er bis
60er Jahren radioaktiv verstrahlt wurden, untersucht. Ihre Herzen
wiesen keine Radioaktivität mehr auf. Zum anderen hat man
Herzzellen, die keine Herzmuskelzellen sind, fluoreszierend
markiert. Diese Zellen leuchten bis zu ihrem Tod, und sogar ihre
Nachkommen leuchten, selbst wenn sie sich weiter differenzieren,
zum Beispiel zu Herzmuskelzellen.
Dedifferenzierung erfolgt ohne Stammzellen. Auf die Frage, ob
Dedifferenzierung, ähnlich wie bei Molchen, auch beim Menschen
genutzt werden kann, um Krankheiten des Herzens zu bekämpfen, war
die Antwort von Prof. Dr. Dr. Braun: „Ja, aber nur bei bestimmten
Herzkrankheiten.“
Stammzellen und der Prozess der Dedifferenzierung sind ein
interessantes Gebiet, bei dem es immer mehr Fortschritte beim
Verständnis der Prozesse gibt. Es war ein spannender Vortrag zu
diesem wichtigen Thema.


