Im Rahmen des 425-jährigen Jubiläums des Athenaeum hielt Wolfgang
Röhl am 15. Mai 2013 einen Vortrag zu dem Thema „Morde im
Minutentakt – wie der Krimi unser Bewusstsein verändert“. Dieses
Thema wählte er aufgrund seiner persönlichen und beruflichen
Erfahrungen. Als jahrelanger Journalist für den „Stern“ und
erfolgreicher Krimiautor beschäftigt er sich auch im Alltag mit den
Einflüssen des Krimis. Er betont, dass die Frage, wie der Krimi
unser Bewusstsein verändert, für die heutige Bevölkerung sehr
essentiell sei, denn das Genre des Krimis gehört zu den
beliebtesten in Deutschland. Sätze wie „Reden Sie, es geht um
Mord“, „Komm, ich geb´ ne Currywurst aus“ und „Geben Sie zu, Sie
haben das Opfer gehasst“, sind mittlerweile den meisten Deutschen
bekannt.
Der Vortrag von Herrn Röhl begann mit der bekannten Tatortmelodie
und im Auditorium stellte sich die Frage, ob denn schon wieder
Sonntag sei.
Zunächst berichtete Wolfgang Röhl von seinen frühen Erfahrungen mit
regionalen Krimis: Im Herbst 1965 tauchte ein selbstbewusster
Unbekannter am Athenaeum auf, und mit ihm ein großes Kamerateam. Es
war Stefan Aust. Schnell wurde klar, warum sich diese Leute für das
Jungengymnasium interessierten. Zur damaligen Zeit befand sich die
ganze Lehrergeneration des Athenaeums in einem Umbruch. Die ältere
Generation wurde durch eine deutlich jüngere Lehrerschaft ergänzt.
„Reden Sie, es geht um Mord“
Wolfgang Röhl über „Morde im Minutentakt- wie der Krimi unser Bewusstsein verändert“ von Merle Beyer


Wolfgang Röhl schrieb damals für die Schülerzeitung „Wir“. Der seit
1963 bestehende Konflikt zwischen dem Schuldirektor und den
Schülerzeitungsredakteuren des Gymnasiums bestand auch nach dem
Umbruch in der Lehrerschaft weiterhin. Die Schülerzeitung kämpfte
für das Schreiben ohne Zensur. Dies wurde jedoch von der gesamten
Lehrerschaft abgelehnt, sodass die Schüler 1964 ihre eigene Zeitung
drucken ließen, was auf große Proteste stieß und den Streit in der
Schule verschärfte. Die damals schon bekannte Sendung „Panorama“ im
Ersten interessierte sich brennend für diesen Konflikt. Am
29.11.1965 wurde der Beitrag über das Athenaeum ausgestrahlt und
die Redakteure des Athenaeums galten als „Nestbeschmutzer“ Stades.
Geprägt durch dieses Ereignis, verfasst Wolfgang Röhl nun Krimis,
die sich auf kleine Orte beschränken. Diese Regionalkrimis gelten
als neuer deutscher Trend, den Herr Röhl mit Humor nimmt. Die
Regionalkrimis beschäftigen sich nicht mit dem großen Hamburger
Kiez oder ähnlichen brisanten Orten, sondern mit dem Stader Bahnhof
oder anderen unbekannten Orten. Röhl stellt die rhetorische Frage,
ob es bald sogar Krimis geben wird, die sich auf die Mühlenstraße 3
beschränken.
Fest steht, dass im Hinblick auf ihre Funktion alle Krimis gleich
sind. Sie scheinen unpolitisch zu sein, doch laut Wolfgang Röhl
haben sie mehr politischen Einfluss auf uns als Zeitungsartikel,
die Tagesschau oder der Parteitag. Er begründet die These damit,
dass sich die Bilder, die beim Lesen eines Krimis entstehen,
stärker in unseren Köpfen verankern. Krimis als Gesellschaftsbild
sind „wunderbar durchdacht“ und lassen sich aus diesem Grund auch
als „social indoctrination“ oder „trojanisches Pferd“ bezeichnen.
Sie verändern unsere politischen Ansichten und unsere Werte. Aber
haben sie auch einen Einfluss auf unser allgemeines Bewusstsein?

Eine Studie zeigt, dass die zahlreichen Verbrechen, die wir jeden
Tag im Fernsehen sehen, weitaus weniger Einfluss auf uns haben, als
erwartet. Regelmäßig werden wir mit „Ballermännern und
Ballerfrauen“ im Fernsehen konfrontiert. Es scheint, als würden
Leichen unseren Weg pflastern, doch trotzdem belegt die Angst vor
Kriminalität nur Platz 15 von 16 möglichen Ängsten.
Wolfgang Röhl erzählt außerdem, dass die deutschen Krimis in ihrem
Inhalt sehr beschränkt sind. Immer wieder geht es um die
„Beletage“, die hinter den Fassaden etwas Böses versteckt. Durch
seine Erfahrungen als Journalist fragt sich Wolfgang Röhl, ob diese
Geschichten nicht mit der Zeit langweilig werden. Alle Klischees,
die in den deutschen Krimis bedient werden, versucht er möglichst
zu vermeiden. Nach diesem Vortrag warten die Zuhörer nun auf einen
neuen Regionalkrimi des Autors mit dem Titel „Mord am Athenaeum“.
Unser Schuldirektor Herr Horn stellte sich sowohl als Opfer als
auch als Täter zur Verfügung.


