Sie sind hier :
  1. 2013

Was Sie schon immer über Genetik wissen wollten

Zu diesem Thema hielt am 25. Februar Herr Prof. Dr. H.-Hilger Ropers einen Vortrag und riss damit alle Zuhörer in seinen Bann. In einem leider viel zu kurzen Interview hatten wir die Möglichkeit, Prof. Ropers besser kennen zu lernen und einiges über seine Zeit am Athenaeum und sein Leben zu erfahren.
So berichtete Prof. Ropers von seiner Grundschulzeit in Dollern, in das seine Familie aus dem Alten Land gezogen war. Nur wenige Schüler gab es damals, in seiner Klasse gerade einmal fünf, und Prof. Ropers war der einzige, der es auf das Athenaeum geschafft hat, wofür man damals noch eine Aufnahmeprüfung bestehen musste. Damit wurden bereits Weichen für die Zukunft gestellt, denn nur fünf Prozent machten damals Abitur, also 6 oder 7x weniger als heute. Freimütig berichtet er davon, dass er sich als Kind oft überschätzt habe, weil ihm im Milieu des Dorfes der richtige Vergleichsmaßstab fehlte. Genau diese ursprüngliche Fehleinschätzung habe ihn aber später angespornt, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden, als ihm klar wurde, dass ‚auch andere Mütter schlaue Kinder haben‘, auf der Oberschule in Stade und sogar noch während des Studiums.
Für ein Kind sei Selbstbewußtsein wichtig, es solle sich “lieber überschätzen, als unterschätzen”.

Vom Athe berichtet Prof. Ropers sehr positiv, vor allem betont er die “wunderbaren Lehrer”, die ihn zu seiner Zeit unterrichtet haben. Das Athenaeum zu besichtigen, gab ihm das Gefühl, wieder Zuhause zu sein. Etwas kritischer sieht Prof. Ropers das Leitbild eines Gymnasiums: Lernen, zu lernen. Er finde, dass man ohne Substrat nicht viel lernen kann. Wenn man an etwas kein Interesse hat, dann liege es daran, dass man darüber zu wenig wisse. Er verdeutlichte uns das beispielhaft anhand seines Sohnes, als es darum ging, ob er das Abitur oder die mittlere Reife machen sollte, auf die Frage seines Vaters: “Was interessiert dich denn?” antwortet “ich weiß es nicht” und für Prof. Ropers dies der Anlass war, ihm zu sagen: „Dann musst du weiter zur Schule gehen!“
Nach der Schule hatte Prof. Ropers Vieles im Sinn. Er ist begabt in Sprachen, mit Technik und kann gut mit Menschen umgehen, aber an Humangenetik hatte er damals noch nicht gedacht. Hier folgte er seinem Freund, um wie er Medizin in Freiburg zu studieren.
Interessant war, als er von seiner entscheidenden Wende über seinen beruflichen Werdegang berichtete.

Er begann fünf Doktorarbeiten, um einen tieferen Einblick in die Themen zu erhalten, die ihn interessierten. Der entscheidende Anstoß kam an einem sonnigen Tag in Freiburg, als er nach einem weiteren Gespräch auf der Balustrade vor dem Humangenetischen Institut sitzt und nichts Anderes denken kann als: „Humangenetik - das ist es!“ Denn dieses Gebiet war damals ganz neu und weitgehend unerforscht.
Nach der Promotion und Habilitation an der Universität Freiburg lebte Prof. Ropers 17 Jahre in Holland als Leiter des Humangenetischen Instituts der Universität Nimwegen. Was ihn in Holland fasziniert ist, dass dort die hierarchische Stellung nicht so wichtig ist, viel wichtiger ist das eigene Wissen. Je mehr man kann und weiß, desto größer ist die eigene Autorität. Aufgrund der flacheren Strukturen ist auch Teamarbeit besser möglich, und nur im Austausch mit anderen können gute Ideen entstehen. Seit 1994 ist Prof. Ropers Direktor am Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik in Berlin. Dort arbeitet er mit seiner Gruppe unter “beachtlichem Leistungsdruck” an den molekularen Ursachen von geistiger Behinderung. Wenn Eltern zu ihm kommen und fragen, warum sie ein geistig-behindertes Kind zur Welt gebracht haben, würde er diesen am liebsten antworten können und, um das irgendwann einmal möglich zu machen versucht er die kleinen Lücken zu füllen, die die Lösung geben können. Dafür braucht er möglichst viele Ergebnisse von Gentest einer Familie, wie nur möglich. Aber mit den deutschen Durchschnittsfamilien, wo ein bis zwei Kinder normal sind, erscheint das schwer. Deshalb arbeitet er seit zehn Jahren immer wieder im Iran, wo es noch sehr große Familien mit sehr vielen Kindern gibt.
Beim obligatorischen Händeschütteln legte er uns noch nahe, dass wir auf seinen Rat hören und das machen sollen, was uns wirklich interessiert. Eines ist in seinen Augen dennoch klar: anstrengen muss man sich immer im Leben, aber wenn man an etwas arbeitet, was einem interessiert, dann fällt einem die Anstrengung leicht.
Gerne hätten wir uns noch mindestens zwei Stunden mit Herrn Ropers unterhalten können, allein wegen seiner sympathischen, uns zugewandten und freundlichen Art.

Robin Seel

Unser Schulleiter, Herr Horn, eröffnete den Vortrag ,,Alles, was Sie schon immer über Genetik wissen wollten” von Professor H. H. Ropers, der sich vor der Präsentation für die Einladung bedankte und sich anschließend kurz vorstellte.
Nach einer kleinen Einführung in die Thematik des Vortrages begann Professor Ropers, unterstützt durch englisch- und deutschsprachige Folien der Power-Point Präsentation, mit einem Überblick über das menschliche Genom und brachte dessen Merkmale durch gelungene Beispiele den Zuschauern näher.
Herr Professor Dr. Ropers erläuterte, dass bis jetzt nur 3500 Krankheitsgene bekannt seien, während die geschätzte Zahl bei circa 15000 liege. Ergänzend dazu erklärte er, dass 2/3 aller Gene Krankheiten auslösen können, die vor allem durch Fehler bei der DNS-Kopierung auftreten (Neumutationen). So kann ein einziger Basenaustausch eine Krankheit zur Folge haben, sodass die Erforschung dieser Krankheiten der sogenannten Suche nach der ,,Nadel im Heuhaufen” ähnelt. Anschließend stellte Professor Ropers das Humangenomprojekt vor, an dem von 1990 bis 2003 gearbeitet wurde, um die Grundstruktur des menschlichen Erbguts aufzuklären. Dieses Projekt verschlang insgesamt 3 Milliarden US Dollar und war so das teuerste biologische Forschungsprojekt überhaupt. Ein internationales, staatlich finanziertes Konsortium unter Leitung des Amerikaners Francis Collins und die private Firma von Craig Venter lieferten sich ein Wettrennen um die Identifizierung aller Gene, das 2003 abgeschlossen wurde, nachdem sich beide Seiten schon im Jahre 2000 auf ein Unentschieden geeinigt hatten. Allen, die diesen Wettlauf nachempfinden möchten, empfiehlt Herr Ropers das Buch „The Genome War: How Craig Venter Tried to Capture the Code of Life and Save the World‘ von James Shreeve.
Um die Attraktivität dieses Großvorhabens zu steigern und die Finanzierung des zweiten 5-Jahresplans durch den amerikanischen Kongress sicherzustellen, hatte Francis Collins im Jahre 1995 beschlossen, dieses Vorhaben auf häufige Volkskrankheiten wie Demenz und Diabetes auszurichten; bis dahin hatte die Aufklärung, Diagnose und Behandlung ernster, aber meist seltener Gendefekte im Mittelpunkt gestanden. Jedoch liessen sich die für diese Entscheidung verantwortlichen Wissenschaftler von falschen Vorstellungen leiten, wie Ropers berichtete. Sie nahmen an, dass häufige Krankheiten auch häufige genetische Ursachen haben müssten. Nachdem Milliarden in die – meist vergebliche - Suche nach häufigen genetischen Risikofaktoren von Volkskrankheiten investiert worden waren, hat auf diesem Gebiet ein Umdenken eingesetzt, aber erst seit wenigen Jahren interessiert sich die Genomforschung wieder für die Aufklärung der Ursachen ernster genetisch bedingter Krankheiten, die auf Defekte einzelner Gene zurückgehen.
Als einen weiteren Abschnitt des Vortrages thematisierte er die erweiterten Technologien der DNS-Sequenzierung, durch die es möglich ist, die DNS relativ kostengünstig untersuchen zu lassen. Jedoch spricht Ropers in seinem Vortag auch Probleme bei der Forschung nach den genetischen Ursachen für geistige Behinderung an, da es zu wenig Experten in diesem Gebiet gebe und durch die Medien und die Politik oft ein falsches Bild von der Analyse der Genetik des Menschen vermittelt werde. In Zukunft solle die Identifizierung der Eltern weiter ausgebaut werden, die ein Risiko für Kinder mit Krankheiten haben.

Zum Ende der Präsentation betonte Professor Ropers, dass Behinderte Respekt verdienen würden, ihre Krankheiten aber nicht und man sie erforschen müsse. Dabei ergänzt er, dass eine Erforschung dieser keine Diskriminierung von Behinderten darstelle.
Er forderte Eltern mit behinderten Kinder dazu auf, in die Öffentlichkeit zu gehen, um die Politik aufzurütteln und die Krankheit ihres Kindes bekannter zu machen. Des weiteren wäre, nach Ropers Meinung, durch eine Patienten-/Elterneinrichtung es möglich, die Interessen der Eltern gegenüber der Politik besser auszudrücken.
Nach dem Vortrag und dem gebührenden Applaus, konnte man sich noch einer Diskussionsrunde anschließen. Bei den Fragen von Jung und Alt, kamen auch Zweifel und Kritik in Bezug auf die Analyse der menschlichen Genetik auf, dass Informationen auch in falsche Hände kommen könnten.
Allem im Allem, war es ein sehr interessanter Vortrag über die Genetik des Menschen, der spannende und neue Informationen lieferte, die man auch ohne besondere biologische Ausbildung durch die teilweise auch unterhaltsame Vortragsweise gut verstehen konnte.

Kim Tobaben

Vorschau