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  1. 2013

Streitgespräch zwischen Jürgen Fitschen und Stefan Aust: „Die Rolle der Banken in Deutschland“

ein Bericht von Louise Wilkens (Jahrgang 12) und Moritz Jost (10f3)

Welche Rolle spielten die Banken bei der Entstehung der jetzigen Finanzkrise? Inwiefern mangelte es an verantwortungsbewussten Entscheidungsträgern, sowohl in Politik als auch in der Wirtschaft? Sind Managergehälter und Boni in Millionenhöhe noch gerechtfertigt?

Um all diese Fragen und noch einige mehr ging es im Streitgespräch zwischen Jürgen Fitschen, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, und Stefan Aust, ehemaliger Chefredakteur des „Spiegel“, am 12.04. in der Aula des Athenaeums. Das Highlight der Vortragsreihe am Athe anlässlich des 425. Jubiläums war wie erwartet restlos ausverkauft. Der Andrang war so groß, dass der Platz in der Aula nicht ausreichte und die Diskussion im Forum als Livestream mitverfolgt werden konnte.

Beide Gäste nahmen sich vor der Veranstaltung Zeit, ihre alte Schule zu erkunden. Beeindruckt zeigten sie sich sowohl von den Möglichkeiten, die der Neubau für den Unterricht eröffnet, als auch von dem großen ehrenamtlichen Engagement, von dem unsere Schule profitiert. Besonders der Altbau der Schule rief Erinnerungen wach an Abiturprüfungen und das Verlegen der Schülerzeitung „Wir“, an der Aust maßgeblich beteiligt war.

Im Gegensatz zu heute haben sich beide damals eher oberflächlich gekannt. „Ich kannte ihn, er mich nicht“, sagte Fitschen über Aust, der damals besonders wegen seiner journalistischen Tätigkeit in der Schule bekannt war. Lieblingsfächer hatten beide eher nicht, obwohl sie zustimmten, dass das Fach Deutsch mit zunehmendem Alter immer interessanter wurde. Im Allgemeinen unterscheide sich das Schulleben damals sehr von unserem heute. Die Schüler seien sehr viel mehr auf sich selbst gestellt gewesen, wenn es darum ging, den Stoff zu lernen. Angesprochen auf das damalige Verhältnis von Lehrern und Schülern erwähnten beide, dass es Lehrer gegeben habe, von deren NS-Vergangenheit „man lieber nicht zu viel wissen wollte“. Allerdings habe es auch Lehrer gegeben, mit denen ein eher freundschaftliches Verhältnis gepflegt wurde und an die man sich positiv zurückerinnere.
Nachdem der Schulleiter Herr Horn die Veranstaltung eröffnete, wandte sich das Gespräch, moderiert von Peter von Allwörden, Lokalchef des Stader Tageblatts und ebenfalls Ehemaliger des Athenaeums, zunächst den Erinnerungen zu, die der Besuch der alten Schule in beiden Gästen auslöste. „Positiv“ seien diese bei beiden auf jeden Fall. Und besonders Stefan Aust war der Meinung, dass das Athenaeum ihm eine gute Grundlage für sein Leben vermitteln konnte. So konnte er auch die anwesenden Schüler beruhigen: „Es ist schon mal gut, dass Sie am Athenaeum sind.“

Nach einer kurzen Vorstellung der Gäste und ihres Werdegangs nach ihrem Abitur am Athe begannen die beiden, sich konkret mit dem Thema des Abends auseinanderzusetzen. Was löste 2008 die Finanzkrise aus, mit der Amerika und ganz besonders Europa jetzt noch zu kämpfen haben? Die Immobilienkrise in Amerika sieht Fitschen eindeutig als Auslöser. Dieser liege jedoch entgegen der allgemeinen Vorstellung die politische Entscheidung zu Grunde, jeder Amerikaner hätte das Recht auf ein eigenes Haus. Im Zuge dieser Entwicklung seien Kredite an Menschen vergeben worden, die diese unter anderen Umständen niemals erhalten hätten. Allerdings spricht der Vorstandschef der Deutschen Bank auch den amerikanischen Banken eine Mitschuld nicht ab. Sie seien dafür verantwortlich, dass die Krise global geworden sei, indem sie diese faulen Kredite neu verpackt und an ausländische Banken verkauft hätten. Das gesamte System sei dadurch zu undurchsichtig geworden. Als nach dem Platzen der Immobilienblase in Amerika deutsche Landesbanken gerettet werden mussten, habe Fitschen Politiker vermisst, die sich öffentlich zu ihrer Mitschuld bekannten. Diese hätten in den Aufsichtsräten der Banken nichts gegen dieses riskante Geschäft unternommen.
Fitschen sei außerdem der Meinung, dass die Deutsche Bank aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt habe und es schon einige Veränderungen gab, die dazu führen sollen, dass Banker für ihr Handeln Verantwortung übernehmen müssen. Allerdings seien diese Veränderungen Aufgabe der Wirtschaft selbst und nicht die der Politik. Diese sollte lediglich die Rahmenbedingungen des Marktes festlegen und ein großer Einfluss seitens des Staates wie zum Beispiel im Nachbarland Frankreich sei längerfristig schädlich. Es sei wichtig, dass die Menschen verstünden, wie wichtig Banken für die Wirtschaft eines Landes seien. Das Vertrauen müsse wiedergewonnen werden. Fitschen sagte: „Das Ansehen der Banken zu verbessern ist eine große Herausforderung, die ich gerne annehme.“
Auch Stefan Aust bezog an diesem Abend klar Stellung, als es darum ging, ob millionenschwere Managergehälter überhaupt gerechtfertigt seien. Als Beispiel nannte er hier den ehemaligen Porschechef Wendelin Wiedeking, der für sehr gute Leistung auch eine entsprechende Bezahlung verdient habe. Vielmehr lenkte Aust den Fokus auch auf die Eigentümer, die „sich noch mehr Geld in die Tasche stecken“. Fitschen hingegen war der Meinung, dass die Gesellschaft so hohe Gehälter nicht mehr akzeptiere, da die Schere zwischen Arm und Reich inzwischen zu weit auseinandergegangen sei.
Auch die Rolle der Journalisten wurde an diesem Abend nicht vernachlässigt. Die immer größer werdende Bedeutung des Internets in der Berichterstattung sah Aust kritisch. Nachrichten würden nicht mehr ausreichend überprüft, bevor sie veröffentlicht werden. Es gebe einen immer stärkeren Wettlauf darum, wer eine Nachricht zuerst veröffentlicht und dadurch würde das Internet oft zu schnelllebig. Er erwarte von guten Journalisten, dass diese „schreiben, was stimmt“. Auf die Kritik, dass oft nur schlechte Nachrichten veröffentlicht und so das Bild in der Allgemeinheit verzerrt werde, rechtfertigte er sich damit, dass sich schlechte Nachrichten nun mal besser verkaufen ließen. „Niemand möchte hören, dass heute alle Jets der Lufthansa sicher gelandet sind.“
Zum Schluss hatten beide noch einen Rat an die anwesenden Schüler: Um es im Leben weit zu bringen, erfordere es keine ausgefeilte Karriereplanung. Wichtig seien vielmehr eine solide, allgemeine Ausbildung, Neugier und Flexibilität sowie die Fähigkeit, in (internationalen) Netzwerken zu arbeiten.

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