„In Vielfalt geeint“
Juni 2013: Das ist das Motto der europäischen Union, die
mittlerweile über sechzig Jahre alt ist und schon viele
unterschiedliche Seiten gezeigt hat. 2012 hat sie den
Friedensnobelpreis für die Friedensbewahrung bekommen und sie hat
für Reisefreiheit und wirtschaftliche Freiheit in Europa gesorgt.
Doch die europäische Integration ist ins Stocken gekommen und auch
die Gemeinschaftswährung steht auf dem Prüfstand. Jugendreporter
Michael Gisbrecht analysiert Geschichte und politisches System
dieser Organisation und versucht eine Antwort auf die zukünftige
Entwicklung Europas zu geben.
Nach dem zweiten Weltkrieg wollten die europäischen Staaten den
jahrhundertelangen Kämpfen in Europa ein Ende bereiten und
gründeten 1952 die „Montanunion“, in der die Kohle- und
Stahlindustrie der Mitgliedsländer zusammengefasst waren. Die alten
„Erbfeinde“ Deutschland und Frankreich taten sich mit den
Benelux-Staaten und Italien zusammen und konnten durch die
Bündelung dieser für den Krieg notwendige Industrie nicht mehr
gegeneinander Krieg führen. 1957 wurde die EWG (Europäische
Wirtschaftsgemeinde) gegründet, die den europäischen Gedanken auf
wirtschaftlichen Weg voranbringen sollte. Auch sollte ein freier
Markt geschaffen werden, in dem sich Waren, Dienstleistungen,
Kapital und Arbeit frei bewegen können.
Doch es gab auch Stillstand: In den Sechzigern, Siebzigern und
Achtzigern bremsten zuerst der französische Präsident Charles de
Gaulle und später die britische Premierministerin Margaret Thatcher
die europäische Integration. Erst 1987 fing sie mit der
einheitlichen europäischen Akte wieder an, die den Plan eines
europäischen Binnenmarkts entwickelt.
1992 wurde die europäische Union im Vertrag von Maastricht
gegründet. Deren Arbeitsweise wurde in nachfolgenden Verträgen
mehrfach überarbeitet und ihre Mitglieder kooperieren stärker
sowohl in der Außen- und Sicherheitspolitik als auch in den
Bereichen Inneres und Justiz. 2002 wurde der Euro als
Gemeinschaftswährung eingeführt. Auch viele Staaten des ehemaligen
Ostblocks sind mittlerweile EU-mitglieder. Der Vertrag von Lissabon
hat die EU mit mehr Kompetenzen ausgestattet und die Verwaltung
reformiert. Mittlerweile hat die Union 27 Mitgliedstaaten (ab 1.7.
voraussichtlich 28)
Die EU ist ein äußerst komplexes politisches Gebilde. Sie hat viele
politische Gremien, die ich nun im Einzelnen vorstellen möchte.
Der europäische Rat mit Sitz in Brüssel besteht aus den Staats- und
Regierungschefs der Mitgliedsstaaten. Der Kommissionspräsident hat
beratende Funktionen. Er legt allgemeine politische Zielsetzungen
und Prioritäten fest und entscheidet grundsätzlich einstimmig. Die
Beschlüsse sind theoretisch nicht politisch verbindlich, werden
jedoch zumeist von den Ministern im Ministerrat vertreten.
Der Rat der europäischen Union (auch Ministerrat genannt) mit Sitz
ebenfalls in Brüssel setzt sich aus den jeweiligen Fachministern
der nationalen Regierungen zusammen. Er beschließt mit dem
europäischem Parlament die entscheidenden Rechtsakte. Für die
Verabschiedung eines Rechtsaktes sind die einfache Mehrheit der
Länder, 255 von 345 (ab 1. 7. 260 von 352) Stimmen und auf Anfrage
eines Landes müssen die Länder, die für den Rechtsakt gestimmt
haben, 62% der Bevölkerung umfassen. Ab 2017 gilt die vereinfachte
Regelung, dass für die Verabschiedung 55% der Mitgliedsstaaten, die
65% der Bevölkerung repräsentieren, stimmen müssen.
Das europäische Parlament, das in Straßburg tagt, besteht aus den
vom Volk gewählten Abgeordneten. Diese werden in
nationalstaatlichem Rahmen mit von den Mitgliedsländern bestimmtem
System gewählt. Allerdings wird festgeschrieben, dass nach dem
Verhältniswahlrecht zu wählen ist. Die Sitze werden nach der
Bevölkerung verteilt, wobei die kleineren Länder mehr Abgeordnete
pro Einwohner haben. Das Parlament stimmt über Gesetze ab, die ihm
vorgelegt werden. Es selber kann keine Gesetzesvorschläge
unterbreiten. Auch muss das Parlament Haushaltsentwürfen zustimmen
und übernimmt eine parlamentarische Kontrollfunktion gegenüber der
Kommission und dem Ministerrat.
Die europäische Kommission mit Sitz in Brüssel besteht aus 27
Kommissaren, von denen jeder ein Land repräsentiert. Zugleich ist
jeder für ein Fachgebiet verantwortlich. Der deutsche Vertreter
Günther Oettinger ist beispielsweise zugleich Kommissar für
Energie. Die Kommission ist mit der Regierung eines Staates
vergleichbar. Sie kann beispielsweise Beschlüsse nahezu alleinig
vorschlagen und zu Änderungsvorschlägen vom Parlament und vom
europäischem Rat Stellung beziehen. Zugleich wacht sie darüber,
dass keine Vertragsverletzungen begangen werden und vertritt die EU
nach außen.
Der europäische Gerichtshof mit Sitz in Luxemburg bildet die
Judikative der EU. Er soll das Recht bei der Auslegung und
Anwendung der Verträge wahren. Falls ein Staat den Vertrag verletzt
kann die Kommission zuerst ein Mahnschreiben an das jeweilige Land
richten und bei Nichtbeachtung Klage erheben. Weiterhin kann ein
nationales Gericht ein Vorabentscheidungs-Verfahren einleiten.
Dabei wird eine Anfrage über Auslegung des EU-Rechts vorgelegt und
auf dieser Basis fällt das nationale Gericht sein Urteil.
Die europäische Union hat eine lange und von Erfolgen und
Misserfolgen geprägte Geschichte. Doch wie geht es mit ihr weiter?
Zuerst soll geklärt werden, wie weit die europäische Integration
gehen soll. Wenn die Länder sie nicht vorantreiben wollen, wird es
bestenfalls bei Binnenmarkt und Reisefreiheit bleiben.
Schlimmstenfalls holen sich die Mitgliedstaaten Kompetenzen zurück
und diese Errungenschaften werden wieder aufgegeben. Europa würde
in einzelne Staaten zersplittern, die sich gegen die Ambitionen von
Großmächten nicht wehren können (z.B. 80 Mio. Einwohner in
Deutschland gegen 1340 Mio. in China). Möglicherweise werden unter
den europäischen Staaten Kriege ausbrechen. Doch dieses Szenario
ist eher unwahrscheinlich, denn kein Staat will ernsthaft die
Integration zurückschrauben. Das hätte nämlich auch erhebliche
wirtschaftliche Nachteile. Viele wollen aber auch die Integration
nicht vorantreiben, denn die Nationen sind kaum bereit ihre
Souveränität aufzugeben.
Die Wirtschaftskrise hat die Situation auch nicht gerade
verbessert. Eine Möglichkeit, die Integration voranzutreiben, wäre
ein Zusammenschluss einiger Länder, während den anderen die Chance
gegeben wird später beizutreten. Das gibt es auch heute
beispielsweise mit dem Euro, wo ja nicht alle 27 Staaten Mitglieder
sind. Vielleicht kann man auch mit der langwierigen Suche nach
Kompromissen, die es derzeitig gibt, nach und nach die Integration
vollenden. Zu großen und schnellen Reformen werden die Länder
vermutlich nicht bereit sein.
Doch wozu sollte eine europäische Integration dienen? Um diese
Frage zu beantworten, sollte man einen Blick auf Europa vor der
Einheit werfen. In jeder Generation führten die Großmächte einen
großen Krieg. Die diplomatischen Beziehungen wurden durch den
glühenden Nationalismus stark belastet. Um eine Grenze zu
übertreten, musste man Genehmigungen beantragen und Zoll zahlen.
Und spätestens im zweiten Weltkrieg war klar, dass das Konzept
einer kolonialen Politik ebenso wie die führende Rolle Europas in
der Weltgeschichte Vergangenheit waren. Alleine waren die
europäischen Staaten wehrlos, was sich in der Spaltung des
Kontinents durch die Supermächte während des kalten Krieges zeigte.
Und gegen diese Lage wirkt ein Zusammenschluss am Besten. Durch die
engen wirtschaftlichen Verflechtungen besonders in kriegswichtigen
Industrien ist ein Krieg in Europa unmöglich. Die Zollgrenzen sind
gefallen, was zu dem (nach Bruttoinlandsprodukt) größtem
Freihandelsraum und einem Wirtschaftswachstum durch verbesserte
Handelsmöglichkeiten führt.
Die Freizügigkeit in Europa bringt sowohl für Privatpersonen als
auch für die Wirtschaft in Form einer Verteilung der Arbeitskräfte
große Vorteile. Und damit Europa nicht von ausländischen Mächten
regiert wird, braucht Europa ein starkes Bündnis. Wie man an dem
sich vermutlich verschärfendem Bevölkerungsbeispiel zwischen
Deutschland und China sieht, erkennt man, dass ein einzelner
europäischer Staat auf der globalen Bühne nicht viel zu sagen hat.
Nur mit einer gemeinsamen Sicherheits- und Außenpolitik kann Europa
seine Interessen und auch seine Werte durchsetzen. Auch die
europäische Verteidigung muss gemeinsam organisiert werden, da die
USA uns nicht ewig schützen kann. Daneben gibt es noch andere
Herausforderungen wie den Klimawandel, die Erkundung des Weltraums
oder die Erforschung der kleinsten Teilchen, die nur gemeinsam zu
lösen sind.
Es ist zu sehen, was für große Erfolge die europäische Union zu
verzeichnen hat. Doch zugleich gibt es große Probleme bei der
Durchsetzung der europäischen Idee. Die Staatenlenker und die
Völker der Union sind derzeitig kaum bereit sich diesem Europa
unterzuordnen, obwohl es auch Vorteile böte.
Letztlich muss die Frage nach der endgültigen Entwicklung Europas
offen bleiben.
Nachgedacht über...
...die europäische Union
von Michael Gisbrecht



