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Deutsche-Bank-Vorstandschef Jürgen Fitschen und „Spiegel“-Ex-Chefredakteur Stefan Aust
zurück im Athenaeum in Stade

(so erschienen im Stader Tageblatt am 13.04.13)

Zurück zu den Anfängen – nie war der Satz richtiger: Stefan Aust und Jürgen Fitschen kamen am Freitag zurück, in die Schule, in der sie einst die Grundlagen für ihre Karriere gelernt haben. Beide kennen sich seit den 60er Jahren, der Ex-Spiegel-Chef und der amtierende Chef der Deutschen Bank, die beim Rundgang durch das Athenaeum in Stade mehrere Aha-Erlebnisse hatten.

„Das war schon immer eine richtige Schule und nicht so 'ne Krücke wie bei Euch“, rief Stefan Aust seiner Tochter zu, die in Blankenese unterrichtet wird. Die beiden prominenten Gäste gingen beim Gang durch ihre alte Schule sehr freundschaftlich miteinander um, allerdings weniger aus der Historie. „Ich habe mich früher halt immer ein bisschen wichtig gemacht“, erzählt Aust, der Mitte der sechziger Jahre die Schülerzeitung „Wir“ verlegte. „Deswegen kannte ich ihn, er mich nicht“, sagt Fitschen, der ein Jahrgang unter Aust unterrichtet wurde. Erst durch das gemeinsame Hobby der Reiterei sind die beiden Protagonisten sich in den vergangenen Jahren näher gekommen.

Beide hatten nie den Kontakt in den Landkreis verloren. „Die Heimat ist geblieben“, sagt Fitschen, der längst in Frankfurt wohnt, aber auch noch in Hollenbeck ein Haus hat. Aust bewirtschaftet nebenbei ein Gut in Lamstedt.

Der Blick zurück: Stefan Aust hat seine Karriere letztlich dem Athenaeum zu verdanken, denn seine erste Anstellung war bei „konkret“, einer linken Illustrierte, die von Klaus Rainer Röhl verlegt wurde, einem ehemaligen Mitschüler am Athenaeum, der mit der späteren RAF-Terroristin Ulrike Meinhof verheiratet war. Nach seiner erfolgreichen Spiegel-Zeit ist Aust mit 60 Jahre in eine Medien-Agentur eingestiegen. „Ich wollte immer Unternehmer werden.“

Dass er früher eher der Rebell unter den Schülern war, belegte er mit einer Anekdote: Er sei wohl der einzige Schüler gewesen, der einem Ritterkreuzträger eine Ohrfeige gegeben hat, weil der ihn zu sehr genervt hatte. Der Lehrer war später General und vor wenigen Jahren Gast bei seinem 60. Geburtstag. „Da hat er sich entschuldigt“, meinte Aust, der in der Erinnerung sehr löblich über das Athe spricht, auch wenn er da in den sechziger Jahren Lehrer erlebt habe, über deren Vergangenheit im 3. Reich lieber nicht so viel bekannt sein sollte.

Jürgen Fitschen dagegen sieht in seinem heutigen Job als Chef der Deutschen Bank keinen Berührungspunkt zum Athenaeum. „Ich wusste nach der Schule überhaupt nicht, was ich werden sollte.“ Karriereplanung? „Das habe ich nie gemacht.“ Er hat erst Außenhandelskaufmann gelernt, dann studiert und dann erst kam der erste Job bei der Bank. „Ich würde jungen Leuten immer raten, die Karriere nicht zu stramm zu planen.“ Seine Tipps für den Erfolg: „Ich bin zehnmal umgezogen.“ Sein weiterer Ratschlag: „Außerdem sollten sie keine Angst haben, etwas zu tun, was man korrigieren muss.“ Aust hatte für alle anwesenden Schüler eine ermunternde Perspektive parat: „Es ist schon mal gut, dass sie am Athenaeum sind.“

Stefan Aust

Stefan Aust wurde 1946 in Stade geboren. Nach dem Abitur am Athenaeum studierte er wenige Wochen lang Soziologie. Von 1966 bis 1969 arbeitete Aust als Redakteur bei der Zeitung „konkret“ sowie den „St. Pauli-Nachrichten“. 1970 wurde er Mitarbeiter des NDR. Von 1972 bis 1986 wirkte er bei „Panorama“. Aust erschrieb sich in der Branche vor allem einen guten Namen durch Artikel und Bücher über die Rote Armee Fraktion. 1994 wurde er Chefredakteur beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Sein Vertrag wurde 2008 aufgelöst. Seither arbeitet der Pferdenarr als freier Autor (unter anderem bei der „Zeit“) und als Unternehmer in einer Medienagentur.

Jürgen Fitschen

Der in Harsefeld geborene Jürgen Fitschen ist Co-Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bank AG. Gemeinsam mit Anshu Jain hat er seit dem 1. Juni 2012 den Vorstandsvorsitz und damit die Nachfolge von Josef Ackermann angetreten. Seit 1986 arbeitet der heute 64-Jährige bei den Bankern in Frankfurt, lange war er im Asiengeschäft tätig. Nach mehreren Top-Positionen kam Jürgen Fitschen 2009 in den DB-Vorstand. Fitschen wuchs in Hollenbeck bei Harsefeld auf und machte 1966 am Athenaeum Stade sein Abitur. Nach der Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann studierte er Wirtschaftswissenschaften in Hamburg.

Am Freitagabend diskutierten Stefan Aust und Jürgen Fitschen in der vollen Aula des Athenaeums vor Schülern, Eltern und Gästen über die Rolle der Banken bei der Finanzkrise und die gegenwärtigen Probleme der Weltwirtschaft und am Rande auch über den Journalismus.

„Den einen Grund für die Finanzkrise gibt es nicht“, sagt Jürgen Fitschen. Die Hauptursache sieht er in der Politik der USA, die den alten Gedanken aufgelegt habe, jeder Amerikaner sollte sein eigenes Haus besitzen, auch wenn das jeweilige Einkommen dies oft nicht gerechtfertigt habe. Das sei keine Idee der Banken gewesen. Erst danach hätten die Banken die unrühmliche Rolle gespielt und die schlechten amerikanischen Kredite in neue Produkte in Europa angelegt. „Ich leugne nicht, dass die Investmentbanken eine Mitschuld haben“, sagte Fitschen.

„Liegt die Schuld nicht bei den Bankberatern, die den Kunden nicht ausreichend beraten haben“, wollte Moderator Peter von Allwörden (TAGEBLATT-Lokalchef Stade) wissen. „Zum Teil“, gestand Fitschen zu: „Die Banker müssen besser beraten und nicht nur die Produkte anbieten, an denen sie das Meiste verdienen.“ Gleichzeitig erinnerte der Deutsche-Bank-Chef an die Euphorie der Kunden, die im Höhenflug der Märkte möglichst viel Geld anlegen wollten. Sie hätten komplizierte Produkte gekauft, die sie nicht durchschauten. Fitschens Rat an die Anleger: „Wenn Sie nicht verstehen, was Sie kaufen, tun Sie es nicht“. In Bezug auf den derzeitigen Boom der Aktienmärkte meinte er: „Man muss aufhören zu tanzen, bevor die Musik zu Ende ist.“

Beim Thema Bonuszahlungen für Manager zeigte Stefan Aust durchaus Verständnis dafür, dass diejenigen, die Großes leisten, auch mehr Geld bekommen sollen. Aust: „Alle reden über die Manager, aber nicht über die Eigentümer, die sich noch mehr Geld in die Tasche stecken.“ Jürgen Fitschen ist skeptisch: „Die Gesellschaft akzeptiert die hohen Managergehälter nicht mehr.“

Je länger der Abend, desto mehr Fitschen: Der Bank-Chef war der klare Hauptdarsteller der Debatte. Fitschen referierte im Stil eines Volkswirtschaft-Professors über die Probleme der Weltwirtschaft („Die Staaten sind alle überschuldet“), die Probleme in Europa („Der Staat hat zu großen Einfluss“) und über die aktuelle Euro-Krise. Stefan Aust versuchte, mit Fragen zu kitzeln: „Ist unser Geld für Griechenland nicht in erster Linie Geld für die Banken, die Griechenland Geld geliehen haben?“ Fitschens Antwort: „Klingt gut, ist aber daneben.“ Wo tickt die nächste Zeitbombe? „Wenn das Wachstum in China zurückgeht, hat die Welt ein Problem.“ Auch das Verhältnis China – Japan könnte problematisch werden. Zudem sei die Finanzkrise in den USA nicht gelöst.

Zum Journalismus: „Man muss von den Journalisten verlangen können, dass sie schreiben, was stimmt“, sagt Stefan Aust, der angesichts der Entwicklung im Internet eine immer größere Abkehr von den geltenden Regeln des Journalismus bemerkt.

Jürgen Fitschen brach eine Lanze für den Journalismus, auch wenn manchmal mehr über ihn berichtet werde, als ihm recht sei: „Es wäre traurig wenn die Journalisten kein Interesse an der Deutschen Bank mehr hätten.“

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