Zurück zu den Anfängen – nie war der Satz richtiger: Stefan Aust
und Jürgen Fitschen kamen am Freitag zurück, in die Schule, in der
sie einst die Grundlagen für ihre Karriere gelernt haben. Beide
kennen sich seit den 60er Jahren, der Ex-Spiegel-Chef und der
amtierende Chef der Deutschen Bank, die beim Rundgang durch das
Athenaeum in Stade mehrere Aha-Erlebnisse hatten.
„Das war schon immer eine richtige Schule und nicht so 'ne Krücke
wie bei Euch“, rief Stefan Aust seiner Tochter zu, die in
Blankenese unterrichtet wird. Die beiden prominenten Gäste gingen
beim Gang durch ihre alte Schule sehr freundschaftlich miteinander
um, allerdings weniger aus der Historie. „Ich habe mich früher halt
immer ein bisschen wichtig gemacht“, erzählt Aust, der Mitte der
sechziger Jahre die Schülerzeitung „Wir“ verlegte. „Deswegen kannte
ich ihn, er mich nicht“, sagt Fitschen, der ein Jahrgang unter Aust
unterrichtet wurde. Erst durch das gemeinsame Hobby der Reiterei
sind die beiden Protagonisten sich in den vergangenen Jahren näher
gekommen.
Beide hatten nie den Kontakt in den Landkreis verloren. „Die Heimat
ist geblieben“, sagt Fitschen, der längst in Frankfurt wohnt, aber
auch noch in Hollenbeck ein Haus hat. Aust bewirtschaftet nebenbei
ein Gut in Lamstedt.
Der Blick zurück: Stefan Aust hat seine Karriere letztlich dem
Athenaeum zu verdanken, denn seine erste Anstellung war bei
„konkret“, einer linken Illustrierte, die von Klaus Rainer Röhl
verlegt wurde, einem ehemaligen Mitschüler am Athenaeum, der mit
der späteren RAF-Terroristin Ulrike Meinhof verheiratet war. Nach
seiner erfolgreichen Spiegel-Zeit ist Aust mit 60 Jahre in eine
Medien-Agentur eingestiegen. „Ich wollte immer Unternehmer werden.“
Dass er früher eher der Rebell unter den Schülern war, belegte er
mit einer Anekdote: Er sei wohl der einzige Schüler gewesen, der
einem Ritterkreuzträger eine Ohrfeige gegeben hat, weil der ihn zu
sehr genervt hatte. Der Lehrer war später General und vor wenigen
Jahren Gast bei seinem 60. Geburtstag. „Da hat er sich
entschuldigt“, meinte Aust, der in der Erinnerung sehr löblich über
das Athe spricht, auch wenn er da in den sechziger Jahren Lehrer
erlebt habe, über deren Vergangenheit im 3. Reich lieber nicht so
viel bekannt sein sollte.
Jürgen Fitschen dagegen sieht in seinem heutigen Job als Chef der
Deutschen Bank keinen Berührungspunkt zum Athenaeum. „Ich wusste
nach der Schule überhaupt nicht, was ich werden sollte.“
Karriereplanung? „Das habe ich nie gemacht.“ Er hat erst
Außenhandelskaufmann gelernt, dann studiert und dann erst kam der
erste Job bei der Bank. „Ich würde jungen Leuten immer raten, die
Karriere nicht zu stramm zu planen.“ Seine Tipps für den Erfolg:
„Ich bin zehnmal umgezogen.“ Sein weiterer Ratschlag: „Außerdem
sollten sie keine Angst haben, etwas zu tun, was man korrigieren
muss.“ Aust hatte für alle anwesenden Schüler eine ermunternde
Perspektive parat: „Es ist schon mal gut, dass sie am Athenaeum
sind.“
Deutsche-Bank-Vorstandschef Jürgen Fitschen und
„Spiegel“-Ex-Chefredakteur Stefan Aust
zurück im Athenaeum in Stade
(so erschienen im Stader Tageblatt am 13.04.13)

Stefan Aust
Stefan Aust wurde 1946 in Stade geboren. Nach dem Abitur am
Athenaeum studierte er wenige Wochen lang Soziologie. Von 1966 bis
1969 arbeitete Aust als Redakteur bei der Zeitung „konkret“ sowie
den „St. Pauli-Nachrichten“. 1970 wurde er Mitarbeiter des NDR. Von
1972 bis 1986 wirkte er bei „Panorama“. Aust erschrieb sich in der
Branche vor allem einen guten Namen durch Artikel und Bücher über
die Rote Armee Fraktion. 1994 wurde er Chefredakteur beim
Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Sein Vertrag wurde 2008
aufgelöst. Seither arbeitet der Pferdenarr als freier Autor (unter
anderem bei der „Zeit“) und als Unternehmer in einer Medienagentur.
Jürgen Fitschen
Der in Harsefeld geborene Jürgen Fitschen ist Co-Vorsitzender des
Vorstands der Deutschen Bank AG. Gemeinsam mit Anshu Jain hat er
seit dem 1. Juni 2012 den Vorstandsvorsitz und damit die Nachfolge
von Josef Ackermann angetreten. Seit 1986 arbeitet der heute
64-Jährige bei den Bankern in Frankfurt, lange war er im
Asiengeschäft tätig. Nach mehreren Top-Positionen kam Jürgen
Fitschen 2009 in den DB-Vorstand. Fitschen wuchs in Hollenbeck bei
Harsefeld auf und machte 1966 am Athenaeum Stade sein Abitur. Nach
der Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann studierte er
Wirtschaftswissenschaften in Hamburg.

Am Freitagabend diskutierten Stefan Aust und Jürgen Fitschen in der
vollen Aula des Athenaeums vor Schülern, Eltern und Gästen über die
Rolle der Banken bei der Finanzkrise und die gegenwärtigen Probleme
der Weltwirtschaft und am Rande auch über den Journalismus.
„Den einen Grund für die Finanzkrise gibt es nicht“, sagt Jürgen
Fitschen. Die Hauptursache sieht er in der Politik der USA, die den
alten Gedanken aufgelegt habe, jeder Amerikaner sollte sein eigenes
Haus besitzen, auch wenn das jeweilige Einkommen dies oft nicht
gerechtfertigt habe. Das sei keine Idee der Banken gewesen. Erst
danach hätten die Banken die unrühmliche Rolle gespielt und die
schlechten amerikanischen Kredite in neue Produkte in Europa
angelegt. „Ich leugne nicht, dass die Investmentbanken eine
Mitschuld haben“, sagte Fitschen.
„Liegt die Schuld nicht bei den Bankberatern, die den Kunden nicht
ausreichend beraten haben“, wollte Moderator Peter von Allwörden
(TAGEBLATT-Lokalchef Stade) wissen. „Zum Teil“, gestand Fitschen
zu: „Die Banker müssen besser beraten und nicht nur die Produkte
anbieten, an denen sie das Meiste verdienen.“ Gleichzeitig
erinnerte der Deutsche-Bank-Chef an die Euphorie der Kunden, die im
Höhenflug der Märkte möglichst viel Geld anlegen wollten. Sie
hätten komplizierte Produkte gekauft, die sie nicht durchschauten.
Fitschens Rat an die Anleger: „Wenn Sie nicht verstehen, was Sie
kaufen, tun Sie es nicht“. In Bezug auf den derzeitigen Boom der
Aktienmärkte meinte er: „Man muss aufhören zu tanzen, bevor die
Musik zu Ende ist.“
Beim Thema Bonuszahlungen für Manager zeigte Stefan Aust durchaus
Verständnis dafür, dass diejenigen, die Großes leisten, auch mehr
Geld bekommen sollen. Aust: „Alle reden über die Manager, aber
nicht über die Eigentümer, die sich noch mehr Geld in die Tasche
stecken.“ Jürgen Fitschen ist skeptisch: „Die Gesellschaft
akzeptiert die hohen Managergehälter nicht mehr.“
Je länger der Abend, desto mehr Fitschen: Der Bank-Chef war der
klare Hauptdarsteller der Debatte. Fitschen referierte im Stil
eines Volkswirtschaft-Professors über die Probleme der
Weltwirtschaft („Die Staaten sind alle überschuldet“), die Probleme
in Europa („Der Staat hat zu großen Einfluss“) und über die
aktuelle Euro-Krise. Stefan Aust versuchte, mit Fragen zu kitzeln:
„Ist unser Geld für Griechenland nicht in erster Linie Geld für die
Banken, die Griechenland Geld geliehen haben?“ Fitschens Antwort:
„Klingt gut, ist aber daneben.“ Wo tickt die nächste Zeitbombe?
„Wenn das Wachstum in China zurückgeht, hat die Welt ein Problem.“
Auch das Verhältnis China – Japan könnte problematisch werden.
Zudem sei die Finanzkrise in den USA nicht gelöst.
Zum Journalismus: „Man muss von den Journalisten verlangen können,
dass sie schreiben, was stimmt“, sagt Stefan Aust, der angesichts
der Entwicklung im Internet eine immer größere Abkehr von den
geltenden Regeln des Journalismus bemerkt.
Jürgen Fitschen brach eine Lanze für den Journalismus, auch wenn
manchmal mehr über ihn berichtet werde, als ihm recht sei: „Es wäre
traurig wenn die Journalisten kein Interesse an der Deutschen Bank
mehr hätten.“


