Schule bis zum Nachmittag, Hausaufgaben bis spät in die Nacht, kaum
Zeit für Freunde oder Hobbys, gestresste Schüler und genervte
Eltern: das Bild vom Abitur nach 12 Jahren, auch bekannt als G8,
könnte kaum negativer sein. Doch steht es um das „Turbo-Abi“
wirklich so schlecht?
Der Grundstein für das Abitur nach zwölf Jahren wurde bereits 1997
gelegt. In seiner berühmten „Ruck-Rede“ anlässlich der
Wiedereröffnung des Berliner Hotels Adlon forderte der damalige
Bundespräsident Roman Herzog eine Verkürzung der Schulzeit bis zum
Abitur. Vor allem vor dem Hintergrund des demografischen Wandels,
aber auch, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können,
bräuchte man jüngere Absolventen von Berufsausbildung oder Studium.
Schließlich seien deutsche Studenten im Vergleich relativ alt,
während die Absolventen in anderen Ländern schon mit 24 ihren
Universitätsabschluss in der Tasche hätten. Ein Jahr jüngere
Abiturienten würden auch ein Jahr früher anfangen, Geld zu
verdienen und damit die Sozialsysteme entlasten – So lautete die
Theorie. Herzog bezeichnete das zusätzliche Jahr Schule in der
erwähnten Rede gar als „gestohlene Lebenszeit“.
Fast alle Bundesländer stellen ihr Schulsystem daraufhin nach und
nach auf 12 Jahre um. Während die meisten Bundesländer ihre ersten
Erfahrungen mit G8 machten, war dies für einige eine sogar
Rückkehr: Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern
hatten Anfang der Neunziger Jahre G9 eingeführt, kehrten aber
zwischen 2003 und 2006 wieder zur verkürzten Schulzeit zurück.
Lediglich Rheinland-Pfalz blieb G9 durchgehend treu und bot ein
„Turbo-Abi“ nur an ausgewählten Schulen in einem Modellversuch an.
Landesweit konnte es sich nicht durchsetzten.
Es war nicht das erste Mal, dass in Deutschland an der Länge der
Schulzeit geschraubt wurde. Bereits im Nationalsozialismus kehrte
man 1936 dem Abitur nach 13 Jahren den Rücken, das zuvor in der
Weimarer Republik lange Zeit gegolten hatte. Auch hier spielte das
Alter der Schulabgänger eine entscheidende Rolle: Hinter der
Änderung steckte der Wunsch, die Wehrmacht mit jüngeren Soldaten
und Offizieren auszustatten. Die Kriegsvorbereitung, die das Regime
in diesen Jahren massiv vorantrieb, machte auch vor der Schule
nicht halt.
Danach war Deutschland nach dem Ende des zweiten Weltkriegs nicht
nur politisch, sondern in den Schulsystemen geteilt: Während man in
der Bundesrepublik sein Abitur nach 13 Jahren in der Tasche hatte,
setzte die DDR weiterhin auf das heute als „Turbo-Abi“ bekannte G8.
Dabei spielten nicht nur ideologische, sondern auch
bildungstheoretische Gründe eine Rolle. Dass die westdeutschen
Schüler vergleichsweise lange für ihre Reifeprüfung brauchten,
stieß bei vielen in der DDR auf Unverständnis. „Warum brauchen die
im Westen 13 Jahre bis zum Abitur, wir im Osten aber nur zwölf?“
„Weil im Westen ein Jahr Schauspielunterricht dabei war!“, lautete
beispielsweise in beliebter Witz, den man sich jenseits des
eisernen Vorhangs gerne erzählte.
Obwohl es sich durchgesetzt zu haben scheint, sonderlich beliebt
ist G8 unter Schülern, Eltern und Lehrern nicht: Demos, Petitionen
und Volksbegehren wenden sich gegen die verkürzte Schulzeit - das
Thema ist inzwischen zu einem wichtigen Aspekt der Landespolitik
aufgestiegen. Erstaunlicherweise bedienen sich die Gegner des
„Turbo-Abis“ dabei einer ganz ähnlichen Argumentation wie
Befürworter Herzog vor inzwischen über 18 Jahren. Die Schüler
wiederholten öfter die Klassen, hätten weniger Zeit für Hobbys oder
Freunde und fühlten sich insgesamt gestresster. G8 bringe den
Schülern vor allem eine „gestohlene Kindheit“. Zudem leide die
Studierfähigkeit der jüngeren Abiturienten unter der schnelleren
Schulausbildung.
Vor allem die Art und Weise, in der die Reform umgesetzt wurde,
stößt bei den G8-Gegnern auf Kritik: Die Umstellung auf die kürzere
Schulzeit sei überhastet angegangen worden. Anstatt den Lehrplan
der kürzeren Schulzeit anzupassen, sei der gleiche Unterrichtsstoff
lediglich auf 12 statt 13 Jahre verteilt worden. Auch eine Rückkehr
zum Abitur nach 13 Jahren gilt nicht als Allheilmittel. Viele
befürchten, dass eine Umstellung auf G9 erneut überhastet vollzogen
werden könnte. In Niedersachsen scheint genau das schon wieder
statt zu finden, denn kurzfristig wurde erneut auf G8 umgeschwenkt
und 2 Systeme laufen auch in unserer Schule nebeneinander her.
Das umstrittene Thema ist inzwischen Gegenstand zahlreicher Studien
geworden, die sich mit den Auswirkungen des „Turbo-Abis“ befassen.
Vergleicht man beispielsweise die Abiturnoten des Doppeljahrgänge
in den Bundesländern, kommt man auf keine eindeutigen Ergebnisse:
Mal sind die G8-Schüler im Vorteil, mal die G9-Schüler und mal
lassen sich keine signifikanten Unterschiede ausmachen. Und in
wieder anderen Ländern beziehen sich die Unterschiede nur auf
bestimmte Fächer. Auch hinsichtlich des Stresslevels der Schüler
scheiden sich die Geister: Während eine von „Spiegel Online“
zitierte Studie keine Unterschiede in Sachen Stressbelastung
ausmachen kann, kommt eine andere zu dem Ergebnis, dass vor allem
Mädchen durch G8 gestresster seien. Ein eindeutiges Ergebnis lässt
sich also nicht ausmachen.
Schließlich kommt es auch auf die individuellen Unterschiede
zwischen den Schülern an. Was der eine als Stress empfindet, ist
für den anderen überhaupt kein Problem. Ein Kompromiss könnte es
daher sein, die Schüler zwischen G8 und G9 wählen zu lassen, wie es
in einigen Bundesländern bereits der Fall ist. Das würde den
bildungspolitischen Streit zwar nicht beenden, aber vielleicht
etwas entschärfen.
Nachgedacht über...
...G8 - so schlecht wie sein Ruf?
von Julius Kamper (G8)



