Der 22. Mai 2015 – ein kleiner Schritt für die Wähler, aber ein
großer Schritt für Irlands Menschheit. Warum nur für Irlands
Menschheit? Dort wurde mit einer Volksabstimmung deutlich
entschieden, dass homosexuelle Paare von nun an dieselben Rechte
haben, wie heterosexuelle Paare! Obwohl Irland eigentlich als
weitgehend konservativ gilt und katholisch geprägt ist, setzt man
ein mehrheitliches Zeichen für Toleranz. Auch in Deutschland wird
nun wieder über die Einführung der Gleichstellung diskutiert.
Ist das ein Grund zur Freude? Ja, schon, oder?
Ich finde nicht.
Ein Blick auf die Menschenrechte lässt die Frage auftauchen: Warum
diese Abstimmung? Es ist alles klar geregelt!
Der Artikel 2 sagt:
„Jeder hat Anspruch auf alle in dieser Erklärung verkündeten Rechte
und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse,
Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder
sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen,
Geburt oder sonstigem Stand. “
Eine Abstimmung, ob homosexuelle dieselben Rechte wie
heterosexuelle Menschen verdient haben oder nicht, ist deswegen
meiner Meinung nach kein Grund zur Freude.
Das ist traurig. Denn es sollte eine absolute
Selbstverständlichkeit sein.
Nicht nur das Grundgesetz und die Menschenrechte sprechen eine
klare Sprache: 2008 und 2011 haben die Vereinten Nationen zwei
Erklärungen bezüglich der sexuellen Orientierung und
geschlechtlichen Identität verabschiedet. Diese wurden zwar nicht
von allen Staaten der Vereinten Nationen unterschrieben – von
Deutschland aber schon. Darauf beziehen sich auch erneute
Erklärungen der Europäischen Union ähnlichen Inhalts.
In einer dieser heißt es bereits im ersten Artikel:
„The EU is committed to the principle of the universality of human
rights and
reaffirms that cultural, traditional or religious values cannot be
invoked to justify any form of discrimination, including
discrimination against LGBTI persons”
[Zu Deutsch: „Die EU ist dem Prinzip der Allgemeingültigkeit der
Menschenrechte verpflichtet und bekräftigt, dass man sich nicht auf
kulturelle, traditionelle oder religiöse Werte berufen kann, um
irgendeine Form von Diskriminierung zu rechtfertigen, was die
Diskriminierung von LGBTI – Personen einschließt.“]
(„LGTBI-Persons“ steht für den englischen Begriff „Lesbian-, Gay-,
Transgender-, Bisexual- and Intersexual-Persons“.)
Trotz dieser scheinbar modernen, liberalen Haltung verschließt sich
die CDU jedoch weiter einer vollständigen Gleichstellung
homosexueller Paare. Die „Christlich-Demokratische Union“ scheint
ein Problem damit zu haben, dass man „religiöse Werte nicht berufen
kann, um irgendeine Form von Diskriminierung zu rechtfertigen“.
Ebenfalls ein Problem damit haben die Vertreter Jesu Christi auf
Erden.
„Ich bin sehr traurig über dieses Ergebnis […] Ich glaube, man kann
nicht nur von einer Niederlage der christlichen Prinzipien, sondern
von einer Niederlage für die Menschheit sprechen", sagte
Kardinal-Staatssektretär Pietro Parolin in Rom.
Bei diesen Worten laufen junge und öffentlich wirksame Personen wie
der Youtuber „LeFloid“, aber auch viele der großen Zeitungen Sturm.
Es erscheinen Artikel wie „Schwärzer als Irland“, „Vatikan nennt
Irlands Ja zur Homo-Ehe Niederlage für die Menschheit“ (ZEIT), „CDU
bremst Gleichstellung Homosexueller“ (Die Welt) oder
„Gleichstellung von Homo-Paaren: CDU bleibt stur“ (taz), die die
Konservativen der CDU und der katholischen Kirche in etwa so
positiv sehen, wie die Titel es verlauten lassen.
Und ist das nicht gerechtfertigt?
Jesus predigt, man solle „Gott lieben und seinen Nächsten wie sich
selbst“, denn jedes Lebewesen sei Gottes Schöpfung. In
Kirchenliedern für Kinder dichten Pfarrer „Wir wollen aufsteh’n,
aufeinander zugeh’n, voneinander lernen, miteinander umzugeh‘n.
Wir wollen aufsteh’n, aufeinander zugeh’n, und uns nicht entfernen,
wenn wir etwas nicht versteh’n!“ (Clemens Bittlinger)
Ist dieser Glaube tatsächlich das, was die konservative Seite von
CDU und Vatikan mit der Querstellung gegen die Gleichberechtigung
momentan ausdrücken?
Ich glaube nicht.
Allerdings ist auch Deutschland gespaltener Meinung. Der Großteil
der Deutschen ist für die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare.
Der kritische Punkt ist das mit der Ehe einhergehende
Adoptionsrecht.
"Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich mich schwertue mit der
kompletten Gleichstellung... Ich bin unsicher, was das Kindeswohl
anbelangt.", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel diesbezüglich.
Auch in Irland warben die Gegner der Gleichstellung vor dem
Volksentscheid mit dem Spruch „A child deserves a mother and a
father“ (zu Deutsch: „Ein Kind verdient eine Mutter und einen
Vater.“).
Jedoch ist dieses Familienmodell schon lange überholt, bei
alleinerziehenden Eltern oder Scheidungskindern muss sich auch
niemand um das Kindeswohl sorgen.
Aufgrund dessen wächst der Druck von außen auf die CDU.
Wahlergebnisse in den Städten und außerhalb des religiöser
geprägten Südwestens fallen zunehmend schlechter aus. Schon im
Koalitionsvertrag mit der SPD legte man sich auf eine
„Ähnlichstellung“ fest: Die gesetzliche Stellung von eingetragener
Lebenspartnerschaften soll der einer heterosexuellen Ehe angenähert
werden. Ein diplomatischer Versuch, das Adoptionsrecht auszusparen
und trotzdem „modernisierend“ zu wirken.
Im Angesicht dessen sollte man sich jedoch fragen: Ist es das, was
wir wollen?
Eine Annäherung, bei der wir aussuchen, welche Rechte Minderheiten
erhalten oder nicht?
In der Erklärung der Vereinten Nationen spricht man sich gegen
Diskriminierung in jeder Form aus, auch in dieser, einem Menschen
aufgrund der Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung
„ökonomische, soziale oder kulturelle Rechte zu entziehen“. Und
sind Ehe und Adoption nicht genau das? Soziale und kulturelle
Rechte?
Ökonomisch, steuerlich, ist unsere Politik offen für alle Menschen.
Was ist schon Geld?
Doch wie können Sie sich modern und tolerant nennen, wenn Sie
einigen Menschen immer noch die Möglichkeit einer eigenen Familie
verwehren?
Darum sage ich persönlich: Ja! zum Volksentscheid, Ja! zur
homosexuellen Ehe, Ja! zu homosexuellen Adoptiveltern und JA! zur
absoluten Gleichstellung aller Menschen.
„Viel zu lang schon rumgelegen, viel zu lang schon diskutiert, es
wird Zeit, sich zu bewegen, es wird Zeit, dass was passiert: Wir
wollen aufsteh’n, aufeinander zugeh’n, und uns nicht entfernen,
wenn wir etwas nicht versteh’n!“
Nachgedacht über...
...Irlands Abstimmung zur Gleichstellung
von Melina Umland



