Jeder Sportbereich hat unterschiedliche Facetten. Wenn ich
Ballspiele als Sportart nenne, werden Fußballer und Handballer,
Badmintonspieler und Volleyballmannschaften lautstark protestieren
und auf ihre Individualität bestehen – und sie haben recht. Nicht
einmal die Bälle sind in den Ballsportarten gleich – der beim
Federball ist ja noch nicht einmal rund. Turnerischer Sport kann
Kinder- oder Kunstturnen sein und beim Kunstturnen gibt es auch
nicht nur eine Disziplin. Genauso ist es bei der Leichtathletik –
niemand würde behaupten, dass ein hochbegabter 100-m-Sprinter und
ein olympischer Stabhochspringer dasselbe sind. Ich kann zwar
schwimmen aber trotzdem nicht kraulen.
Und genauso geht Kampfsport über Karate und Boxen hinaus. Wenn ich
jetzt als weitere Sportart Taekwondo aufführe, werden viele
vermutlich wissen, was ich meine, doch ich lehne mich jetzt einfach
mal weit mit der Behauptung aus dem Fenster, dass die wenigsten
etwas über Ju-Jutsu wissen.
Nachgedacht über...
...eine knallharte sanfte Kunst
von Melina Umland


Es gibt genau vier deutsch Kampfsportarten oder Kampfkünste,
nämlich zwei Arten des Ringens, die deutsche Fechtschule und eben
genanntes Ju–Jutsu, was übersetzt so viel wie „sanfte Kunst“
bedeutet.
Dieses ist dabei das einzige, welches ich zumindest, wenn ich es
sehe, wirklich mit Kampfsport in Verbindung bringen würde: Weiße
Anzüge wie man sie von anderen Kampfkünsten kennt, Gi genannt,
Gürtelfarben, die den Grad des Könnens kennzeichnen sollen,
Verbeugungen vor einem Wettkampf. Die doch recht unbekannte
Sportart stammt von Karate, Judo und der japanischen, vornehmend
auf Defensivtechniken beruhenden Kampfsportart Aikido ab und ist
eine moderne Art der Selbstverteidigung, welche man allerdings
genauso gut in Wettkämpfen praktizieren kann. Dort greift es
verschiedenste Techniken wie Würfe, Tritte, Schläge, Abwehr- und
Falltechniken, Hebel und Würgegriffe auf, wobei allerdings
außerhalb dieses kontrollierten Kräftemessens der Sportler auch
realistische Praktiken wie die Waffenabwehr, Notwehr,
Sicherungstechniken gelehrt. Durch die Zusammensetzung der
Wettkampftechniken wird ein Kampf bei einem Turnier in Part 1 –
Schlagen und Treten-, 2 – Werfen - und 3 – Bodentechniken -
geteilt.
Dabei gibt es zwei häufige Arten, einen Kampf zu gewinnen, nämlich
entweder nach drei Minuten Kampfzeit (bis fünfzehn Jahren nur zwei
Minuten) nach Punkten oder wenn man in jedem der drei Parts einen
so genannten „Ippon“ erhält, also durch „Full Ippon“ gewinnt. Es
gibt zwei Möglichkeiten für den Mattenkampfrichter und die beiden
Seitenkampfrichter, Punkte zu verteilen, zum einen den „Wazaari“,
welcher bei einer guten Technik vergeben wird und ganz einfach ein
Punkt ist, und den eben erwähnten „Ippon“, welcher bei einer nahezu
perfekt ausgeführten Technik vergeben wird und zwei Punkte zählt.
Was mir niemand so wirklich erklären konnte, ist, warum jemand bei
„Full Ippon“ automatisch mit dem Punktestand 14:0 gewinnt. Die
Punkte des Gegners werden nichtig, aber egal wie man die drei
Ippons zählt, ich komme nicht auf 14.
Aber gut, lassen wir dieses Rätsel ruhen. Möglicherweise kann es
mir irgendwann ein Historiker oder ein Mathematiker beantworten,
denn auch wenn die Wettkämpfer sich im Ju-Jutsu unter anderem im
Bereich des Leistungssportes bewegen, kann jeder Ju-Jutsu machen.
Auch, wenn er bereits 59 ist und sein Leben lang nur im Büro saß,
Selbstverteidigungstechniken kann er trotzdem erlernen und auch
seine Gesundheit und Fitness kann er durch schonendes Training
verbessern.

Dabei werden Ju-Jutsukas gemeinhin auch als Zehnkämpfer unter den
Kampfsportlern bezeichnet, da die Techniken vielseitig aus mehreren
Bereichen übernommen und weitergeführt werden.
Dies alles habe ich mir überwiegend am 22.03. zur
Landeseinzelmeisterschaft im Ju-Jutsu in Celle erklären lassen (da
ich vorher nicht wirklich viel begriffen habe). Dort traten fast
180 Kämpfer aus 30 verschiedenen Vereinen an, um die besten
Ju-Jutsukas des Landes Niedersachsen in ihren unterschiedlichen
Gewichts- und Altersklassen zu ermitteln.
Dabei habe ich mich bereits am Anfang ziemlich erschrocken, als
auch die Kinder bereits ohne Probleme dem kämpferischen Sport
nachgingen, zwar geschützt von unterschiedlicher Ausrüstung jeweils
in den Farben rot oder blau und von den wachsamen Augen der
Mattenkampfrichter überwacht, die beispielsweise gerades Treten zum
Kopf mit Strafpunkten ahnden, aber nichts desto Trotz mit
überraschendem Disziplin und Ehrgeiz.
Die Tradition bieten dem ganzen allerdings weitere Grenzen, wie die
Höflichkeitsregel, sich in Verletzungspausen des Gegners umzudrehen
und wegzuschauen, und die grundlegende Lehre von Respekt für seinen
Gegenüber.
Im Endeffekt gab es keine schweren Verletzungen und nach einer
Reihe von Erklärungen, wie den unterschiedlichen Handzeichen der
Mattenkampfrichter, selbst für Außenstehende wie mich doch
überraschend spannende Kämpfe zu verfolgen, bei denen auch
reichlich mitgefiebert und lautstark angefeuert wurde – sowohl von
der Familie als auch von gemeinschaftlichen Freunden und Rivalen.



