Wer das Nachmittagsprogramm bestimmter Privatsender einschaltet,
der kommt an ihnen nicht vorbei: Scripted-Reality-Serien. Diese
billig zu produzierenden Sendungen, die im dokumentarischen Stil
Vorurteile, vor allem über sozial schwache Gruppen, bedienen, haben
in den letzten Jahren einen Siegeszug in den Privatsendern
begonnen, dessen Ende noch gar nicht abzusehen ist. Für die
Fernsehsender ist dies ein gutes Geschäft, denn mit
Scripted-Reality lässt sich gutes Geld verdienen.
Die Storys, die in den Serien Nachmittag für Nachtmittag erzählt
werden, gleichen sich alle mehr oder weniger. Vertreter sozial
schwacher Schichten, egal ob Hartz IV–Empfänger auf Jobsuche,
Übergewichtige auf der Suche nach der Liebe oder schwangere
Teenager, sie alle passen perfekt in dieses Format und zu den
unrealistischen und absurden Geschichten, die in den 45 Minuten
langen Folgen behandelt werden. Die Handlung ist nicht aufwendig,
kompliziert oder gar anspruchsvoll, sondern einfach und leicht
verständlich gestaltet. Dabei werden oft die gängigen Klischees
bedient, wodurch dem Zuschauer ein Gefühl der Überlegenheit
gegenüber den gezeigten Figuren gegeben wird. Egal, wie mies das
eigene Leben läuft, dem Arbeitslosen, der mit Mitte 30 immer noch
bei Mutti wohnt, geht es noch schlechter. Das Elend anderer Leute
schauen sich viele Zuschauer offensichtlich gerne an, was die guten
Quoten und Marktanteile beweisen.
Und obwohl der dokumentarische Stil dieser Sendungen einem das
Gegenteil vorgaukelt, ist nicht mehr viel Wahres dran an
Scripted-Reality. Denn die Personen, die dort auftauchen, sind
gecastete Laiendarsteller, die man im Gegensatz zu teuren
Schauspielern mit einigen hundert Euro Gage pro Drehtag abspeisen
kann. Als Kulisse dient die Wohnung beziehungsweise das Haus der
Darsteller, ein teures Studio ist somit ebenso wenig notwendig wie
ein großes Dreh-Team. Einen Kameramann, einen für den Ton und einen
für das Licht, mehr wird nicht gebraucht. Auch die
Persönlichkeitsrechte, die bei richtigen Personen ein Problem
wären, müssen nicht beachtet werden, denn alles, was passiert,
jeder Fluch der Hartz IV–Mutter und jeder angebliche Streit steht
im Drehbuch. Ein kleiner Hinweis am Anfang und am Ende jeder
Ausgabe weist darauf hin, dass „alle Fälle frei erfunden“ seien.
Doch auch erfundenes Elend scheint attraktiv zu sein.
Für die Fernsehsender ist dies ein gutes Geschäft, denn neben den
niedrigen Produktionskosten und dem geringen Aufwand hat
Scripted-Reality noch einen weiteren Vorteil: Täglich schauen
Millionen von Menschen zu, was die Werbeplätze am Nachmittag
begehrt und damit teuer macht. Außerdem fallen diese Serien in den
Bereich der „seichten Unterhaltung“, die für die Werbewirtschaft
besonders attraktiv ist.
Nun kann man das böse Fernsehen verteufeln, das Personen bloßstellt
und ihre Geschichten in oft übertriebener Art und Weise
ausschlachtet, egal ob diese nun echt sind oder nicht, anstatt in
gute Eigenproduktionen zu investieren. Doch solange es genug
Zuschauer gibt, die jeden Tag einschalten, werden auch solche
Serien weiter produziert. Quoten und Marktanteile bestimmen
schließlich, was läuft. Die Fernsehanstalten senden das, was viele
Leute sehen wollen. Und wer kann ihnen das verübeln?
Nachgedacht über...
...gescripteten Erfolg der Reality-Serien
von Julius Kamper



