Schon seit Monaten zieht sich die Krise in der Ukraine hin. Sie
wurde zu einem Topthema für die wichtigsten Politiker der Welt -
Die öffentliche Meinung wurde polarisiert und gespalten. Doch wie
entwickelte sich die Krise im Einzelnen? Ich werde versuchen den
zeitlichen Ablauf darzustellen und zugleich noch ein wenig die
Hintergründe zu beleuchten.
Begonnen hat alles mit den Protesten auf dem Maidan-Platz. Zuerst
wollten die Protestler nur, dass das Assoziierungsabkommen mit der
europäischen Union unterzeichnet wird. Dieses wurde zwischen der
Regierung der Ukraine und der EU ausgehandelt und sollte
insbesondere eine Freihandelszone einrichten und Standards
angleichen. Auch in einigen politischen Bereichen wie der
Außenpolitik, Grundrechtsfragen und der Bekämpfung der Korruption
sollten die Ukraine und die EU zusammenarbeiten. Die Vorbereitungen
der Ratifizierung des Vertrags wurden jedoch am 21. November 2013
durch einen Erlass des damaligem Präsidenten Wiktor Janukowitsch
abgebrochen. Daraufhin protestierten etwa 2000 Menschen auf dem
Maidan, dem zentralem Platz der Hauptstadt Kiew. Organisiert wurde
der Protest vor allem über soziale Netzwerke. Die meisten
Demonstranten waren dabei unter 25 Jahre alt. Die Anzahl der
Demonstranten wuchs trotz drohendem Ausschluss von der Universität
auf 10.000 Menschen. Als am 29. 11. 2013 bekannt wurde, dass das
Assoziierungsabkommen nicht unterzeichnet wurde, kamen Zehntausende
zu den Protesten. Auch in anderen Städten kam es zu Protesten.
Oppositionspolitiker riefen zu friedlichen Protesten gegen die
Regierung auf und forderten deren Rücktritt. Darunter waren Arsenij
Jazenjuk von der „Vaterlandspartei“, der Julia Timoschenko
angehört, Vitali Klitschko von der liberalen und proeuropäischen
„UDAR“ (steht für „Ukrainische demokratische Allianz für Reformen“
und heißt auf ukrainisch Schlag) sowie Oleh Tjahnybok von der
nationalistischen „allukrainischen Vereinigung Swoboda“(Freiheit).
Aufgrund der Teilnahme von Swoboda und anderen Nationalisten wurde
die gesamte Maidanbewegung als nationalistisch bis faschistisch
betrachtet. Doch das wirkt eher unwahrscheinlich, da die
Demonstrationen erst nach der Nichtunterzeichnung des
Assoziierungsabkommens begannen. Die EU stellt für die Menschen in
der Ukraine ein Vorbild für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit dar.
Die Ukraine hat immer noch mit demokratischen Defiziten und einer
grassierenden Korruption zu kämpfen. Dagegen begehrte die
Maidanbewegung auf. Die Nationalisten waren dabei, sind allerdings
eher eine Minderheit.
In der Nacht auf den 30. 11. 13 griff die Spezialeinheit Berkut
Demonstranten auf dem Maidan an. 80 Menschen wurden verletzt.
Einige Demonstranten begannen daraufhin
„Selbstverteidigungseinheiten“ zu gründen. Am Abend darauf kam es
zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und
Demonstranten, obwohl einige Oppositionsführer zu friedlichen
Protesten aufriefen. Die Proteste und Kämpfe zwischen den
Demonstranten und der Polizei gingen auch in den darauf folgenden
Wochen weiter. Am 18. 2. 14 kam es wieder zu Ausschreitungen. Diese
setzten sich trotz eines Waffenstillstandes auch am 20. 2. fort. Es
kam auch zu Schafschützenangriffen. Am 21. 2. wurde ein Abkommen
zwischen Regierung und Opposition unter Vermittlung des deutschen
Außenministers Frank-Walter Steinmeier (SPD) und seines polnischen
Amtskollegen Radoslaw Sikorski unterzeichnet. Demnach sollte
innerhalb von zwei Tagen die Verfassung von 2004 eingeführt werden.
Die Verfassung sollte reformiert werden und nach Annahme der
reformierten Verfassung sollte eine vorgezogene
Präsidentschaftswahl stattfinden.
Viele Demonstranten erkannten dieses Abkommen nicht an und
forderten weiterhin den sofortigen Rücktritt des Präsidenten. In
der Nacht nach dem Vertragsabschluss floh Janukowitsch aus der
Ukraine nach Russland. Das Parlament setzte ihn infolge dessen ohne
Gegenstimme ab. Diese Absetzung ist umstritten, denn rein
juristisch war die Amtsenthebung von Janukowitsch durch einen
einfachen Parlamentsbeschluss nicht gültig. In revolutionären
Zeiten spielt es aber eine eher geringe Rolle, ob die
Machtübernahme juristisch zu rechtfertigen ist. Nachdem
Janukowitsch geflohen war, schlugen sich die Behörden auf Seiten
der Demonstranten. Olexandr Turtschynow von der Partei „Vaterland“
der früher inhaftierten Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko
wurde Übergangspräsident. Julia Timoschenko kam frei.
Das Parlament beschloss daraufhin ein Gesetz, das die russische
Sprache als zweite Amtssprache abschaffen sollte. Die russische
Minderheit empfand das Gesetz als Provokation. Der
Übergangspräsident legte zwar sein Veto ein, aber der Schaden war
bereits angerichtet.
Der nächste Konflikt brach auf der Krim aus. Die Krim hat mehrmals
ihre politische Zugehörigkeit gewechselt. Im russisch-türkischen
Krieg (1768-1774) wechselte die Krim in russische Herrschaft. Nach
der Gründung der Sowjetunion 1922 war die Krim erst einmal ein Teil
der russischen Sowjetrepublik. 1954 hat der Generalsekretär der
herrschenden Partei Nikita Chruschtschow die Krim an die Ukraine
übergeben. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieb die Krim
bei der Ukraine. Doch es lebten viele Menschen russischer
Abstammung auf der Krim.
Nach der Bildung der Übergangsregierung kam es zu ersten Protesten
auf der Krim. Später bildeten sich sogenannte
„Selbstverteidigungskräfte“ aus der prorussischen Bevölkerung, die
ein Referendum über die staatliche Zugehörigkeit verlangten. Sie
besetzten am 27.2.14 das Parlament der Krim. Dieser Antrag wurde
vom regionalem Parlament in einer Notfallsitzung angenommen. Auch
waren keine Pressevertreter im Parlament und nur von Aksjonov, dem
selbsternannten Leiter der „Selbstverteidigungskräfte“ von der
„Russischen Einheitspartei“, eingeladene Politiker waren
zugelassen. Einige Parlamentarier, die an der Abstimmung
teilgenommen haben sollen, waren nach eigenen Angaben nicht vor
Ort. Deshalb ist zweifelhaft, ob das Quorum von 51 Abgeordneten
erfüllt wurde und ob die Entscheidung damit rechtmäßig ist. Die
Übergangsregierung der Ukraine meinte, dass die Ereignisse von
russischen Truppen initiiert wurden. Die russische Regierung
bestreitet dies. Am 1. März hat der russische Föderationsrat
(Vertretung der russischen Regionaleinheiten) russische
Interventionen auf der Krim gebilligt. Nach Berichten der
Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ haben die
prorussischen Milizen Angriffe auf Zivilpersonen und Journalisten
unternommen. Im März wurden auch russische Truppen auf der Krim
eingesetzt wie Präsident Putin am 16. April 14 zugab.
Am 16. März fand das Referendum statt. Die Wahlbeteiligung war laut
den Organisatoren bei 83% und hat ein Ergebnis von 95% für den
Beitritt zur russischen Föderation ergeben. Die UN-Vollversammlung
hat das Referendum als ungültig bezeichnet und auch Putins
Menschenrechtsrat, ein beratendes Gremium des russischen
Präsidenten, hat die Wahl als gefälscht bestätigt. Nach dem
Referendum hat die europäische Union erste Sanktionen wie
Einreisesperren für Politiker und Militärs und das Einfrieren von
Konten beschlossen. Die Sanktionen wurden seitdem verschärft, aber
wirtschaftliche Sanktionen wurden nicht beschlossen. Auch die USA
beschloss Sanktionen. Russland hat die Halbinsel daraufhin in sein
Land integriert.
Im Osten haben die Separatisten sehr bald unabhängige
„Volksrepubliken“ in Donezk, Slawjansk und Lugansk ausgerufen. Die
Regierung der Ukraine hat angekündigt, eine Abspaltung nicht
zuzulassen. Anfang April wurden die Proteste zunehmend
militarisiert. Die Separatisten waren gut bewaffnet und
ausgestattet, was auf Unterstützung von außen und vermutlich aus
Russland schließen lässt, und fingen an, die Verwaltungsgebäude zu
besetzen. Die Regierung in Kiew hat einen „Anti-Terror-Einsatz“
gegen die Separatisten gestartet. Doch sämtliche Versuche, mit
militärischen Mitteln der Lage Herr zu werden, sind gescheitert.
Entweder hielten Zivilisten die Panzer auf oder die Besatzung der
Panzer hat kampflos aufgegeben. Es kam zu schweren
Auseinandersetzungen zwischen der Zentralregierung und mit ihr
verbündeter Milizen des „Rechten Sektors“ auf der einen und die
pro-russischen Milizen auf der anderen Seite in denen insgesamt
wohl Hunderte starben. Trotz mehreren Versuchen auch äußerer
Parteien wie die USA, die EU oder Russlands konnte lange kein
anhaltender Waffenstillstand erreicht werden.
Alle drei Mächte haben Interessen in der Ukraine. Die USA ist die
einzige Weltmacht heutzutage, die EU ist eine mit ihr verbündete
Regionalmacht, die in Bezug auf die Ukraine dieselben Interessen
verfolgt. Russland ist dagegen eine Regionalmacht, die den beiden
entgegegerichtet ist. Die Ukraine liegt genau an der Grenze
zwischen den Einflusssphären der Großmächte. Beide Blöcke wollen
die Ukraine eingliedern. Da die Maidanbewegung westlich orientiert
ist, liegt es im Interesse des westlichen Blocks, dass die
Maidanbewegung die Macht über eine ungeteilte Ukraine bekommt.
Russland dagegen hat durch die Machtübernahme verloren, da
Janukowitsch eher pro-russisch war. Die Annexion der Krim und die
Abspaltung des Ostens durch pro-russische Separatisten liegt daher
in Russlands Interesse. Der Konflikt besteht also nicht nur in dem
innenpolitischem Konflikt, sondern auch in dem Konflikt um die
Vergrößerung der Einflusssphäre zwischen den Blöcken.
Am 11. Mai haben die Separatisten schließlich trotz internationaler
Proteste und des Versuchs Putins, es zu verhindern, ein Referendum
über die Unabhängigkeit abgehalten. Sie meldeten sowohl hohe
Wahlbeteiligung als auch viel Zustimmung zur Unabhängigkeit. Doch
an dem Ergebnis kann gezweifelt werden. Es war möglich, seine
Stimme mehrmals abzugeben und eine unabhängige Aussage ist aufgrund
des Fehlens internationaler Wahlbeobachter nicht möglich. Das
Referendum wurde von Russland anerkannt. Die westlichen Länder
erkennen das Referendum dagegen nicht an und riefen die russische
Regierung wiederholt zu einer entspannenden Politik in Bezug auf
die Ukraine auf. Auch nach dem Referendum kam es zu weiteren
Konflikten zwischen Armee und Separatisten. Ab dem 13. Mai fand
wiederholt ein runder Tisch in Kiew statt, an dem Menschen aus dem
gesamten Land teilnehmen. Doch Vertreter der Separatisten waren
nicht vor Ort. Am 25. Mai fand die vorgezogene Präsidentschaftswahl
in der Ukraine statt. In einigen östlichen Wahlbezirken war die
Durchführung der Wahl nicht möglich, aber ansonsten fand sie
überall statt. Die Wahlbeteiligung lag bei 59,57% und der
Süßwarenfabrikant Petro Poroschenko hat 54,7% der Stimmen erhalten.
Er hat die absolute Mehrheit erhalten. Auch die russische Regierung
erkannte den Ausgang an.
Nebenbei sei bemerkt, dass in Kiew Vitali Klitschko Bürgermeister
wurde. Auch nach der Wahl gingen die Kämpfe weiter. Am 21. Juni
wurde von Präsident Poroschenko eine Waffenruhe für eine Woche
angekündigt. Doch sie wurde nicht verlängert und mittlerweile
startete die Regierung erneut ihren „Anti-Terror-Einsatz“. Die
Separatistenhochburg Slawjansk wurde am 5. 7. 14 vom ukrainischem
Militär erobert.
Der ukrainische Staat hat nach dem Ende der Sowjetunion 1991 mit
einer wirtschaftlichen Krise zu kämpfen gehabt. Eine DM brachte
1992 135 Kupons (ukrainische Währung), während man 1995 über
100.000 Kupons erhielt. 1996 wurde die Währung durch die Hrywnja
abgelöst. Die dringendsten Probleme wie die extreme Inflation oder
der Rückgang der Wirtschaftskraft wurden zwar überwunden, aber die
Ukraine gehört trotzdem zu den ärmeren Ländern Europas. Auch ist
die Ukraine hoch verschuldet. Ein großer Teil dieser Schulden
entstehen durch zu importierende Rohstoffe wie Gas. Genauso wie die
meisten europäischen Länder bezieht die Ukraine sein Gas vor allem
aus Russland. Die Europäische Union, die USA und der Internationale
Währungsfonds (IWF) haben Wirtschaftshilfen in Höhe von 27 Mrd.
Dollar in Aussicht gestellt. Dafür muss die Ukraine einen Sparkurs
einschlagen und Reformen durchführen. Dazu zählen die Entlassung
von Mitarbeitern der Verwaltung, Steuererhöhungen für Reiche und
Streichung von Subventionen.
Im Moment scheint ein Waffenstillstand überwiegend zu halten und es
werden sogar Gefangene ausgetauscht. Es bleibt zu hoffen, dass die
Krise nun diplomatisch überwunden werden kann.
Nachgedacht über...
...die Ukraine-Krise
von Michael Gisbrecht



