Am 22. September war die Bundestagswahl. Die Wahlbeteiligung ist
zwar leicht gestiegen, aber mit 71,5% blieb sie relativ niedrig.
Besonders bei jungen Menschen ist sie niedrig und ihnen wird
nachgesagt, kein Interesse an Politik zu haben. Ist es nur ein
Vorurteil oder sind Jugendliche wirklich politisch desinteressiert?
Jugendreporter Michael Gisbrecht berichtet.
Bei der letzten Bundestagswahl sind 71,5% der Wahlberechtigten zur
Wahl gegangen. Bei der Bundestagswahl 2009 waren es 70,8% der
Wahlberechtigten, die ihr Kreuz bei einer Partei machten. Das
klingt gar nicht so schlecht, aber in den Siebzigern stimmten über
90% der Bundesbürger ab. Deshalb haben viele Menschen, die in
dieser Zeit geboren wurden oder aufwuchsen, das Gefühl die Pflicht
zum Wählen zu haben. Bei den Jugendlichen heute ist das Interesse
am Wahlgang geringer. Bei der letzten Wahl haben 80% der
60-70jährigen gewählt, dabei haben sich 40% der 21-25jährigen nicht
an der Wahl beteiligt. Allerdings sind die, die heute am meisten
wählen, damals am häufigsten zu Hause geblieben: Es waren nur 83%,
in anderen Gruppen wählten fast 95%. Und bei allen Altersgruppen
sank die Wahlbeteiligung in den letzten Jahrzehnten.
Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dieser Hochzeit der
politischen Beteiligung und unserer heutigen Zeit. Damals gab es
politische Streitfragen, die die Nation polarisierten. 1968 gab es
in der BRD wie in vielen anderen Ländern Studentenproteste. Diese
Studenten und andere traten ein für Frieden, den Kampf gegen
Autorität und mehr sexuelle Freiheiten. In den Siebzigern waren
diese Forderungen ebenso wie die neue Ostpolitik von Willy Brandt
(SPD) wichtige Themen der Politik. Brandts Ostpolitik bestand
daraus, dass er die Länder des Ostblocks, die alle von
kommunistischen Parteien beherrscht waren, anerkennen und mit ihnen
freundschaftliche Beziehungen aufnehmen wollte. Damals ging es also
um die zentrale Frage, ob man diese Veränderungen wollte oder
nicht. Die erst unter Brandt und dann unter Schmidt regierende
sozial-liberale Koalition wurde von Befürwortern gewählt, während
die CDU/CSU viele Gegner dieser Veränderungen mobilisieren konnte.
Heute gibt es solche Streitfragen nicht. Es gibt in vielen Fragen
keine grundsätzlich unterschiedlichen Positionen. Es lassen sich
durchaus noch Unterschiede erkennen, aber die Wähler erkennen keine
klare Richtungsentscheidung. Es gibt kein kontroverses Streitthema,
das allgemein diskutiert wird.
Zur Erklärung der Nichtwahl gibt es im Prinzip zwei
Erklärungsmodelle:
Das eine ist, dass die Nichtwähler mit der Politik im Grunde
genommen zufrieden sind und keinen Änderungsbedarf sehen. Die
zweite Möglichkeit besagt, dass Nichtwähler mit dem politischem
System unzufrieden sind. Durch Statistiken lassen sich Differenzen
zwischen der Wahlbeteiligung bei unterschiedlichen Gruppierungen
feststellen. Dazu gehört der eben erwähnte Unterschied zwischen
Jung und Alt, aber auch zwischen Arm und Reich und zwischen
Menschen mit höherem und niedrigerem Bildungsgrad. Laut
Politikwissenschaftler Thorsten Faas im Auftrag des Bundesinstituts
für politische Bildung liegt es eher an der Politikverdrossenheit
und dem mangelndem Vertrauen in die Politiker, dass die Wähler zu
Hause bleiben. Bei Jugendlichen spielt auch noch die mangelnde
Parteibindung und die Abneigung gegen die Parteienhierarchie eine
Rolle. Dennoch interessieren sich viele Jugendliche für Politik.
Nur die Machtstruktur der etablierten Parteien übt keinen großen
Reiz auf Jugendliche aus.
Auch lässt sich ein Unterschied zwischen politischen Ebenen
feststellen. Bei der letzten Europawahl haben nur 43% der Menschen
ihre Stimme abgegeben. Auf Landesebene waren es 59,4% und auf
Kommunalebene 52,5%. Das liegt an der Präsens der jeweiligen Wahlen
in den Medien. Die Bundestagswahl war bundesweit in allen Medien
äußerst präsent und man hat viel über die Programme der Parteien
erfahren. Die Landtagswahlen werden eher am Rande behandelt,
abhängig von der bundespolitischen Bedeutung. In den
Regionalrundfunksendern besitzen sie zwar noch eine höhere Präsens,
aber die bundesweiten Sender haben eine höhere Einschaltquote und
vor allem private regionale Sender gibt es praktisch nicht. Über
das europäische Parlament hört man auch kaum etwas. Die Medien (mit
Ausnahme europäischer Sender wie Euronews) berichten kaum darüber
und selbst bei Entscheidungen auf europäischer Ebene besitzt das
europäische Parlament keine Befugnisse, wie sie nationale
Parlamente haben. Kommunalwahlen werden nur in Lokalzeitungen
behandelt und bleiben bei überregionalen Medien unbeachtet.
Nun will ich klären, wie man die Wahlbeteiligung erhöhen kann.
Eine Möglichkeit ist, den Wählern klare Alternativen anzubieten.
Daran fehlte es im vergangenen Wahlkampf. Das Wahlprogramm der
Union kann man plakativ mit den Wörtern „Angela Merkel“
beschreiben. Und die Opposition hat es nicht geschafft, ihre Themen
wirklich zur Geltung zu bringen. Viele Menschen haben nicht das
Gefühl, dass ihre Stimme wirklich etwas zählt. Das müsste man
ändern.
Aber auch im System gibt es kleinere Verbesserungsmöglichkeiten.
Die Parteien haben ein taktisches Interesse daran Stammwähler der
Gegner zu demobilisieren, damit sie zu Hause bleiben. Die Sitze der
Nichtwähler werden proportional zum Wahlergebnis unter den anderen
Parteien aufgeteilt. In der Weimarer Republik dagegen blieben die
eigentlich den Nichtwählern zugefallenen Mandate frei.
Aufgrund des anderen Wahlrechts könnte man die Nichtwähler nicht
von der Gesamtzahl der Wähler abziehen, sondern nur von den
Listenmandaten. Der neue Bundestag hätte statt 630 nur noch 536
Mandate (noch weniger bei Beachtung der nicht vertretenen
Parteien). Auch die Abhängigkeit der Parteienfinanzierung von der
Wahlbeteiligung wäre möglich. Eine Wahlpflicht wäre eine
Möglichkeit und hätte wohl allein mit ihrer Symbolkraft Resultate.
Natürlich müsste man über negative Sanktionen (Geldstrafen) oder
positive Anreize nachdenken. Und die Parteien müssten sich bemühen,
besonders bei den Jugendlichen Vertrauen wieder gut zu machen.
Und was bringt es nun zu wählen? Zuerst einmal legitimiert das
Wählen die demokratischen Entscheidungsprozesse und damit die
Demokratie selber. Insgesamt haben nur 44,2Mio. Menschen von
61,8Mio. Wahlberechtigten und 80,5Mio. hier lebenden gewählt. Das
schwächt die demokratische Legitimation erheblich. Daneben kommt
durch die Neigung zur Wahlenthaltung bei bestimmten Gruppen eine
Unterrepräsentation ebendieser Gruppen zustande. Und das sind vor
allem Jugendliche, sozial Schwache und Menschen mit geringem
Bildungsgrad. Dementsprechend werden von den Parteien besonders die
Interessen derjenigen vertreten, die mit einer gewissen
Wahrscheinlichkeit auch zur Wahl gehen. Und die
Unterrepräsentierten brauchen sich nicht zu wundern, wenn ihre
Wünsche nicht beachtet werden. Besonders bei den jungen Menschen
gibt es das Problem, dass viele Menschen mit politischem Interesse
noch nicht wählen dürfen. Damit die speziellen Wünsche der jungen
Generation Beachtung finden, müssen die Wahlberechtigten in dieser
Gruppe umso mehr wählen. Die Gruppe der 18-25-jährigen macht in
Deutschland fast 11% aus. Wenn alle dieser Altersgruppe wählen,
könnten sie also einer völlig neuen Partei ein zweistelliges
Ergebnis verschaffen.
Es zeigt sich, dass die niedrige Wahlbeteiligung bei den
Jugendlichen kein Indiz für generelles politisches Desinteresse
ist. Viel mehr haben sie ihr Vertrauen in die etablierten Parteien
verloren. Es scheint keine Möglichkeit zu geben auf die Regierung
einzuwirken. Und dort muss angesetzt werden. Demokratie ist mehr
als alle vier Jahre sein Kreuz machen zu dürfen, und auch
Jugendliche müssen das Recht und die Möglichkeiten haben, auf die
Politik Einfluss zu nehmen, ob über Nichtregierungsorganisationen,
Jugendorganisationen klassischer Parteien oder evtl. über Wahlen.
Dann werden sie sich dafür vermehrt interessieren und auch öfter an
Wahlen teilnehmen.
Nachgedacht über...
...geringe Wahlbeteiligung bei Jugendlichen



