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Nachgedacht über...

...Wie wird Wohlstand gemessen?

von Michael Gisbrecht

Der bisher übliche Maßstab zum Messen des Wohlstands ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Doch die OECD hat 2011 die erste Version ihres „Better Life Index“ veröffentlicht. Am 28. Mai des letzten Jahres wurde die dritte und vorerst letzte Version veröffentlicht. Doch ist ein neuer Indikator wirklich notwendig? Und vor allem: Wie soll Wohlstand gemessen werden?
Das BIP misst die Menge der produzierten Güter und der bereitgestellten Dienstleistungen pro Jahr. Damit das BIP aussagefähig bleibt, wird es durch die Bevölkerung eines Landes geteilt. Also erhält man die Menge an Gütern, die ein einzelner zur Verfügung hat. Je mehr Güter ein einzelner zur Verfügung hat, desto reicher ist er. Doch das BIP hat auch seine Mängel: So werden die sozialen Unterschiede in einer Gesellschaft nicht beachtet. Meistens gibt es Einkommensunterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsteilen. Häufig verdienen einzelne deutlich mehr an den Gütern als der Rest der Bevölkerung. Dadurch erreicht das BIP eine Höhe, die der Großteil der Bevölkerung nicht erreicht. Auch werden nur über den Markt gehandelte Güter berücksichtigt. Ein Altenpfleger trägt zum BIP bei, da er eine Dienstleistung bereitstellt – die Altenpflege. Wenn jemand seine Eltern privat pflegt, trägt das dagegen nicht zum BIP bei. Ein anderes Problem ist, dass das BIP nicht zwischen positiver und negativer Produktion unterscheidet. Eine Produktion von Kriegswaffen wird beispielsweise mit dem Anbau von Weizen gleichgesetzt. Dabei kommen Kriegswaffen der Gemeinschaft nicht zugute, da sie nicht konsumierbar sind und keine menschlichen Bedürfnisse erfüllen. Wenn sie ihrer Bestimmung gemäß eingesetzt werden, werden Menschen getötet. Die Produktion von Weizen ist da deutlich sinnvoller für das Wohl der Menschen, da mehr Menschen mit Nahrung versorgt werden. Ebenso werden negative Effekte, wie zum Beispiel Abfallentsorgung in der Natur, nicht berücksichtigt. Falls ein Unternehmen gegen Geld diesen Müll wieder entfernt, steigert diese erbrachte Dienstleistung das BIP. Trotz dieser „Fehler“ gibt es bislang keine Alternative zum BIP. Es gilt zudem als Erfolgsindikator für Regierungen. Diese werden dadurch zu einem möglichst hohem Wachstum in der Produktionsmenge angespornt. Umwelt und soziale Gerechtigkeit können leicht vernachlässigt werden, da sie nicht in dem Wert berücksichtigt werden. Und dabei ist das angestrebte Ziel noch nicht einmal wirklich zu erreichen. Die maximale Größe eines Wirtschaftszweiges oder einer Gesamtwirtschaft ist durch das Angebot an Rohstoffen und durch die Nachfrage nach diesen Gütern beschränkt. Wenn in einem Land 100.000 Tonnen Stahl gebraucht werden, aber nur Material für 50.000 Tonnen Stahl vorhanden ist, werden selbstverständlich nur 50.000 Tonnen produziert. Wenn im umgekehrten Fall für 100.000 Tonnen Material bereitsteht, aber nur 50.000 Tonnen gebraucht werden, werden ebenfalls nur 50.000 Tonnen produziert. Und in einer Gesellschaft, deren Bevölkerungszahl gleich bleibt, bleibt die Nachfrage auf einem gleichem Niveau. Denn ein Mensch kann nun einmal nur ein Paar Schuhe zugleich tragen, oder braucht auch nur eine bestimmte Menge an Nahrungsmittel. Deshalb werben die Unternehmen auch: Sie versuchen die Nachfrage künstlich nach oben zu treiben, damit sie mehr Güter verkaufen können. Aber trotzdem kann man die Nachfrage nicht unbeschränkt nach oben treiben, da einmal auch die Kaufkraft dazu steigen muss und auch die Konsumlust der Menschen irgendwann gesättigt ist. Deshalb ist die Ausrichtung der Wirtschaftspolitik auf unbeschränktes Wirtschaftswachstum nicht sinnvoll. Stattdessen ist eine Ausrichtung auf Bedürfnisbefriedigung sinnvoller.
Es gibt viele unterschiedliche Indikatoren mit unterschiedlichen Ansätzen, die versuchen den Wohlstand messbar zu machen. Es ist aus Platzgründen nicht möglich, jede einzelne Alternative zum BIP vorzustellen, weswegen ich mich auf einige wenige konzentrieren werde.
Eine jüngst vom OECD (=Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) vorgestellte Alternative ist der „Better Life Index“. Dieser versucht statt der Menge der produzierten Güter, die Zufriedenheit der Bevölkerung zu messen. Das geschieht mithilfe von elf unterschiedlichen Faktoren. Diese können unterschiedlich gewichtet werden, sodass der „Better Life Index“ und somit auch die Platzierung der Staaten sich verändern. Die unterschiedlichen Bewertungen können dann anonym den Entwicklern zugesendet werden. Mittlerweile wurden diese Ergebnisse auch bereits von der OECD veröffentlicht. Weltweit wurde der Bereich Gesundheit am Wichtigstem eingestuft, danach folgt der Bereich der Lebenszufriedenheit. In Deutschland wird die Lebenszufriedenheit höher als die Gesundheit bewertet. Auch ansonsten gibt es Unterschiede. In Japan wird die Sicherheit hoch bewertet, in Lateinamerika die Bildung oder in einigen europäischen Ländern hingegen die Umwelt. Die Frage nach dem „besten“ Land ist aber aufgrund dieser unterschiedlichen Gewichtung gar nicht so einfach. Zudem wurden nur für die OECD-Länder Russland und Brasilien die Indizes erstellt. Demnächst sollen aber auch andere große Volkswirtschaften, wie China und Indien bewertet werden. Wenn man alle Faktoren gleich bewertet, ist Australien auf dem erstem Rang. Deutschland ist auf Rang 14. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Staaten besser einschätzen können, auf welchen Gebieten Nachholbedarf besteht. Bei Deutschland ist der schlechteste Wert der für das Zivilengagement, der durch die Wahlbeteiligung bestimmt wird. Er beträgt nur 3,9 %. Vor allem der Abstand zwischen der Wahlbeteiligung der Reichen und der Armen ist mit 81% zu 59% relativ hoch. Auch bei dem Einkommen ist der Abstand beträchtlich: Das reichste Fünftel verdient viermal soviel wie das ärmste Fünftel.
Selbstverständlich ist auch der „Better Life Index“ nicht perfekt. Der Punkt Zivilengagement ist zum Beispiel nur in einer Demokratie anwendbar, da ansonsten entweder keine Wahlen stattfinden oder diese keine Rolle spielen. Auch der Unterschied zwischen Ländern mit und ohne Wahlpflicht stellt hier ein Problem dar. Auch ist der „Better Life Index“ eher für wohlhabende Länder geeignet. Im Bereich Bildung wird beispielsweise die Alphabetisierungsquote nicht beachtet. Stattdessen werden Schülerleistungen zu Rate gezogen, deren Benutzung voraussetzt, dass ein sehr großer Teil der Kinder zur Schule geht. Nicht gefragt wird dabei nach der Ernährungslage. Das liegt daran, dass vor allem wohlhabende Länder miteinander verglichen werden. Bei diesen ist der Unterschied bei der Alphabetisierung und bei der Ernährung eher gering. Deshalb würde es auch nicht viel Sinn machen, diese Faktoren zu verwenden. Doch trotz dieser Mängel ist der „Better Life Index“ besser für die Messung der Zufriedenheit und des Erfolgs einer Regierung geeignet als das BIP, da mehr als nur ein Faktor verwendet wird.
Da es nur eingeschränkt möglich ist, die ärmeren Länder mit dem „Better Life Index“ zu bewerten, sollte dort ein anderer Maßstab verwendet werden. Und tatsächlich gibt es einen anderen, nämlich den „Human Development Index“ (HDI). Dieser misst mithilfe des Bruttonationaleinkommens (vergleichbar mit dem BIP), der Bildungsqualität und der Lebenserwartung den Stand der menschlichen Entwicklung. Der bestmögliche Wert ist 1 und der schlimmstmögliche 0. Derzeit steht Norwegen mit einem Wert von 0,955 an erster Stelle. Deutschland steht auf Rang 4 mit 0,920 Punkten. Der Unterschied zwischen verschiedenen reichen Ländern ist also deutlich geringer als beim „Better Life Index“. Allerdings wird beim HDI die Qualität des sozialen Zusammenlebens, der Umwelt oder das Vertrauen in die demokratischen Institutionen nicht gemessen. Hier kann man ein grundlegendes Problem der Messung des Wohlstands oder des Glücks mit einer Zahl erkennen. Keine Zahl kann alles erfassen. Alle drei genannten Zahlen erfassen beispielsweise nicht auf direktem Wege die persönliche Freiheit oder die Nachhaltigkeit. Diese beiden Punkte sind für das (langfristige) Glück der Menschen sehr wichtig. Dafür gibt es dann jedoch wieder andere Messmethoden. Und deshalb sollen verschiedene Werte verwendet werden. Ein gewisser Wohlstand ist für Glück unabdingbar, weshalb auch das BIP beachtet werden muss. Dieses kann man versuchen abzuändern, damit es die Verursachung von Schäden nicht beinhaltet. Soziale Faktoren, wie eine gerechte Verteilung des Reichtums oder ökologische Aspekte, wie der Kohlenstoffdioxidausstoß (pro Kopf) sollten genauso verwendet werden, wie nicht messbare Faktoren. Dazu gehören die persönliche Freiheit oder die Qualität des Zusammenlebens.

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