Der bisher übliche Maßstab zum Messen des Wohlstands ist das
Bruttoinlandsprodukt (BIP). Doch die OECD hat 2011 die erste
Version ihres „Better Life Index“ veröffentlicht. Am 28. Mai des
letzten Jahres wurde die dritte und vorerst letzte Version
veröffentlicht. Doch ist ein neuer Indikator wirklich notwendig?
Und vor allem: Wie soll Wohlstand gemessen werden?
Das BIP misst die Menge der produzierten Güter und der
bereitgestellten Dienstleistungen pro Jahr. Damit das BIP
aussagefähig bleibt, wird es durch die Bevölkerung eines Landes
geteilt. Also erhält man die Menge an Gütern, die ein einzelner zur
Verfügung hat. Je mehr Güter ein einzelner zur Verfügung hat, desto
reicher ist er. Doch das BIP hat auch seine Mängel: So werden die
sozialen Unterschiede in einer Gesellschaft nicht beachtet.
Meistens gibt es Einkommensunterschiede zwischen verschiedenen
Bevölkerungsteilen. Häufig verdienen einzelne deutlich mehr an den
Gütern als der Rest der Bevölkerung. Dadurch erreicht das BIP eine
Höhe, die der Großteil der Bevölkerung nicht erreicht. Auch werden
nur über den Markt gehandelte Güter berücksichtigt. Ein
Altenpfleger trägt zum BIP bei, da er eine Dienstleistung
bereitstellt – die Altenpflege. Wenn jemand seine Eltern privat
pflegt, trägt das dagegen nicht zum BIP bei. Ein anderes Problem
ist, dass das BIP nicht zwischen positiver und negativer Produktion
unterscheidet. Eine Produktion von Kriegswaffen wird beispielsweise
mit dem Anbau von Weizen gleichgesetzt. Dabei kommen Kriegswaffen
der Gemeinschaft nicht zugute, da sie nicht konsumierbar sind und
keine menschlichen Bedürfnisse erfüllen. Wenn sie ihrer Bestimmung
gemäß eingesetzt werden, werden Menschen getötet. Die Produktion
von Weizen ist da deutlich sinnvoller für das Wohl der Menschen, da
mehr Menschen mit Nahrung versorgt werden. Ebenso werden negative
Effekte, wie zum Beispiel Abfallentsorgung in der Natur, nicht
berücksichtigt. Falls ein Unternehmen gegen Geld diesen Müll wieder
entfernt, steigert diese erbrachte Dienstleistung das BIP. Trotz
dieser „Fehler“ gibt es bislang keine Alternative zum BIP. Es gilt
zudem als Erfolgsindikator für Regierungen. Diese werden dadurch zu
einem möglichst hohem Wachstum in der Produktionsmenge angespornt.
Umwelt und soziale Gerechtigkeit können leicht vernachlässigt
werden, da sie nicht in dem Wert berücksichtigt werden. Und dabei
ist das angestrebte Ziel noch nicht einmal wirklich zu erreichen.
Die maximale Größe eines Wirtschaftszweiges oder einer
Gesamtwirtschaft ist durch das Angebot an Rohstoffen und durch die
Nachfrage nach diesen Gütern beschränkt. Wenn in einem Land 100.000
Tonnen Stahl gebraucht werden, aber nur Material für 50.000 Tonnen
Stahl vorhanden ist, werden selbstverständlich nur 50.000 Tonnen
produziert. Wenn im umgekehrten Fall für 100.000 Tonnen Material
bereitsteht, aber nur 50.000 Tonnen gebraucht werden, werden
ebenfalls nur 50.000 Tonnen produziert. Und in einer Gesellschaft,
deren Bevölkerungszahl gleich bleibt, bleibt die Nachfrage auf
einem gleichem Niveau. Denn ein Mensch kann nun einmal nur ein Paar
Schuhe zugleich tragen, oder braucht auch nur eine bestimmte Menge
an Nahrungsmittel. Deshalb werben die Unternehmen auch: Sie
versuchen die Nachfrage künstlich nach oben zu treiben, damit sie
mehr Güter verkaufen können. Aber trotzdem kann man die Nachfrage
nicht unbeschränkt nach oben treiben, da einmal auch die Kaufkraft
dazu steigen muss und auch die Konsumlust der Menschen irgendwann
gesättigt ist. Deshalb ist die Ausrichtung der Wirtschaftspolitik
auf unbeschränktes Wirtschaftswachstum nicht sinnvoll. Stattdessen
ist eine Ausrichtung auf Bedürfnisbefriedigung sinnvoller.
Es gibt viele unterschiedliche Indikatoren mit unterschiedlichen
Ansätzen, die versuchen den Wohlstand messbar zu machen. Es ist aus
Platzgründen nicht möglich, jede einzelne Alternative zum BIP
vorzustellen, weswegen ich mich auf einige wenige konzentrieren
werde.
Eine jüngst vom OECD (=Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung) vorgestellte Alternative ist der
„Better Life Index“. Dieser versucht statt der Menge der
produzierten Güter, die Zufriedenheit der Bevölkerung zu messen.
Das geschieht mithilfe von elf unterschiedlichen Faktoren. Diese
können unterschiedlich gewichtet werden, sodass der „Better Life
Index“ und somit auch die Platzierung der Staaten sich verändern.
Die unterschiedlichen Bewertungen können dann anonym den
Entwicklern zugesendet werden. Mittlerweile wurden diese Ergebnisse
auch bereits von der OECD veröffentlicht. Weltweit wurde der
Bereich Gesundheit am Wichtigstem eingestuft, danach folgt der
Bereich der Lebenszufriedenheit. In Deutschland wird die
Lebenszufriedenheit höher als die Gesundheit bewertet. Auch
ansonsten gibt es Unterschiede. In Japan wird die Sicherheit hoch
bewertet, in Lateinamerika die Bildung oder in einigen europäischen
Ländern hingegen die Umwelt. Die Frage nach dem „besten“ Land ist
aber aufgrund dieser unterschiedlichen Gewichtung gar nicht so
einfach. Zudem wurden nur für die OECD-Länder Russland und
Brasilien die Indizes erstellt. Demnächst sollen aber auch andere
große Volkswirtschaften, wie China und Indien bewertet werden. Wenn
man alle Faktoren gleich bewertet, ist Australien auf dem erstem
Rang. Deutschland ist auf Rang 14. Ein weiterer Vorteil ist, dass
die Staaten besser einschätzen können, auf welchen Gebieten
Nachholbedarf besteht. Bei Deutschland ist der schlechteste Wert
der für das Zivilengagement, der durch die Wahlbeteiligung bestimmt
wird. Er beträgt nur 3,9 %. Vor allem der Abstand zwischen der
Wahlbeteiligung der Reichen und der Armen ist mit 81% zu 59%
relativ hoch. Auch bei dem Einkommen ist der Abstand beträchtlich:
Das reichste Fünftel verdient viermal soviel wie das ärmste
Fünftel.
Selbstverständlich ist auch der „Better Life Index“ nicht perfekt.
Der Punkt Zivilengagement ist zum Beispiel nur in einer Demokratie
anwendbar, da ansonsten entweder keine Wahlen stattfinden oder
diese keine Rolle spielen. Auch der Unterschied zwischen Ländern
mit und ohne Wahlpflicht stellt hier ein Problem dar. Auch ist der
„Better Life Index“ eher für wohlhabende Länder geeignet. Im
Bereich Bildung wird beispielsweise die Alphabetisierungsquote
nicht beachtet. Stattdessen werden Schülerleistungen zu Rate
gezogen, deren Benutzung voraussetzt, dass ein sehr großer Teil der
Kinder zur Schule geht. Nicht gefragt wird dabei nach der
Ernährungslage. Das liegt daran, dass vor allem wohlhabende Länder
miteinander verglichen werden. Bei diesen ist der Unterschied bei
der Alphabetisierung und bei der Ernährung eher gering. Deshalb
würde es auch nicht viel Sinn machen, diese Faktoren zu verwenden.
Doch trotz dieser Mängel ist der „Better Life Index“ besser für die
Messung der Zufriedenheit und des Erfolgs einer Regierung geeignet
als das BIP, da mehr als nur ein Faktor verwendet wird.
Da es nur eingeschränkt möglich ist, die ärmeren Länder mit dem
„Better Life Index“ zu bewerten, sollte dort ein anderer Maßstab
verwendet werden. Und tatsächlich gibt es einen anderen, nämlich
den „Human Development Index“ (HDI). Dieser misst mithilfe des
Bruttonationaleinkommens (vergleichbar mit dem BIP), der
Bildungsqualität und der Lebenserwartung den Stand der menschlichen
Entwicklung. Der bestmögliche Wert ist 1 und der schlimmstmögliche
0. Derzeit steht Norwegen mit einem Wert von 0,955 an erster
Stelle. Deutschland steht auf Rang 4 mit 0,920 Punkten. Der
Unterschied zwischen verschiedenen reichen Ländern ist also
deutlich geringer als beim „Better Life Index“. Allerdings wird
beim HDI die Qualität des sozialen Zusammenlebens, der Umwelt oder
das Vertrauen in die demokratischen Institutionen nicht gemessen.
Hier kann man ein grundlegendes Problem der Messung des Wohlstands
oder des Glücks mit einer Zahl erkennen. Keine Zahl kann alles
erfassen. Alle drei genannten Zahlen erfassen beispielsweise nicht
auf direktem Wege die persönliche Freiheit oder die Nachhaltigkeit.
Diese beiden Punkte sind für das (langfristige) Glück der Menschen
sehr wichtig. Dafür gibt es dann jedoch wieder andere Messmethoden.
Und deshalb sollen verschiedene Werte verwendet werden. Ein
gewisser Wohlstand ist für Glück unabdingbar, weshalb auch das BIP
beachtet werden muss. Dieses kann man versuchen abzuändern, damit
es die Verursachung von Schäden nicht beinhaltet. Soziale Faktoren,
wie eine gerechte Verteilung des Reichtums oder ökologische
Aspekte, wie der Kohlenstoffdioxidausstoß (pro Kopf) sollten
genauso verwendet werden, wie nicht messbare Faktoren. Dazu gehören
die persönliche Freiheit oder die Qualität des Zusammenlebens.
Nachgedacht über...
...Wie wird Wohlstand gemessen?
von Michael Gisbrecht



