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Nachgedacht über...

...Zeugnisnoten

von Michael Gisbrecht

Zweimal im Jahr gibt es Zeugnisse. Entweder erntet man die süßen Früchte der Arbeit oder man muss die bitteren Pillen schlucken. Ein Vorschlag der Linken im Wahlprogramm für Niedersachsen ist da garantiert der Traum eines jeden Schülers: die Abschaffung der Noten bis zum achtem Jahrgang. Jugendreporter Michael Gisbrecht fragt sich, ob das nur eine Schnapsidee ist oder ob sie wirklich sinnvoll ist.

Zuerst soll die Frage nach dem Zweck der Benotung gestellt werden. Wie jeder weiß dient sie der objektiven Bewertung der Schüler. Das ist für die Schüler sehr wichtig, damit sie wissen, wie sie stehen. Wichtig ist es auch für Personen, die ein Interesse an den schulischen Leistungen haben, wie Eltern und zukünftige Arbeitgeber. Die Eltern können auf das Kind Einfluss nehmen und die Arbeitgeber können sich bereits ein Bild von den Bewerbern machen

Das erste Problem bei den Noten ist, dass die Lehrer ja auch nur Menschen sind und Fehler machen können. Sie können vielleicht Meldungen übersehen und so die Leistung schlechter bewerten. Und wie jeder Mensch hat auch ein Lehrer sich schon schnell ein Bild von einem Schüler gemacht, das oft vorurteilsbehaftet ist. Dieses Bild wird nur äußerst schwer korrigiert und ein Lehrer wird vielleicht eher nach diesem Bild urteilen als nach der Realität. Auch können nicht alle Lehrer den Stoff gleich gut vermitteln. Wenn eine Klasse von einem Lehrer unterrichtet wird, der den Stoff schlecht vermittelt, wird die Leistung sowohl durch schlechtere Arbeiten als auch durch geringere Unterrichtsbeteiligung abnehmen. Außerdem urteilen Lehrer unterschiedlich streng, so dass ein Lehrerwechsel schon mal einen Unterschied von zwei Noten ausmachen kann.

In den heutigen Lehrplänen genießen die Kompetenzen den Vorrang vor bloßem Faktenlernen. Später benötigt man auch nur selten auswendig gelerntes Wissen, das man sich ja bei Bedarf auch anlernen kann, sondern eher Kompetenzen wie logisches Denken, Kreativität und Textverständnis. Doch werden diese Kompetenzen durch die Schulnoten meiner Meinung nach nur unzureichend ausgedrückt. Man erkennt nur das Wissen, das für den Test auswendig gelernt wurde und auch nicht, ob der Schüler weiter über diese Kenntnisse verfügt. Er kann etwas vergessen haben oder etwas neu dazu gelernt haben.

Was soll aber die Noten ersetzen? Eine Möglichkeit wäre ein Text über die Qualitäten des Schülers. Es ermöglicht auch Personen, die im Unterricht nicht anwesend waren, sich ein Bild vom Schüler zu machen. Es würde einen deutlichen Mehraufwand für Lehrer bedeuten, die teilweise für weit über 100 Schüler diese Beurteilungen schreiben müssten. Und auch dieses System wäre fehleranfällig, da kein Lehrer einen allumfassenden Einblick in den Schüler hat und sich auch hier auf sein äußeres, manchmal vorurteilsgetrübtes Bild verlassen muss. In dieser Sache hätte man also keinen Vorteil. Auch der Vergänglichkeit wird nicht vorgebeugt, da Kompetenzen verlernt und neu erlernt werden können. Und durch Noten wird indirekt auch das Beherrschen von Kompetenzen gezeigt. Im späteren Verlauf des Schullebens kommt man mit simplem Auswendiglernen nicht mehr weiter. Man muss Probleme lösen oder einen Sachverhalt kommentieren.

Auch haben wir bereits seit so langer Zeit Noten, dass man sie sich nicht mehr wegdenken kann. Man kann durch einen schnellen Blick die Leistung beurteilen. Das ist ein großer praktischer Vorteil der Noten und ein Grund, weshalb sie wohl nicht so schnell aufgegeben werden.

Zum Schluss ist zu sagen, dass die Idee zur Aufhebung der Noten der Versuch ist, ein System mit vielen Fehlern zu ersetzen. Bei näherem Hinsehen fällt aber auf, dass das Ersatzsystem an genau so vielen Fehlern leiden wird. Demzufolge, denke ich, kann man sich den ganzen Ärger sparen und bei dem Altbewährtem bleiben.

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