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Nachgedacht über...

...die Zukunft

Die Welt beim 475-jährigen Athe-Jubiläum

von Michael Gisbrecht

Immer wieder wird darüber spekuliert, wie die Zukunft aussehen könnte.
Die Vorstellungen reichen von schrecklichen Weltuntergangsprophezeiungen bis hin zu einer paradiesischen Utopie. Sie reichen von einem atomaren Krieg zu einer Zukunft ohne Krieg, von Raumschiffen, Robotern, Gentechnik und vielem Weiteren hin zu einem Rückfall zum technologischen Stand der Steinzeit. Deshalb ist es so schwer zu klären, wie Menschen einmal leben werden, obwohl es ja wirklich interessant wäre. In diesem Artikel soll versucht werden, darauf eine Antwort zu finden.


Die beste Möglichkeit für die Vorhersage der Zukunft ist wohl, sich die Vergangenheit anzusehen. Zwar kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren, zum Beispiel könnte morgen ein Atomkrieg zwischen den USA und Russland ausbrechen und weite Teile der Welt unbewohnbar machen. Oder Aliens könnten auf der Erde landen und uns erzählen, wie man ewig lebt und Roboter konstruiert, die uns unsere Arbeit abnehmen. Beide Szenarien erscheinen dabei ein wenig unrealistisch.

Technologie und Magie

Wenn man dagegen davon ausgeht, dass die Lebenserwartung weiter steigt oder Roboter mehr Arbeitsbereiche übernehmen, dann ist das nur die Fortführung der Vergangenheit und wirkt deutlich realistischer. Daneben soll es natürlich mit unserem Verständnis der Naturwissenschaften übereinstimmen. Dabei ist ein wenig Spekulation durchaus möglich, worin ich den Clarkeschen Gesetzen, aufgestellt von dem britischem Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke (1917-2008), folge:
Wenn ein angesehener, aber älterer Wissenschaftler behauptet, dass etwas möglich ist, dann hat er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Recht. Wenn er behauptet, dass etwas unmöglich ist, dann hat er höchstwahrscheinlich Unrecht.
Der einzige Weg, die Grenzen des Möglichen zu finden, ist ein klein wenig über diese hinaus in das Unmögliche vorzustoßen.
Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.

Dabei will ich besonders betrachten, wie sich die Welt für Jugendliche verändern wird.
Dazu denken wie uns eine Schülerin, nennen wir sie Marie, die im Jahre 2063 aufs Athenaeum geht. In diesem Jahr wird unsere Schule 475-jähriges Jubiläum feiern.

Doch wird das Athe zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch bestehen? Wird es vielleicht keine Schule mehr geben? In diesem Punkt kann ich beruhigen oder muss alle Hoffnungen zerstören. Da eine technisch hoch entwickelte Gesellschaft gut ausgebildete Menschen braucht, wird natürlich die Schule bestehen bleiben.
Doch wie wird die Zukunft der Schule aussehen? Der Science-Fiction-Autor Isaac Asimov (1920-1992) hat sich Gedanken über die Zukunft der Schule gemacht. In seiner Kurzgeschichte „Schule im Jahr 2157“ (Originaltitel: „The fun they had“) meinte er, dass elektronische Lehrer die Kinder unterrichten würden. Auf einem Bildschirm werden Lektionen angezeigt und Fragen gestellt. Die Antworten werden auf ein Blatt Papier geschrieben und in einen Schlitz gesteckt. Dabei müssen sie in einer Computersprache geschrieben sein, damit der Lehrer diese versteht und sofort die Note berechnet. In der Kurzgeschichte wird auch eine Bewertung vorgenommen. Die Kinder unserer Zeit, die in einem zentralen Gebäude von Menschen unterrichtet werden, werden um den Spaß beneidet, den sie (wir) hatten.

Diese Art des Unterrichts klingt vielleicht befremdlich für uns, aber trotzdem verdient dieses Szenario eine Prüfung darauf, ob es realistisch ist. Diese Art des Unterrichts hat ihre Vorteile. Zum Beispiel kann man den Unterricht von einem elektronischem Lehrer pro Schüler besser auf individuelle Stärken und Schwächen ausrichten, denn ein Lehrer (ob menschlich oder maschinell) kann sich nicht gleichzeitig auf 20 unterschiedliche Schüler konzentrieren. Dazu bräuchte man erst einmal Roboter, die intelligent genug sind, um einen Menschen richtig einzuschätzen, was für viele sehr unwahrscheinlich klingt. Da wir jedoch nicht von der Unmöglichkeit einer solchen Entwicklung ausgehen (siehe 1. Clarkesches Gesetz), wäre es irgendwann möglich. Auch wäre die Qualität des Unterrichts und die Schwierigkeit der Arbeiten vergleichbar, während menschliche Lehrer nicht alle gleich unterrichten, womit einige Schüler Vorteile und andere Nachteile haben. Aber trotzdem bleibt fraglich, wie viele Eltern ihre Kinder Roboter überlassen würden. Ein weiterer Punkt ist, dass Schüler nicht nur den „Stoff“ lernen, sondern auch lernen, wie man mit Menschen umgeht. Das können sie nicht, wenn sie nur zu Hause bleiben.
Auch sollte ein Kind etwas von der Welt sehen und selbst der Weg zur Schule und zurück ist besser als die Beschränkung auf das eigene Zimmer.

Maries Schulalltag
Unsere Marie wird also vermutlich ähnlich wie ein heutiger Schüler am Morgen aufstehen, sich zum Athe begeben, wobei hier ein Unterschied bestehen könnte. Sie könnte ein futuristisches Verkehrsmittel verwenden und könnte sich möglicherweise zur Schule teleportieren lassen. Das ist für die Zeit in knapp 50 Jahren zugegeben ein wenig unwahrscheinlich, und möglicherweise geht auch sie normal zu Fuß. In der Schule wird sie dann in einen Klassenraum gehen und von einem Lehrer unterrichtet werden. Wahrscheinlich wird das Whiteboard für sie so normal sein wie für uns eine Tafel, die es dann vielleicht auch nicht mehr in der Schule gibt. Möglicherweise schreibt sie ihre Notizen auch nicht in einen Block, sondern verwendet einen Laptop oder ein ähnliches Gerät.

Das Internet wird natürlich eine wichtige Rolle in Maries Leben spielen. Bereits heute wird es weltweit von 3 Milliarden Menschen benutzt und in Deutschland von mehr als 75% der Bevölkerung. Das Internet hat sich also mittlerweile bei der Mehrheit durchgesetzt. Dadurch entstehen neuartige Informations- oder Unterhaltungsformen wie Videospiele, Youtube-Videos und soziale Netzwerke. Alle drei Möglichkeiten der Internetnutzung werden von einem großen Teil der Bevölkerung verwendet. Der Branchenverband der Videospielentwickler geht von 26 Millionen Spielern in Deutschland aus. Davon sei die Hälfte über 30 und mehr als 40% der Spieler sei weiblich. Facebook als Beispiel für ein soziales Netzwerk hat in Deutschland 28 Millionen Nutzer und darunter durchaus auch ältere Menschen. Die meisten Organisationen haben mittlerweile eine Facebookseite. Youtube hat nach eigenen Angaben weltweit über eine Milliarde Nutzer. Auch ein reichhaltiges Angebot an Videos existiert und pro Minute werden laut Youtube etwa 300 Stunden an Videos hochgeladen. Digitale Medien sind Teil der Alltagskultur geworden, und wenn man den Trend der fortschreitenden Digitalisierung in die Zukunft fortsetzt, scheint es gewiss, dass das Internet an Wichtigkeit zunimmt.

Was wären jedoch mögliche Folgen der Digitalisierung? Im Roman „Ready Player One“, (erschienen 2011) von Ernest Cline, verbringen die meisten Menschen ihre Zeit im Online-Rollenspiel OASIS, während die reale Welt zunehmend verfällt. Zugleich versucht der Konzern Innovative Online Industries die Kontrolle über diese digitale Welt zu gewinnen, um daraus Profit zu schlagen. Dieses Schreckensszenario besagt, dass sich die Menschen vom oft frustrierenden und enttäuschenden realen Leben zurückziehen und stattdessen eine digitale Welt ohne Enttäuschungen bevorzugen würden. Einige werden vermutlich diese Chance auf Flucht vor der Realität wahrnehmen, genau wie die Menschen schon vor der Entwicklung des Internets zum Beispiel mithilfe von Drogen der Realität entkamen. Vermutlich werden die meisten Internetnutzer nicht ihr gesamtes Leben online verbringen - genau so wenig, wie sie es heute tun.

Überwachung wie in „1984“ oder Fühlfilme?

Die andere Gefahr, die besonders wegen des Überwachungsskandals, der mit Snowdens Veröffentlichungen vor fast zwei Jahren begann, aktuell erscheint, ist die Gefahr des Verlusts der Privatsphäre und somit die mögliche Gefahr der Errichtung eines totalitären Regimes. Da ist es nicht so einfach möglich, Entwarnung zu geben. Sowohl Geheimdienste als auch Konzerne versuchen die Kontrolle über die Daten zu gewinnen. Es wäre sowohl möglich, dass die Privatsphäre verloren geht als auch, dass sie erhalten bleibt. Das wird sich insbesondere daran entscheiden, wie viel Widerstand es gegen derartige Vorhaben gibt.

Für Marie wird das Internet noch viel alltäglicher sein, als es das heute schon ist. Viele Bereiche, die noch hauptsächlich offline ablaufen, werden in den online-Bereich verlagert worden sein. Sie wird ihre Informationen praktisch nur aus dem Internet erhalten und andere Medien vernachlässigen. Möglicherweise wird auch sie an einem riesigen Onlinespiel wie OASIS teilnehmen. Sie wird einen Großteil ihrer Freizeit wahrscheinlich mit Videos im Internet und sozialen Medien verbringen. Dabei wird sie jedoch die Balance zwischen realem und digitalem Leben wahren.

Natürlich wird es auch in Zukunft andere Freizeitmöglichkeiten als das Internet geben. Die Science-Fiction hat auch hier einige Angebote gemacht. Aldous Huxley (1894-1963) hat in „Schöne neue Welt“(erschienen 1932) Fühlfilme beschrieben, durch die man fühlen kann, was den Filmfiguren widerfährt. Asimov hat in „Die nackte Sonne“(erschienen 1956) das Sichten als Alternative zum Handy benannt. Dabei wird ein holografisches Abbild der anderen Person erstellt, als ob sie im Zimmer wäre. Beide Ideen sind prinzipiell möglich. Es gibt bereits Ansätze, Menschen das Gefühl zu geben, sie würden tatsächlich in der digitalen Welt umhergehen. Dieser als „virtual reality“ bezeichnete Ansatz ist ein Trend bei der diesjährigen Spielemesse E3.Das Fühlen wäre natürlich deutlich komplexer. Dazu müssten von außen entsprechende Nervensignale ans Gehirn gesendet werden. Dadurch könnten nicht nur Tasteindrücke, sondern auch Gerüche und Geschmack übertragen werden. Selbst wenn bislang kein viel versprechender Ansatz existiert, ist es bei entsprechenden neurologischen und technischen Kenntnissen möglich. Vielleicht kann unsere Schülerin dann nach der Schule ins Cinestar gehen und dort einen Fühlfilm genießen. An Hologrammprojektoren, die ein realistisches Abbild einer Person erzeugen können, wird bereits geforscht. Es ist gut möglich, dass man das Gegenüber bei einem Telefonat in Zukunft nicht nur hört, sondern so sieht, als ob er im Raum stände.

Lockeres Leben mit Robotern?

Neben der Schule und der Freizeit gibt es natürlich auch noch die Hausarbeit. Oft gibt es die Idee, dass uns Roboter solche unbeliebten Arbeiten abnehmen könnten. Im Grunde spricht nichts dagegen. Hausarbeiten erfordern meistens keine große Denkleistung, sondern nur die ständige Wiederholung gleicher Vorgänge. Das ist etwas, was Roboter gut können. Ansätze dieser Art gibt es bereits, zum Beispiel gibt es bereits Roboter zum Staubsaugen. Wenn immer mehr Arbeiten im Haushalt von Machinen übernommen werden würden, gäbe es natürlich deutlich mehr Freizeit. Unsere Marie könnte sich also vermutlich nur schwer vorstellen, wie es wäre, wenn man den gesamten Haushalt übernehmen müsste genau wie wir es uns nur schwer vorstellen können, wie es war, als man am Tag Stunden damit verbringen musste, Wäsche mit der Hand zu waschen.


Neben den freundlichen Haushaltsrobotern gibt es auch noch die Roboter, die intelligent werden und sich gegen ihre organischen Meister auflehnen. Ein Beispiel ist die Maschinenrasse der Geth aus der Science-Fiction-Rollenspielserie Mass Effect vom Entwicklerstudio Bioware (erster Teil erschienen 2007), die das Alienvolk der Quarianer von ihrem Heimatplaneten vertrieb. Erst einmal muss die Intelligenz eines Roboters mit der Intelligenz eines Menschen mithalten können. Davon sind wir momentan weit entfernt. In Teilbereichen sind Roboter Menschen bereits überlegen, wie der Sieg eines Roboters über den Schachweltmeister Garri Kasparov 1997 zeigt. Ein Test für echte künstliche Intelligenz ist der Turing-Test. Dabei kommuniziert ein Mensch über ein Chatprogramm mit einem anderen Menschen und einem Roboter. Beide versuchen den Testenden davon zu überzeugen, dass sie ebenfalls Menschen sind. Wenn dieser nicht mit Bestimmtheit sagen kann, wer der Mensch ist, gilt die Maschine als intelligent. Bisher hat keine Maschine diesen Test bestanden.

Ethische Probleme und nötige Vorgaben

Wenn es irgendwann möglich ist, solche Roboter zu konstruieren, müsste sich die Menschheit überlegen, wie sie mit ihren Möglichkeiten umgeht. Es gibt zwei Schutzmöglichkeiten. Die erste ist, keine KIs (Künstliche Intelligenz) zu bauen. Es klingt einfach, doch zuallererst ist es schwierig zu kontrollieren, dass nirgendwo eine KI entwickelt wird. Zweitens könnte eine KI möglicherweise auch versehentlich entstehen. Auch die oben erwähnten Quarianer haben nur versehentlich eine intelligente Roboterspezies konstruiert. Die zweite Möglichkeit wäre, den Robotern Regeln einzuprogrammieren, die es ihnen unmöglich machen zu rebellieren. Isaac Asimov hat solche Regeln entwickelt:
Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem menschlichen Wesen (wissentlich) schaden zugefügt wird.
Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen, es sei denn, ein solcher Befehl würde gegen Regel eins verstoßen.
Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder Regel zwei verstößt.

Diese Regeln bieten aber nicht immer klare Handlungsanweisungen. Im Film „I, Robot“ (2004) von Alex Proyas entwickelt zum Beispiel ein Roboter aus den drei Gesetzen der Robotik die Idee, dass er die Menschheit versklaven muss, um sie vor sich selbst zu beschützen. Auch wäre es denkbar, dass ein Roboter sich selber umprogrammiert, wenn er intelligent genug ist. Trotzdem ist dieser Ansatz der einzig richtige. Sie brauchen ethische Vorgaben, die sie davon abhalten, Menschen wissentlich Schaden zuzufügen. Bei intelligenten Robotern mit einem Bewusstsein werden sich außerdem grundsätzliche ethische Probleme ergeben:
Haben Roboter die gleichen Rechte wie Menschen, wenn sie sich wie Menschen ihrer selbst bewusst sind?
Wie ist der Status von Mensch-Maschine-Hybriden einzustufen?
Und bräuchten wir vielleicht gar eine völlig andere Definition vom Menschen?

Unsere Marie und ihre Mitmenschen müssen sich also in der Zukunft dringend auch mit diesen ethischen Fragen beschäftigen. Und das kann ja schon in der Schule anfangen.

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