Immer wieder wird darüber spekuliert, wie die Zukunft aussehen
könnte.
Die Vorstellungen reichen von schrecklichen
Weltuntergangsprophezeiungen bis hin zu einer paradiesischen
Utopie. Sie reichen von einem atomaren Krieg zu einer Zukunft ohne
Krieg, von Raumschiffen, Robotern, Gentechnik und vielem Weiteren
hin zu einem Rückfall zum technologischen Stand der Steinzeit.
Deshalb ist es so schwer zu klären, wie Menschen einmal leben
werden, obwohl es ja wirklich interessant wäre. In diesem Artikel
soll versucht werden, darauf eine Antwort zu finden.
Die beste Möglichkeit für die Vorhersage der Zukunft ist wohl, sich
die Vergangenheit anzusehen. Zwar kann immer etwas
Unvorhergesehenes passieren, zum Beispiel könnte morgen ein
Atomkrieg zwischen den USA und Russland ausbrechen und weite Teile
der Welt unbewohnbar machen. Oder Aliens könnten auf der Erde
landen und uns erzählen, wie man ewig lebt und Roboter konstruiert,
die uns unsere Arbeit abnehmen. Beide Szenarien erscheinen dabei
ein wenig unrealistisch.
Technologie und Magie
Wenn man dagegen davon ausgeht, dass die Lebenserwartung weiter
steigt oder Roboter mehr Arbeitsbereiche übernehmen, dann ist das
nur die Fortführung der Vergangenheit und wirkt deutlich
realistischer. Daneben soll es natürlich mit unserem Verständnis
der Naturwissenschaften übereinstimmen. Dabei ist ein wenig
Spekulation durchaus möglich, worin ich den Clarkeschen Gesetzen,
aufgestellt von dem britischem Science-Fiction-Autor Arthur C.
Clarke (1917-2008), folge:
Wenn ein angesehener, aber älterer Wissenschaftler behauptet, dass
etwas möglich ist, dann hat er mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit Recht. Wenn er behauptet, dass etwas unmöglich
ist, dann hat er höchstwahrscheinlich Unrecht.
Der einzige Weg, die Grenzen des Möglichen zu finden, ist ein klein
wenig über diese hinaus in das Unmögliche vorzustoßen.
Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht
zu unterscheiden.
Dabei will ich besonders betrachten, wie sich die Welt für
Jugendliche verändern wird.
Dazu denken wie uns eine Schülerin, nennen wir sie Marie, die im
Jahre 2063 aufs Athenaeum geht. In diesem Jahr wird unsere Schule
475-jähriges Jubiläum feiern.
Doch wird das Athe zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch bestehen?
Wird es vielleicht keine Schule mehr geben? In diesem Punkt kann
ich beruhigen oder muss alle Hoffnungen zerstören. Da eine
technisch hoch entwickelte Gesellschaft gut ausgebildete Menschen
braucht, wird natürlich die Schule bestehen bleiben.
Doch wie wird die Zukunft der Schule aussehen? Der
Science-Fiction-Autor Isaac Asimov (1920-1992) hat sich Gedanken
über die Zukunft der Schule gemacht. In seiner Kurzgeschichte
„Schule im Jahr 2157“ (Originaltitel: „The fun they had“) meinte
er, dass elektronische Lehrer die Kinder unterrichten würden. Auf
einem Bildschirm werden Lektionen angezeigt und Fragen gestellt.
Die Antworten werden auf ein Blatt Papier geschrieben und in einen
Schlitz gesteckt. Dabei müssen sie in einer Computersprache
geschrieben sein, damit der Lehrer diese versteht und sofort die
Note berechnet. In der Kurzgeschichte wird auch eine Bewertung
vorgenommen. Die Kinder unserer Zeit, die in einem zentralen
Gebäude von Menschen unterrichtet werden, werden um den Spaß
beneidet, den sie (wir) hatten.
Diese Art des Unterrichts klingt vielleicht befremdlich für uns,
aber trotzdem verdient dieses Szenario eine Prüfung darauf, ob es
realistisch ist. Diese Art des Unterrichts hat ihre Vorteile. Zum
Beispiel kann man den Unterricht von einem elektronischem Lehrer
pro Schüler besser auf individuelle Stärken und Schwächen
ausrichten, denn ein Lehrer (ob menschlich oder maschinell) kann
sich nicht gleichzeitig auf 20 unterschiedliche Schüler
konzentrieren. Dazu bräuchte man erst einmal Roboter, die
intelligent genug sind, um einen Menschen richtig einzuschätzen,
was für viele sehr unwahrscheinlich klingt. Da wir jedoch nicht von
der Unmöglichkeit einer solchen Entwicklung ausgehen (siehe 1.
Clarkesches Gesetz), wäre es irgendwann möglich. Auch wäre die
Qualität des Unterrichts und die Schwierigkeit der Arbeiten
vergleichbar, während menschliche Lehrer nicht alle gleich
unterrichten, womit einige Schüler Vorteile und andere Nachteile
haben. Aber trotzdem bleibt fraglich, wie viele Eltern ihre Kinder
Roboter überlassen würden. Ein weiterer Punkt ist, dass Schüler
nicht nur den „Stoff“ lernen, sondern auch lernen, wie man mit
Menschen umgeht. Das können sie nicht, wenn sie nur zu Hause
bleiben.
Auch sollte ein Kind etwas von der Welt sehen und selbst der Weg
zur Schule und zurück ist besser als die Beschränkung auf das
eigene Zimmer.
Maries Schulalltag
Unsere Marie wird also vermutlich ähnlich wie ein heutiger Schüler
am Morgen aufstehen, sich zum Athe begeben, wobei hier ein
Unterschied bestehen könnte. Sie könnte ein futuristisches
Verkehrsmittel verwenden und könnte sich möglicherweise zur Schule
teleportieren lassen. Das ist für die Zeit in knapp 50 Jahren
zugegeben ein wenig unwahrscheinlich, und möglicherweise geht auch
sie normal zu Fuß. In der Schule wird sie dann in einen Klassenraum
gehen und von einem Lehrer unterrichtet werden. Wahrscheinlich wird
das Whiteboard für sie so normal sein wie für uns eine Tafel, die
es dann vielleicht auch nicht mehr in der Schule gibt.
Möglicherweise schreibt sie ihre Notizen auch nicht in einen Block,
sondern verwendet einen Laptop oder ein ähnliches Gerät.
Das Internet wird natürlich eine wichtige Rolle in Maries Leben
spielen. Bereits heute wird es weltweit von 3 Milliarden Menschen
benutzt und in Deutschland von mehr als 75% der Bevölkerung. Das
Internet hat sich also mittlerweile bei der Mehrheit durchgesetzt.
Dadurch entstehen neuartige Informations- oder Unterhaltungsformen
wie Videospiele, Youtube-Videos und soziale Netzwerke. Alle drei
Möglichkeiten der Internetnutzung werden von einem großen Teil der
Bevölkerung verwendet. Der Branchenverband der Videospielentwickler
geht von 26 Millionen Spielern in Deutschland aus. Davon sei die
Hälfte über 30 und mehr als 40% der Spieler sei weiblich. Facebook
als Beispiel für ein soziales Netzwerk hat in Deutschland 28
Millionen Nutzer und darunter durchaus auch ältere Menschen. Die
meisten Organisationen haben mittlerweile eine Facebookseite.
Youtube hat nach eigenen Angaben weltweit über eine Milliarde
Nutzer. Auch ein reichhaltiges Angebot an Videos existiert und pro
Minute werden laut Youtube etwa 300 Stunden an Videos hochgeladen.
Digitale Medien sind Teil der Alltagskultur geworden, und wenn man
den Trend der fortschreitenden Digitalisierung in die Zukunft
fortsetzt, scheint es gewiss, dass das Internet an Wichtigkeit
zunimmt.
Was wären jedoch mögliche Folgen der Digitalisierung? Im Roman
„Ready Player One“, (erschienen 2011) von Ernest Cline, verbringen
die meisten Menschen ihre Zeit im Online-Rollenspiel OASIS, während
die reale Welt zunehmend verfällt. Zugleich versucht der Konzern
Innovative Online Industries die Kontrolle über diese digitale Welt
zu gewinnen, um daraus Profit zu schlagen. Dieses
Schreckensszenario besagt, dass sich die Menschen vom oft
frustrierenden und enttäuschenden realen Leben zurückziehen und
stattdessen eine digitale Welt ohne Enttäuschungen bevorzugen
würden. Einige werden vermutlich diese Chance auf Flucht vor der
Realität wahrnehmen, genau wie die Menschen schon vor der
Entwicklung des Internets zum Beispiel mithilfe von Drogen der
Realität entkamen. Vermutlich werden die meisten Internetnutzer
nicht ihr gesamtes Leben online verbringen - genau so wenig, wie
sie es heute tun.
Überwachung wie in „1984“ oder Fühlfilme?
Die andere Gefahr, die besonders wegen des Überwachungsskandals,
der mit Snowdens Veröffentlichungen vor fast zwei Jahren begann,
aktuell erscheint, ist die Gefahr des Verlusts der Privatsphäre und
somit die mögliche Gefahr der Errichtung eines totalitären Regimes.
Da ist es nicht so einfach möglich, Entwarnung zu geben. Sowohl
Geheimdienste als auch Konzerne versuchen die Kontrolle über die
Daten zu gewinnen. Es wäre sowohl möglich, dass die Privatsphäre
verloren geht als auch, dass sie erhalten bleibt. Das wird sich
insbesondere daran entscheiden, wie viel Widerstand es gegen
derartige Vorhaben gibt.
Für Marie wird das Internet noch viel alltäglicher sein, als es das
heute schon ist. Viele Bereiche, die noch hauptsächlich offline
ablaufen, werden in den online-Bereich verlagert worden sein. Sie
wird ihre Informationen praktisch nur aus dem Internet erhalten und
andere Medien vernachlässigen. Möglicherweise wird auch sie an
einem riesigen Onlinespiel wie OASIS teilnehmen. Sie wird einen
Großteil ihrer Freizeit wahrscheinlich mit Videos im Internet und
sozialen Medien verbringen. Dabei wird sie jedoch die Balance
zwischen realem und digitalem Leben wahren.
Natürlich wird es auch in Zukunft andere Freizeitmöglichkeiten als
das Internet geben. Die Science-Fiction hat auch hier einige
Angebote gemacht. Aldous Huxley (1894-1963) hat in „Schöne neue
Welt“(erschienen 1932) Fühlfilme beschrieben, durch die man fühlen
kann, was den Filmfiguren widerfährt. Asimov hat in „Die nackte
Sonne“(erschienen 1956) das Sichten als Alternative zum Handy
benannt. Dabei wird ein holografisches Abbild der anderen Person
erstellt, als ob sie im Zimmer wäre. Beide Ideen sind prinzipiell
möglich. Es gibt bereits Ansätze, Menschen das Gefühl zu geben, sie
würden tatsächlich in der digitalen Welt umhergehen. Dieser als
„virtual reality“ bezeichnete Ansatz ist ein Trend bei der
diesjährigen Spielemesse E3.Das Fühlen wäre natürlich deutlich
komplexer. Dazu müssten von außen entsprechende Nervensignale ans
Gehirn gesendet werden. Dadurch könnten nicht nur Tasteindrücke,
sondern auch Gerüche und Geschmack übertragen werden. Selbst wenn
bislang kein viel versprechender Ansatz existiert, ist es bei
entsprechenden neurologischen und technischen Kenntnissen möglich.
Vielleicht kann unsere Schülerin dann nach der Schule ins Cinestar
gehen und dort einen Fühlfilm genießen. An Hologrammprojektoren,
die ein realistisches Abbild einer Person erzeugen können, wird
bereits geforscht. Es ist gut möglich, dass man das Gegenüber bei
einem Telefonat in Zukunft nicht nur hört, sondern so sieht, als ob
er im Raum stände.
Lockeres Leben mit Robotern?
Neben der Schule und der Freizeit gibt es natürlich auch noch die
Hausarbeit. Oft gibt es die Idee, dass uns Roboter solche
unbeliebten Arbeiten abnehmen könnten. Im Grunde spricht nichts
dagegen. Hausarbeiten erfordern meistens keine große Denkleistung,
sondern nur die ständige Wiederholung gleicher Vorgänge. Das ist
etwas, was Roboter gut können. Ansätze dieser Art gibt es bereits,
zum Beispiel gibt es bereits Roboter zum Staubsaugen. Wenn immer
mehr Arbeiten im Haushalt von Machinen übernommen werden würden,
gäbe es natürlich deutlich mehr Freizeit. Unsere Marie könnte sich
also vermutlich nur schwer vorstellen, wie es wäre, wenn man den
gesamten Haushalt übernehmen müsste genau wie wir es uns nur schwer
vorstellen können, wie es war, als man am Tag Stunden damit
verbringen musste, Wäsche mit der Hand zu waschen.
Neben den freundlichen Haushaltsrobotern gibt es auch noch die
Roboter, die intelligent werden und sich gegen ihre organischen
Meister auflehnen. Ein Beispiel ist die Maschinenrasse der Geth aus
der Science-Fiction-Rollenspielserie Mass Effect vom
Entwicklerstudio Bioware (erster Teil erschienen 2007), die das
Alienvolk der Quarianer von ihrem Heimatplaneten vertrieb. Erst
einmal muss die Intelligenz eines Roboters mit der Intelligenz
eines Menschen mithalten können. Davon sind wir momentan weit
entfernt. In Teilbereichen sind Roboter Menschen bereits überlegen,
wie der Sieg eines Roboters über den Schachweltmeister Garri
Kasparov 1997 zeigt. Ein Test für echte künstliche Intelligenz ist
der Turing-Test. Dabei kommuniziert ein Mensch über ein
Chatprogramm mit einem anderen Menschen und einem Roboter. Beide
versuchen den Testenden davon zu überzeugen, dass sie ebenfalls
Menschen sind. Wenn dieser nicht mit Bestimmtheit sagen kann, wer
der Mensch ist, gilt die Maschine als intelligent. Bisher hat keine
Maschine diesen Test bestanden.
Ethische Probleme und nötige Vorgaben
Wenn es irgendwann möglich ist, solche Roboter zu konstruieren,
müsste sich die Menschheit überlegen, wie sie mit ihren
Möglichkeiten umgeht. Es gibt zwei Schutzmöglichkeiten. Die erste
ist, keine KIs (Künstliche Intelligenz) zu bauen. Es klingt
einfach, doch zuallererst ist es schwierig zu kontrollieren, dass
nirgendwo eine KI entwickelt wird. Zweitens könnte eine KI
möglicherweise auch versehentlich entstehen. Auch die oben
erwähnten Quarianer haben nur versehentlich eine intelligente
Roboterspezies konstruiert. Die zweite Möglichkeit wäre, den
Robotern Regeln einzuprogrammieren, die es ihnen unmöglich machen
zu rebellieren. Isaac Asimov hat solche Regeln entwickelt:
Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen
oder durch Untätigkeit zulassen, dass einem menschlichen Wesen
(wissentlich) schaden zugefügt wird.
Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen
gehorchen, es sei denn, ein solcher Befehl würde gegen Regel eins
verstoßen.
Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz
nicht mit Regel eins oder Regel zwei verstößt.
Diese Regeln bieten aber nicht immer klare Handlungsanweisungen. Im
Film „I, Robot“ (2004) von Alex Proyas entwickelt zum Beispiel ein
Roboter aus den drei Gesetzen der Robotik die Idee, dass er die
Menschheit versklaven muss, um sie vor sich selbst zu beschützen.
Auch wäre es denkbar, dass ein Roboter sich selber umprogrammiert,
wenn er intelligent genug ist. Trotzdem ist dieser Ansatz der
einzig richtige. Sie brauchen ethische Vorgaben, die sie davon
abhalten, Menschen wissentlich Schaden zuzufügen. Bei intelligenten
Robotern mit einem Bewusstsein werden sich außerdem grundsätzliche
ethische Probleme ergeben:
Haben Roboter die gleichen Rechte wie Menschen, wenn sie sich wie
Menschen ihrer selbst bewusst sind?
Wie ist der Status von Mensch-Maschine-Hybriden einzustufen?
Und bräuchten wir vielleicht gar eine völlig andere Definition vom
Menschen?
Unsere Marie und ihre Mitmenschen müssen sich also in der Zukunft
dringend auch mit diesen ethischen Fragen beschäftigen. Und das
kann ja schon in der Schule anfangen.
Nachgedacht über...
...die Zukunft
Die Welt beim 475-jährigen Athe-Jubiläum
von Michael Gisbrecht



