Warum ist Fliegen sicher?
Neutralpunkt, Schwerpunkt und Flugstabilität im Unterricht
Die gesamte moderne Luftfahrt baut darauf: Dass Flugzeuge
eigenstabil sind, um sicher zu fliegen. Das Fehlen dieser
Erkenntnis hat einst Otto Lilienthal das Leben gekostet. Aber schon
die Gebrüder Wright kannten das Problem. Darum überlebten sie ihre
Flugversuche und wurden die entscheidenden Pioniere des bemannten
Fliegens.
Tag für Tag vertrauen Millionen ihr Leben eigenstabilen Flugzeugen
an, doch niemand lernt in der Schule, warum sie dies unbesorgt tun
können. Wir meinen: Es wird Zeit, dass diese Grunderkenntnis der
Strömungsmechanik nicht länger nur einem kleinen Kreis von
Ingenieuren, Piloten und Modellfliegern vorbehalten sein darf.
Gemeinhin lernen Schüler anschaulich, "warum ein Flugzeug (Vogel,
Samen) fliegt". Gemeint ist der Auftrieb an einem Flügel, der mit
einem gewissen Anstellwinkel von einem flüssigen Medium umströmt
wird. Dass dieser Flügel nutzlos ist, wenn er nicht von einem
zweiten Flügel in diesem Anstellwinkel stabilisiert wird, gehört
schon nicht mehr dazu.
Flugphysik hat die schöne Eigenschaft, dass sie sich mit selbst
gebauten Versuchsobjekten erarbeiten lässt. Das macht sich auch das
Schüler-Fluglabor zu Nutze: Mit einem leichten Gleiter, der in
Klassenräumen oder Turnhallen messbare Leistungen hat und einfach
zu bauen ist. Die Konstruktion stammt von Dr. Heinrich Eder, der
sich in den letzten Jahren mit allen Formen des Saalflugs befasste
("Saalflug" bezieht sich auf frei fliegende, also nicht
radiogesteuerte, leichte Flugmodelle). Der Bauplan, die
Arbeitsblätter zu den Flugversuchen und die theoretischen
Grundlagen lassen sich kostenfrei unter
http://www.athenaeum-stade.de/fluglabor als Teil 1 des "Athenaeum
Fluglabor" herunterladen. Dazu gibt es ein Video, in dem Schüler
zeigen, wie schön der Versuchsgleiter "Centaur" fliegt.
Methodisch konzentriert sich dieses Kapitel auf den Geradeaus-Flug
und die Nick-Bewegung eines Flugzeugs (engl. "pitch"). Das ist die
Bewegung um die Querachse, die das Steigen oder Sinken beschreibt.
Um die Komplexität methodisch weiter zu verringern, wurde auch auf
einen Motor als Antrieb verzichtet. Antrieb ist allein die
Schwerkraft, die in der schrägen Flugbahn des Gleitflugs
resultiert. Sie erlaubt, die Leistung der Modelle unmittelbar zu
vergleichen: Das Modell, das am weitesten gleitet, ist am besten
eingestellt.
Theoretisch gründet die "Einführung in das Schüler-Fluglabor" auf
der Neutralpunkt-Theorie, die in den vierziger Jahren von der NACA
(heute NASA) entwickelt wurde. Sie erlaubte erstmals, den
Schwerpunkt eines neuen Flugzeugs genau zu berechnen, bevor
Flugversuche unternommen wurden, die für Prototyp und Pilot
gleichermaßen gefährlich waren. Mit Neutralpunkttheorie und daraus
folgender Schwerpunktbestimmung lassen sich seitdem
Flugeigenschaften festlegen, die früher - die Massenproduktionen
des Zweiten Weltkriegs eingeschlossen! - eher auf der Erfahrung der
Ingenieure als auf mathematischen Formeln beruhten.
Die Einstellungen, die am Modell vorgenommen werden können, sind
die Einstellwinkeldifferenz von Tragflügel und Höhenleitwerk sowie
der Schwerpunkt. Dieser wird durch ein bewegliches Gewicht vor dem
Flügel verändert, die passende Trimmung dazu praktisch ermittelt.
Grundsätzlich gibt es an einem Flugzeug nicht nur eine mögliche
Schwerpunktlage, sondern viele. Zu jeder Schwerpunktlage gehören
bestimmte Flugeigenschaften. Und mit der Schwerpunktlage verändert
sich auch die Aerodynamik vor allem des zweiten Flügels, des
Höhenleitwerks: Je nach seiner Belastung erzeugt es Stabilität
durch seinen Auftrieb oder durch seinen Abtrieb.
Der Neutralpunkt liegt für jeden Flügel und für jedes Flügelprofil
bei 25%; kombiniert mit dem Neutralpunkt des Höhenleitwerks kann er
für das gesamte Flugzeug an der Flügel-Hinterkante liegen, oder
dahinter. Für einen eigenstabilen Flug muss der Schwerpunkt vorm
Neutralpunkt liegen, etwa 5 bis 25% der Flügeltiefe. Wie sich das
auf Leistung und Flugverhalten auswirkt, lässt sich mit dem
Testmodell erarbeiten.
Freilich, nicht alles lässt sich am Modell durchspielen. Bei
modernen Militärflugzeugen wie dem Eurofighter liegt der
Schwerpunkt hinter dem Neutralpunkt; Computer sorgen für die
Flugstabilität. Der Vorteil: außergewöhnliche Manövrierfähigkeit.
Doch ein lebensrettender Gleitflug wie der des Airbus A 320, den
Flugkapitän Chesley Sullenberger am 15. Januar 2009 nach Ausfall
der Triebwerke mitten in Manhattan auf dem Hudson River aufsetzte,
der verlangt eine gute Eigenstabilität und die entsprechende
Schwerpunktlage.
Dr. Helmut Schneider, Dr. Heinrich Eder, Gerhard Wöbbeking
Das Schüler-Fluglabor

Video mit Flugeindrücken
von Noah Carstensen und Bennet Oddoy

Es geht weiter - wir haben ein neues Modell und möchten mit diesem
mit einer Schülergruppe zu einem Wettbewerb fahren.
Es wiegt 2 g und schafft schon als Prototyp 3 Minuten 20 sek. 3
minuten 41 sek ist der Rekord der letzten Deutschen Meisterschaft.
Mit dieser Zeit wären wir schon 2 ter geworden.



